CABARET (Bad Hersfeld): Karussell im Selbstzerstörungsmodus

„Da war ein Cabaret mit einem Conférencier. Und da war eine Stadt, Berlin, in einem Land, das Deutschland heißt. Es war das Ende der Welt. Dort tanzte ich mit Sally Bowles und versank in einen tiefen Schlaf.“ Einer der wärmsten Abende des Sommers neigt sich dem Ende zu. Die untergehende Sonne taucht die Bad Hersfelder Stiftsruine in ein goldenes Licht und das Publikum begibt sich auf eine Zeitreise in die Endjahre der Weimarer Republik.

Cabaret, das bekannteste Werk des legendären Broadway-Gespanns Kander und Ebb, wird gerade in den letzten Jahren auf den Bühnen deutscher Stadttheater rauf- und runter gespielt. Vor allem seit Sam Mendes’ Neuinterpretation aus den Neunzigern geht der Trend vermehrt dahin, das Musical in einer intimen Nachtclub-Atmosphäre zu inszenieren und den heruntergekommenen Kit Kat Klub zum Mikrokosmos für Berlin werden zu lassen.

Regisseur Gil Mehmert verfolgt bei den Bad Hersfelder Festspielen einen anderen Ansatz: In seiner bildstarken Inszenierung macht er stattdessen die pulsierende Stadt mit ihren Lichtern und ihrer Energie zu einem wilden Cabaret.

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© Stephan Drewianka

Hierhin zieht es am Silvesterabend 1929 den erfolglosen amerikanischen Schriftsteller Cliff Bradshaw auf der Suche nach Inspiration für seinen Roman. Im Kit Kat Klub lernt er die junge britische Cabaret-Sängerin Sally Bowles kennen, mit der er sich bald darauf ein Zimmer am Nollendorfplatz teilt. Dort, in der Pension von Fräulein Schneider, treffen verschiedene Schicksale aufeinander, während sich draußen der Wandel der Zeit immer stärker abzeichnet.

Im Cabaret wirft man einen satirischen Blick auf die politische Entwicklung und den schleichenden Machtaufstieg der nationalsozialistischen Partei, doch auf der Straße ist der harten Realität bald schon nicht mehr mit Humor und Augenzwinkern zu begegnen. Wer die Gefahr frühzeitig erkennt, arrangiert sich entweder mit der Veränderung oder packt seine sieben Sachen. Der Rest verschließt gutgläubig die Augen. Was soll auch schon Schlimmes passieren? Und überhaupt, was hat Politik bitte mit uns zu tun? Wenn auch die Welt in Stücke fällt, im Cabaret ist das Leben beautiful.

Beautiful ist auch die Ästhetik der Bad Hersfelder Cabaret-Produktion. Mit ihrem Berlin-Karussell hat Heike Meixner ein geniales und vielseitig bespielbares Bühnenbild geschaffen, das als konzentrierte Spielfläche der Tiefe der romanischen Stiftsruine optimal entgegenwirkt. Das Karussell ist ständig in Bewegung und ermöglicht fließende Szenenwechsel zwischen Fräulein Schneiders Pension, dem Obstladen von Herrn Schultz, den nächtlichen Straßen von Berlin und dem verruchten Kit Kat Klub. Dessen schwarze Bühne ist der Deckel eines aufgeklappten Flügels mit überdimensionalen Tasten. Der Boden ist schräg, die Figuren haben keinen festen Stand, das ganze System ist instabil und droht zu kippen. Über alledem steht in großen Leuchtbuchstaben „BERLIN“.

Das drehende Karussell reflektiert die Dynamik des Stadtlebens, die in Melissa Kings belebter Choreographie fortgesetzt wird. Falk Bauers Kostüme fügen sich stimmig in das groteske Gesamtbild ein. Der Kit Kat Klub wirkt wie ein lebendig gewordenes Gemälde von Georg Grosz oder Max Beckmann aus der Neuen Sachlichkeit, das von den Nazis als entartet diffamiert wurde.

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© Stephan Drewianka

Der schrägen Nachtclub-Band auf der Bühne mit Klarinette, Akkordeon, Banjo und Saxophon setzt der musikalische Leiter Christoph Wohlleben ein traditionelles 19-köpfiges Musical-Orchester entgegen. Wenn Cliff sich im Finale an das „wunderschöne“ Orchester aus dem Kit Kat Klub erinnert und sich dazu die Musiker von ihren Sitzen im Orchestergraben erheben und dissonant aufspielen, ist das einer der zahlreichen Gänsehautmomente des Abends.

All diese Komponente verknüpft Gil Mehmert gelungen zu einem einheitlichen Fest für die Sinne. Erfreulicherweise kann die Bad Hersfelder Cabaret-Inszenierung neben der Opulenz auch mit einer gewaltigen Besetzung aufwarten.

Bei ihrem ersten Auftritt des Abends wird Sally Bowles als Liebling von London angekündigt: So begabt, dass man sich fragt, warum sie ausgerechnet in diesem Laden auftritt. Und es stimmt: Bettina Mönch ist sicherlich die beste Darstellerin, die die deutschsprachige Musicallandschaft derzeit zu bieten hat. Unsere stimmgewaltige deutsche Antwort auf Sutton Foster, die häufig mehrere Engagements parallel meistert und dabei ganz unbeschwert wie ein Chamäleon von einer Rolle in die andere schlüpft, darf in Cabaret nun eine ihrer ganz großen Traumrollen spielen. Ihre Sally ist eine vergnügungssüchtige Träumerin. Sie stürzt sich in wilde Affären, schnupft Koks und trinkt zum Frühstück Gin. Die Mascara mag verschmiert sein, aber sie hat Stil. Wenn sie mit ihren endlos langen Beinen über die Bühne wandelt, zieht sie einen Hauch des mondänen Glamours der zurückliegenden Zwanzigerjahre hinter sich her.

Rasmus Borkowski spielt Cliff zunächst als passiven Beobachter, durch dessen Sicht wir die Geschichte wahrnehmen. Auf der Bad Hersfelder Bühne singt er über den Dächern von Berlin mit wunderschöner Stimme das häufig gestrichene Solo „Wer will schon wach sein?“, was ihn „beteiligter“ wirken lässt als in den meisten anderen Cabaret-Inszenierungen. Cliff ist sich der Versuchungen der Stadt bewusst, lässt sich aber dennoch in den Sog der gefährlichen Ohnmacht ziehen. Mit zunehmendem politischem Bewusstsein entwickelt er sich zum moralischen Kern des Stückes und trotz des vergleichsweise kleinen Gesangsanteils hinterlässt Borkowski mit seiner intensiven Darstellung einen bleibenden Eindruck.

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© Stephan Drewianka

Judy Winter und Helmut Baumann sorgen als älteres Liebespaar Fräulein Schneider und Herr Schultz für die anrührendsten Momente des Abends. Während Winter den Schmerz der Pensionswirtin, die in Zeiten der wirtschaftlichen Depression um ihren Gewerbeschein bangt, bewegend spürbar macht, ist Baumann als jüdischer Obsthändler der Sympathieträger der Zuschauer. Mit „Meeskite“ darf erfreulicherweise auch er in Bad Hersfeld ein Lied singen, das seit den Achtzigern in den meisten Cabaret-Inszenierungen der Schere zum Opfer fällt. Dabei ist das Lied in seiner dramaturgischen Wirkung nicht zu unterschätzen und bereichert sowohl die Figur als auch das Stück im Gesamten.

Die heimliche „Szenenstehlerin“ des Abends ist Jessica Kessler als Fräulein Kost. Mit viel Witz berlinert sich die freche Mieterin in die Herzen der Zuschauer, bis sie zum Finale des ersten Aktes mit der eindringlichen Vaterlands-Hymne „Der morgige Tag ist mein“ die Stimmung schlagartig zum Kippen bringt. Als mittellose junge Frau, die sich aus der wirtschaftlichen Not heraus prostituiert, ist sie für die Nazi-Propaganda besonders anfällig und lässt sich schnell mitreißen. Am Ende des Abends, wenn sie unschuldig auf ihrem Bett sitzt und interessiert in „Mein Kampf“ blättert, wird klar, dass hinter der Berliner Schnauze tatsächlich eine der tragischsten Figuren des Stückes steckt. Jessica Kessler verleiht dieser vergleichsweise kleinen Rolle eine beeindruckende Tiefe.

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© Stephan Drewianka

Über alledem steht Helen Schneider als Conférencier – eine Rolle, die üblicherweise mit einem männlichen Darsteller besetzt wird. Hier ist den Bad Hersfelder Festspielen ein wahrer Besetzungscoup geglückt.

Mit weiß behandschuhten Riesenhänden dirigiert Schneider ihr burleskes Kuriositätenkabinett. Sie ist eine intelligente und zynische Gastgeberin, die das Geschehen scharfzüngig kommentiert. Mal krächzend, mal leise hauchend spielt sie intelligent mit ihrer vielseitigen Stimme und setzt mit „I Don’t Care Much“ den musikalischen Höhepunkt des Abends. Besonders spannend ist die Ambivalenz der Figur: Im einen Moment bittet sie um mehr Toleranz, im nächsten Moment hebt sie die verlängerte Hand zum Hitlergruß. Ist sie die zerstörerische Macht oder steht sie auf der Seite der Opfer? Nimmt sie die Dekadenz der Weimarer in Schutz oder verurteilt sie den wilden Lebensstil?

Mit dramatischer Ironie hält sie der Gesellschaft den Spiegel vor und macht dem Publikum bewusst, wie präsent die Themen in Cabaret wie Rassismus und Fremdenhass auch heute noch sind. In Deutschland geboren, in Deutschland aufgewachsen, und doch nicht willkommen im eigenen Land. Fremder, étranger, stranger.

Und wenn sie mit einem Gorilla im Brautkleid tanzt und das Publikum fragt, ob es denn ein Verbrechen sei, sich zu verlieben, liegt die Assoziation zur aktuellen Debatte um die Einführung der Homo-Ehe in Deutschland nicht fern. „Können wir beeinflussen, wohin unser Herz uns leitet? Alles, worum wir bitten, ist doch nur ein kleines bisschen Verständnis. A little understanding. Leben und leben lassen. Live and let live.“

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© Stephan Drewianka

Wenngleich Cabaret es als eines der wenigen Musicals in das feste Repertoire deutscher Stadttheater geschafft hat und dauerhaft die bundesweiten Spielpläne bevölkert, ist es kein einfach zu inszenierendes Stück und bedarf eines starken Konzepts. Unter der richtigen Regie kann es aber eine unvergleichliche Wirkkraft entfalten – und mein Theaterbesuch in Bad Hersfeld geht mir noch heute nach.

Das Material an sich gibt schon sehr viel her (und Robert Gilberts adäquate Übersetzung steht Fred Ebbs messerscharfen Originaltexten in nichts nach). Schon alleine wegen der musikalischen Vollständigkeit ist dem Team um Gil Mehmert wirklich die ultimative Cabaret-Inszenierung gelungen – noch dazu hochkarätig besetzt, fantastisch ausgestattet, mit Substanz und politischer Botschaft.

Wenn ich Zwischenbilanz ziehe, hatte ich bisher ein unheimlich aufregendes Musicaljahr, das eine Reise nach New York und verschiedene Abstecher nach London umfasst. Allerdings kann ich mit Überzeugung sagen, dass Cabaret in Bad Hersfeld mich mehr überzeugt hat als 90% der Musicals, die ich seit Januar am Broadway und im West End gesehen habe. So muss Theater sein!


★★★★★

CABARET – Bad Hersfelder Festspiele; Buch: Joe Masteroff (nach John van Druten und Christopher Isherwood); Musik: John Kander; Liedtexte: Fred Ebb; Regie: Gil Mehmert; Premiere: 19. Juni 2015; rezensierte Vorstellung: 2. Juli 2015; Fotos: Stephan Drewianka, http://www.musical-world.de

11 Gedanken zu “CABARET (Bad Hersfeld): Karussell im Selbstzerstörungsmodus

  1. Dein Bericht ist sehr angenehm zu lesen.
    Das klingt wirklich nach einer interessanten Inszenierung.

    Also wurden die Lieder im englischen Original gesungen? Nicht schlecht. Da gibt es bestimmt einige der zahlreichen Inszenierungen, die die deutschen Texte verwenden.

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    1. Danke für den Kommentar, Fabi! 🙂

      Die meisten Lieder waren auf deutsch, aber die Übersetzung ist wirklich gut gelungen, da geht kaum etwas verloren. Einige Lieder haben sie im englischen Original gelassen („Mein Herr“, „Money“, „Maybe This Time“, „I Don’t Care Much“). Mir war nicht immer ganz klar, aus welchem Grund ein Lied nun ausgerechnet auf deutsch oder auf englisch gesungen wurde – vor allem bei „Maybe This Time“. Aber störend war das auf keinen Fall!

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  2. Ein Fellow-Bettina-Mönch-Fan! 🙂 Ja, sie ist schon unsere Sutton Foster, aber stimmlich erinnert sie total häufig an Kate Baldwin, hör da mal rein. Und: Maybe this time war doch grandios, oder?

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    1. Kate Baldwin kenne ich von BIG FISH und habe gerade nochmal in die Broadway-Aufnahme reingehört und du hast recht: Da besteht stimmlich wirklich eine Ähnlichkeit!

      Und Maybe This Time war allerdings grandios! Gefiel mir richtig gut, vor allem an der Stelle, an der es in Bad Hersfeld platziert war. In den meisten Inszenierungen singt Sally es ja schon im ersten Akt, wo ich es nicht ganz so gut aufgehoben finde.

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        1. Ich war diese Woche (zum ersten Mal seit drei Jahren) für ein paar Tage in Berlin und hätte mir Cabaret im TIPI auch sehr gerne angesehen, da ich seit Bad Hersfeld auf einem richtigen Cabaret-Trip bin und mir als Kontrastprogramm gerne mal eine kleine, intime Kammerspiel-Inszenierung angesehen hätte. Aber leider hat sich das dann nicht so ergeben. Die Plakate überall in der Stadt haben dann noch schön Salz in die Wunde gestreut. 😀

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            1. Yeees, Next to Normal, das war für mich ein Muss – einmal wegen dem Stück selbst und auch, weil ich Katharine Mehrling schon immer, immer, wirklich immer mal live sehen wollte.

              Ich tippe gerade fleißig einen Kommentar zu deinem N2N-Bericht und kriege hoffentlich in den nächsten Wochen noch selbst eine kleine Kritik geschrieben. 🙂

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