GYPSY: Vierzig Jahre Warten hat sich gelohnt

Bereits die ersten Klänge der fünfminütigen Ouvertüre verheißen dem Publikum im Savoy Theatre, dass ein Abend der Extraklasse bevorsteht. Im Orchestergraben wird ein jazziger Big-Band-Klangteppich ausgebreitet, unter frenetischem Applaus hebt sich der rot bepinselte Vaudeville-Schutzvorhang und Regisseur Jonathan Kent lässt eine goldene, längst verstrichene Broadway-Ära wieder auferstehen.

Dieses Jahr, so hatte ich mir vorgenommen, wollte ich mein Musicalwissen, das sich hauptsächlich auf die vergangenen dreißig Jahre beschränkt, ein wenig ausweiten und mich vermehrt dem Kanon amerikanischer Klassiker zuwenden. Bei diesem mir selbst auferlegten Kulturauftrag führte für mich kein Weg vorbei an Gypsy, welches zahlreiche Broadway-Bestenlisten anführt und sowohl von Musical-Liebhabern als auch von fachkundigen Kritikern immer wieder als das perfekte amerikanische Musical bezeichnet wird.

© Johan Persson

Auch wenn ich mit der Handlung nicht allzu gut vertraut war, einige Lieder aus Gypsy kannte ich einfach. Nicht zuletzt durch Glee, wo Kurt in den ersten beiden Staffeln mit seinem Faible für die guten alten Broadway-Klassiker auch ein jüngeres Publikum mit den Liedern der Mama Rose vertraut machte.

Doch auch, wenn Gypsy sich seit seiner Uraufführung 1959 zu Broadway’s Darling entwickelt hat und es in regelmäßigen Abständen immer mal wieder zu neuen Revivals am Great White Way kommt, ist das Musical in Europa ein eher selten gesehener Gast. 2015 hält es nun zum ersten Mal seit über vierzig Jahren wieder im West End Einzug. Dieses Revival kam für mich genau richtig und so ließ ich es mir bei meinem letzten London-Besuch nicht entgehen, meine Bildungslücke zu füllen und mir endlich einmal selbst ein Bild von Gypsy zu machen.

Ein Musical wie dieses, das schon mehr als fünf Dekaden auf dem Buckel hat, läuft sicherlich Gefahr, recht verstaubt daherzukommen, wenn es nach so langer Zeit wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt wird. Schließlich altert nicht jeder Erfolg von gestern mit Stil. Doch Gypsy beweist, dass es die Zeiten überdauert hat.

Als der Vorhang sich nach der Ouvertüre hebt, lädt ein zuckersüßes kleines Mädchen, mit blonden Löckchen und rosa Kleidchen wie eine Puppe zurechtgemacht, die Zuschauer von Uncle Jockos Kinder-Talentshow mit breitem Grinsen dazu ein, sich unterhalten zu lassen: „May we entertain you?“ Dieses Versprechen weiß das Musical in den kommenden drei Stunden bestens zu erfüllen.

© Johan Persson
© Johan Persson

Bei all seinem altmodischen Charme wirkt das Stück  keineswegs altbacken, sondern kommt immer noch mit Relevanz und jeder Menge Gegenwartsbezug daher.

Das kleine Mädchen auf der Bühne ist June Havoc. Rose, die ehrgeizige Mutter, will ihre „Baby June“ zum Vaudeville-Kinderstar machen. Mit den beiden Töchtern June und Louise und einer Handvoll kleiner Jungs, die sie unterwegs aufgegabelt und Teil der Vaudeville-Truppe gemacht hat, tourt Rose durch ein Nordamerika der goldenen Zwanziger. Vom Wirtschaftsboom bekommt sie jedoch nicht viel mit. Je älter die Kinder werden, desto schwieriger erweist sich der Kampf um Engagements. Skrupellos schreckt Rose weder vor kleinem Diebstahl zurück noch davor, ein wenig an den Geburtsdaten der Kinderschar zu schrauben.

Natürlich werden die kleinen Publikumslieblinge irgendwann trotzdem zu jungen Erwachsenen. June brennt mit einem Tänzer der Truppe durch und will nun selbstständig ihre Karriere verfolgen, und auch die anderen jungen Männer machen sich aus dem Staub. Nun setzt Rose ihre ganze Hoffnung in ihre unscheinbare ältere Tochter Louise, die bisher auf der Bühne immer in Junes Schatten gestanden hatte. Doch im Vaudeville gehen schon längst die Lichter aus und auch Louise gelingt es irgendwann, sich aus den Zwängen der Mutter zu befreien. Sie wird zur gefeierten Burlesque-Stripperin Gypsy Rose Lee.

Das Musical basiert auf wahren Begebenheiten und ist an Gypsy Rose Lees Memoiren angelehnt. Zurecht wurde es bei seiner Uraufführung als musikalische Fabel tituliert, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, ist universell. Noch immer versuchen viele Eltern, sich durch den Erfolg ihrer Kinder selbst zu verwirklichen. Nur heißt dieser Zirkus heute eben nicht mehr Vaudeville, sondern Reality TV.

© Tristam Kenton (The Guardian)

Die Hauptrolle spielt Imelda Staunton, einem breiten Publikum besser als Professor Dolores Umbridge aus den Harry Potter-Filmen bekannt. Hinter dem Vorhang eine liebenswerte und zierliche britische Lady, wird sie auf der Bühne zur gewaltigen Erscheinung in Überlebensgröße. Mit viel Biss spielt sie von Humor über Schlitzohrigkeit bis hin zu bitterster Verzweiflung alle Facetten der Mama Rose triumphal aus. Ein Rollenportrait zum Niederknien, an das ich mich sicher in vielen Jahren noch erinnern werde.

Zu Beginn scheint Rose von nichts und niemandem aufzuhalten zu sein, wie ein Drache mit dickem Panzer. Zum Schluss steht sie als gebrochene Frau auf der Bühne. Als Gypsy-Erstling habe ich mit Spannung verfolgt, wie sich die Machtverhältnisse im Verlauf des Abends ändern. Louise, zu Beginn noch das schwache Mauerblümchen, bricht schließlich aus der Abhängigkeit von ihrer Mutter aus und wenn die beiden zum Finale gemeinsam von der Bühne gehen, fragt man sich, wer von beiden doch gleich die Mutter und wer die Tochter war.

Wer Lara Pulver aus der BBC-Serie Sherlock kennt, wird sie im ersten Akt als Louise kaum wiedererkennen. Umso faszinierender ist es, wie ähnlich sie ihrer Serienrolle Irene Adler am Ende des Abends plötzlich geworden ist. Diese Verwandlung zeugt von wahnsinnigem Schauspieltalent und Pulver bleibt dem Zuschauer noch lange im Gedächtnis. Das will etwas heißen, denn neben einer starken Bühnenrolle wie Mama Rose kann es schnell passieren, dass das restliche Ensemble zur Requisite wird –  noch dazu, wenn in der Hauptrolle eine Schauspielerin vom Kaliber wie Imelda Staunton auf der Bühne steht.

Erfreulicherweise ist Gypsy im Savoy Theatre aber mehr als nur die Imelda-Staunton-Show und auch die restlichen Figuren wirken ausgefeilt und dreidimensional.

Als Herbie, Roses Weggefährte und Agent der Vaudeville-Truppe, verkörpert Peter Davison die Menschlichkeit inmitten der korrupten Showbiz-Welt. Hätte ich mein Vorhaben, mich zukünftig mehr mit Klassikern zu befassen, von Musicaltheater auf Doctor Who ausgeweitet, so wäre mir sicher schon früher klar geworden, wieso mir Davisons Gesicht den ganzen Abend über so bekannt vorkam: In den Achtzigern spielte er in der britischen Kultserie den fünften Doktor.

© Johan Persson
© Johan Persson

Nicht unerwähnt bleiben dürfen (stellvertretend für das ausnahmslos hervorragend besetzte Ensemble) die starken Leistungen von Dan Burton, der als Tulsa an Filmgrößen wie Gene Kelly erinnert, und Gemma Sutton als erwachsene June.

Durch die starke Personenführung erweist das Stück sich als faszinierende Charakterstudie, doch trotz des dunkleren Tons im zweiten Akt liefert Gypsy bis zum Schluss Unterhaltung vom Feinsten.  Auch wenn die Geschichte die Ausbeutung von Kinderstars pervertiert, zollt das Stück der Vaudeville-Ära seinen Tribut (wenngleich sehr überzogen).

Unter Jonathan Kents traditionell-stimmiger Regie wird Gypsy zum bunten Roadtrip mit reichlich Americana und versprüht dabei dank der Choreografie von Stephen Mear und der Ausstattung von Anthony Ward den Charme eines alten Technicolor-Films. Wirklich schade, dass Gypsy trotz zweifacher Verfilmung (1962 und 1993) nie zum Leinwanderfolg werden konnte. Scheinbar konnte keine der beiden Adaptionen den Glanz der Bühnenversion so ganz einfangen.

Von der verheißungsvollen Ouvertüre über das romantische Tanzduett im Mondlicht bis hin zur erbitterten Eleven O’Clock Number hat Gypsy alles zu bieten, was das Theaterherz begehrt und wirkt dabei zu keiner Zeit so konstruiert wie viele moderne Musicals, die krampfhaft versuchen, durch Aneinanderreihung bewährter Zutaten ein rundes Gesamtpaket zu erschaffen.

© Johan Persson
© Johan Persson

In vielerlei Hinsicht ist Gypsy das perfekte Bilderbuch-Musical, was an dem kongenialen Zusammenspiel von Arthur Laurents’ Buch, Jule Stynes Musik und Stephen Sondheims Liedtexten liegt. Kein Wunder, dass das West-End-Revival beim Publikum so hervorragend ankommt und nach meinem Besuch im Savoy Theatre ist es für mich nachvollziehbar, warum das Stück so hoch in der Gunst vieler Kritiker und Genre-Liebhaber steht.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die behaupten, das amerikanische Musical sei tot. Noch immer erblicken vielversprechende Meisterwerke das Licht der Welt – Fun Home ist das beste Beispiel dafür. Doch wer das laut schallende Echo einer vergangenen Broadway-Ära erleben will, dem kann ich nur wärmstens ans Herz legen, die Chance zu nutzen und sich Gypsy im Londoner Savoy Theatre anzusehen, bevor im November der letzte Vorhang fällt.


★★★★★

GYPSY – Savoy Theatre, London; Buch: Arthur Laurents; Musik: Jule Styne; Liedtexte: Stephen Sondheim; Regie: Jonathan Kent; erste Preview: 28. März 2015; Premiere: 15. April 2015; rezensierte Vorstellung: 12. Juni 2015

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