SOMETHING ROTTEN!: Das neue „Book of Mormon“?

Etwas ist faul im St. James Theatre. Dort feierte diese Woche das brandneue Broadway-Musical Something Rotten! seine Premiere. Bei einer Preview-Vorstellung vor zwei Wochen wollte ich mir ein Bild davon machen, ob hier wirklich der Name Programm ist.

Bereits bevor sich der Vorhang zum allerersten Mal vor Publikum hob, machte Something Rotten! mit seiner genialen Vermarktung auf sich aufmerksam. Man warb mit Sprüchen wie „All actors promise to memorize most of their lines“, über soziale Netzwerke erfolgte der Aufruf: „Spread the word, not the plague!“

© Joan Marcus
© Joan Marcus

Am Vordach des Theaters macht schon seit Wochen ein Zitat der New York Times Passanten neugierig … nämlich das absolut aussagekräftige „We haven’t seen it yet.“ Nachdem die ersten paar Previews über die Bühne gegangen waren, lautete die Reklame auf allen Postern voller Selbstironie: „Perhaps we shouldn’t have canceled the out-of-town tryout.“

Something Rotten! hat es geschafft, schon Wochen vor seiner Premiere in aller Munde zu sein, ohne dass es auf einem berühmten Buch oder Film basiert oder bereits bestehende Jukebox-Musik verwendet.

Das Musical spielt in den 90ern … den 1590ern, um genau zu sein. In London versuchen die Brüder Nick und Nigel Bottom verzweifelt, ein erfolgreiches Theaterstück zu schreiben. Dabei stehen sie im Schatten des Renaissance-Rockstars William Shakespeare, der von ganz London als „The Bard“ frenetisch gefeiert wird. Während der schüchterne, aber poetisch hochbegabte Nigel insgeheim ein großer Fan des Barden ist, hegt Nick seinem Konkurrenten gegenüber starke Hassgefühle.

Er beschließt, in einer sehr dunklen und zwielichtigen Gegend der Stadt einen Hellseher aufzusuchen, der ihm das Erfolgsrezept für Theater in der Zukunft voraussagen soll. Doch was dieser prophezeit, klingt vollkommen absurd. Die Zukunft des Theaters heißt … „Musical“? Ein Theaterstück, bei dem die Protagonisten ohne Vorwarnung aus dem Nichts heraus in spontanen Gesang ausbrechen? Bei dem der Handlungsverlauf durch Tanznummern stillgelegt wird, welche für die Geschichte vollkommen irrelevant sind? Gibt es überhaupt Leute, die sich so einen Schwachsinn anschauen?

© Joan Marcus
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Zunächst steht Nick dieser Idee skeptisch gegenüber, aber da er endlich seinen großen Durchbruch als Schreiberling haben will, macht er sich schließlich gemeinsam mit seinem Bruder daran, das erste Musical der Welt zu schreiben. Dabei sind natürlich jede Menge Missverständnisse vorprogrammiert.

Durch die Vermarktung wird bei den Zuschauern eine extrem hohe Erwartungshaltung aufgebaut. Schon bevor der Vorhang in der besuchten Vorstellung sich hob, merkte man, dass das Publikum an dem Abend richtig viel Lust auf das Stück hatte. Von allen Seiten bekam man die Neugier der gespannten Besucher mit, die sich darauf freuten, ein Stück zu sehen mit Liedern, die noch keiner gehört hatte, mit Witzen, die noch keiner kannte und mit einer Geschichte, deren Entwicklung noch nicht bekannt war. Das Stück wurde von der ersten Szene an mit offenen Armen von dem Publikum am Broadway willkommen geheißen, die Stimmung in dieser Preview-Vorstellung übertraf alles, was ich je zuvor in einem Theater erlebt hatte. Die Zuschauer feierten dabei nicht nur das Stück und seine Darsteller, sondern auch ihre eigene pure Freude darüber, etwas Neues zu erleben, was von der Theater-Community mit Spannung erwartet wurde.

Der große Höhepunkt von Something Rotten! ist die großartige achtminütige Shownummer „A Musical“ in der Mitte des ersten Aktes. Während auf der Bühne mit einer Musicalanspielung nach der anderen um sich geschmissen wird, scheinen die Zuschauer gegeneinander „Wer erkennt die meisten Musicals?“ zu spielen: Wer kann lauter lachen und ekstatischer klatschen als sein Nachbar? Während sich das Geschehen auf der Bühne immer weiter steigert, schaukelt sich auch das Publikum gegenseitig hoch, was acht Minuten später in einen nicht enden wollenden Applaus mündet, der den Theatersaal zum Beben bringt. In anderen Preview-Vorstellungen gipfelte die Szene sogar in spontane Standing Ovations mitten im ersten Akt. Selbst wenn man nicht jede einzelne Anspielung auf vergangene Musical-Klassiker auf Anhieb erkennt und versteht, ist es ein ungeheurer Spaß, diese Szene live mitzuerleben.

Dadurch, dass Something Rotten! sein großen, großen Showstopper bereits so früh raushaut, legt die Show sich selbst die Messlatte für den restlichen Verlauf des Abends sehr hoch. Doch auch, wenn keine andere Szene danach mehr dieselbe Publikumsreaktion hervorruft, so hat das Musical spätestens ab diesem Moment die Zuschauer bis zur letzten Reihe vollkommen in seiner Hand und weiß diese bis zum Schluss gut zu unterhalten.

© Joan Marcus
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Während meiner New York-Reise bedauerte ich es ein wenig, kein einziges Revival der guten, alten Broadway-Klassiker mit kultigen großen Tanzszenen auf meinem Programm stehen zu haben. Aber glücklicherweise kam ich in dieser Hinsicht bei Something Rotten! voll auf meine Kosten und saß die meiste Zeit über mit einem breiten Grinsen auf meinem fantastischen Platz in der Mitte der zweiten Front-Mezzanine-Reihe. Denn das Musical ist unter der Leitung von Regisseur und Choreograf Casey Nicholaw (Aladdin & The Book of Mormon) nicht nur kunterbunte Parodie, sondern auch warmherzige Hommage.

Die Choreografien sind wohlig altmodisch mit einer großen Portion Theatertradition, ohne jedoch verstaubt oder unmodern zu wirken. Und obwohl die Musik viele alte Klassiker zitiert (und meistens nicht gerade subtil), klingt der Score von den Brüdern Wayne und Karey Kirkpatrick frisch und unverbraucht. Die Lieder gehen schnell ins Ohr und beim Verlassen des Theaters weiß man nicht, ob man nun „Welcome to the Renaissance“, „I Hate Shakespeare“, „We See the Light“ oder doch lieber „Bottom’s Gonna Be on Top“ (zwinker, zwinker) summen soll. Meine Showtunes-Sammlung sehnt sich schon danach, durch die hoffentlich möglichst bald erscheinende Cast Recording von Something Rotten! ergänzt zu werden.

Dass das Musical so gut beim Publikum ankommt, ist auch der ansteckenden Energie seiner erstklassigen Besetzung zu verdanken. Nach der Vorstellung erzählten die Darsteller an der Stage Door, wie aufregend diese Wochen für sie seien, da das Stück sich immer noch so neu anfühle und vom Team kaum jemand mit so einer gigantischen Publikumsreaktion gerechnet habe.

In der Hauptrolle ist Brian d’Arcy James als Nick Bottom der große Star von Something Rotten! Mit genialem komödiantischem Talent kostet er jede seiner Pointen voll aus und obwohl Nick so verbissen auf einen Hit ist, dass er dabei oft den Blick fürs Wesentliche verliert, gelingt es James, das Publikum auf seine Seite zu ziehen.

Die Rolle von Nicks Bruder Nigel scheint John Cariani auf den Leib geschrieben zu sein. Als liebenswerter Underdog ist er der große Sympathieträger der Zuschauer und neben seinem Bühnenbruder der heimliche Star des Abends.

Auch Nicks proaktive Frau Bea schließt man sofort ins Herz. Heidi Blickenstaff spielt hier laut eigener Aussage „die erste Feministin der Welt“, die ganz alleine den Haushalt schmeißt (und der war gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als man seinem Mittagessen noch quer durch den Wald hinterherlaufen musste, sicherlich kein Kinderspiel). Blickenstaff spielt ihre Rolle so extrem cool und sympathisch, dass man am liebsten noch viel mehr von ihr sehen würde.

© Joan Marcus
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Der große Publikumsliebling Christian Borle ist als Shakespeare herrlich arrogant und narzisstisch. Ganz London liegt dem Barden zu Füßen, aber keiner feiert ihn so sehr wie er sich selbst feiert. Borle spielt diesen Part so fantastisch, dass man sich in der Rolle keinen besseren Schauspieler vorstellen könnte.

Kate Reinders verleiht der Rolle der rebellischen (und zuckersüßen) Puritaner-Tochter Portia den gewissen Chenoweth-Faktor, während ihr Vater Brother Jeremiah (genial: Brooks Ashmanskas) im Namen des Herrn stets auf der Suche nach unsittlichem Verhalten ist.

Mit dem bereits erwähnten Showstopper im ersten Akt stoppt Brad Oscar als Nostradamus tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes die Show, der Applaus will gar nicht mehr aufhören. Diese acht Minuten dürften ihm mit etwas Glück eine Tony-Nominierung als bester Nebendarsteller einbringen, denn er hinterlässt noch lange nach Ende der Show einen bleibenden Eindruck.

Unbedingt erwähnenswert sind auch die starken Leistungen von Gerry Vichi als klischeebehafteter jüdischer Steuereintreiber und Michael James Scott als Minnesänger, der beide Akte mit viel Energie eröffnet.

In der besuchten Vorstellung hatte man das Gefühl, dass der zweite Akt gegenüber der ersten Hälfte noch einen kleinen Feinschliff vertragen könnte. Wie später zu hören war, wurde kurz vor der Premiere glücklicherweise das Liebesquartett „Lovely Love“ gestrichen und durch eine Reprise von Beas Solo „Right Hand Man“ ersetzt. Das macht viel mehr Sinn, da „Lovely Love“ von vornerein nicht so recht funktionierte und eher wie ein Fremdkörper wirkte. Für ein ernstgemeintes Liebeslied wirkte es im Kontext der sehr selbstironischen Show, die sämtliche Klischees durch den Kakao zog, zu schnulzig, aber andererseits war es auch nicht offensichtlich als Parodie zu erkennen.

Vielleicht hatte die Show gar nicht so unrecht, als sie mit der selbstironischen Aussage warb, sie hätte das out-of-town tryout nicht überspringen sollen. Eine Show ohne diesen Schritt direkt am Broadway uraufzuführen, kann (wie im Fall von Book of Mormon) extrem gut laufen, birgt aber auch ein großes Risiko.

Der erste Akt von Something Rotten! ist wirklich ein Geniestreich und auch, wenn der zweite bis zum Schluss gut unterhält, hat man das Gefühl, dass das Potenzial des Buches nicht immer voll ausgeschöpft wurde. Viele Konflikte, die aufgebaut werden und spannende Konfrontationen versprechen, werden kurz vor Schluss mittels Deus ex machina etwas unspektakulär aufgelöst. Offenbar sollen aber in den Wochen vor der Premiere im zweiten Akt noch kleine Änderungen am Buch vorgenommen worden sein, weswegen mein Urteil nicht zu endgültig genommen werden darf.

© Joan Marcus
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In der Pause wurde in den Zuschauerreihen hinter mir spekuliert, ob Something Rotten! New Yorks neues Book of Mormon werden könnte. Es fällt auf, dass beide Shows Ähnlichkeiten in ihrem Konzept und ihrer Struktur aufweisen und sich Parallelen zwischen diversen Szenen ziehen lassen, aber im direkten Vergleich ist Something Rotten! dann doch nicht ganz so primitiv und sicherlich die familienfreundlichere der beiden Shows. Vulgärer als „Don’t  be a penis, the man is a genius“ wird es hier nicht.

Auch wurde die Show während den Previews gelegentlich mit Spamalot und The Producers verglichen, aber da ich keines der beiden Musicals gut genug kenne, kann ich nicht beurteilen, wie stark Something Rotten! sich an diesen Shows orientiert.

Insgesamt mag Something Rotten! das Rad vielleicht nicht neu erfinden, aber dennoch bereichert es die Broadway-Landschaft zurzeit ungemein. Wo sonst kann man schon ein legendäres Stepptanz-Battle zwischen Christian Borle und Brian d’Arcy James als konkurrierende Renaissance-Autoren erleben?

Nach 400 Jahren Arbeit ist Something Rotten! zwar immer noch nicht das perfekte Musical, aber es macht einfach verdammt viel Spaß und ist vor allem ein augenzwinkernder Liebesbrief an musical theatre.


★★★★☆

SOMETHING ROTTEN – St. James Theatre, New York; Musik & Liedtexte: Wayne & Karey Kirkpatrick; Buch: Karey Kirkpatrick & John O’Farrell; Choreografie & Regie: Casey Nicholaw; erste Preview: 23. März 2015; Premiere: 22. April 2015; rezensierte Vorstellung: 6. April 2015 

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