NEXT TO NORMAL (Berlin): Der fast normale Wahnsinn

„Theater ist ein Fitnesscenter für unsere Sinne und Gefühle, ein Schlüsselloch zu unseren eigenen Geheimnissen“, hat George Tabori einmal gesagt. Kaum ein Musical fesselt und beschäftigt mich jedes Mal aufs Neue so sehr wie Next to Normal. Warum es genau ins Schwarze trifft und die Zuschauer von den Sitzen reißt, erklärten sich die Nürnberger Nachrichten nach der deutschsprachigen Erstaufführung vor knapp zwei Jahren damit, dass es „an die Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts andockt“.

Auf den ersten Blick sind die Goodmans eine ganz normale amerikanische Vorstadtfamilie. Der Vater Dan macht sich jeden Morgen bereit für die Arbeit, die Mutter Diana schmiert die Schulbrote für die beiden Kinder, der Sohn Gabe steckt gerade in einem besonders rebellischen Alter und nimmt seine Ausgangssperre nicht besonders ernst, die Tochter Natalie steht unter Leistungsdruck und steckt bis zum Hals im Schulstress. Doch dass hier irgendetwas nicht so ganz stimmt, ist schon von der ersten Szene an spürbar. Allmählich bröckelt die Fassade des trauten Heims und der Zuschauer erfährt, dass Diana seit Jahren an einer bipolaren Störung leidet, die auf ein traumatisches Erlebnis zurückgeht.

Fast normal Berlin

Next to Normal ist ein wichtiges Stück, das zeigt, welche Auswirkung Depressionen und unterdrückte Trauer auf eine Familie haben können und wie schwierig es sein kann, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und diese aufzuarbeiten. Dabei finden Tom Kitt und Brian Yorkey stets die richtige Balance zwischen Hoffnung, Schmerz und Humor und liefern gleichzeitig einen der stärksten Musical-Scores unserer Zeit.

Bei der Deutschlandpremiere in Fürth empfand ich die insgesamt recht gelungene Übersetzung von Titus Hoffmann hier und da noch ein wenig holprig und war nun im Berliner Renaissance-Theater umso überraschter davon, wie viel geändert wurde. Wirklich jede Stelle, die mich beim Anhören des deutschen Cast Albums immer ein wenig zusammenzucken lässt, ist nun in Berlin ausgebessert worden und jedes Mal, wenn ich mich im Theater darauf einstellte, gleich ein wenig peinlich berührt zu sein, wurde ich positiv überrascht. Ich weiß nicht, von wem diese Änderungen ausgingen, aber sie machen die deutsche Fassung insgesamt flüssiger und runder.

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Teilweise wurde hier sogar in die musikalische Struktur eingegriffen – der Text wurde ohne Rücksicht auf die Silbenanzahl verändert und manche problematischen Zeilen, für die man wohl keine bessere Lösung finden konnte, hat man einfach knallhart gestrichen. Auch wenn sich das an dieser Stelle nett reimte, „Mir fehlt die Welt“ als Übersetzung von „I miss my life“ traf es in „Mir fehl’n die Berge“ meiner Meinung nach sie so ganz. Deswegen freute ich mich, dass Diana in Berlin nun in einer dazwischengeschobenen Zeile doch noch „Mir fehlt mein Leben“ singt. Normalerweise bin ich absolut gegen solche Eingriffe in die Musik, aber andererseits wird hier auch eine Geschichte erzählt, bei der es darauf ankommt, die Aussage der Texte verlustfrei zu übertragen.

Genauso machte es für mich nie Sinn, „Sing a song of forgetting … again“ mit „Sing ein Lied vom Vergessen … bewusst“ zu übersetzen. Sicher ist es schwierig, einen passenden Reim zu finden, aber der Begriff „bewusst“ hat hier überhaupt keine Aussagekraft und obwohl ich so ein Verfechter vom Erhalt der Original-Melodie bin, war ich fast schon froh, dass man in Berlin bei diesem Wort zum Rotstift gegriffen hatte.

(Zum Glück gehört auch der unnötige Witz über die Deutsche Bahn, der in Next to Normal noch nie etwas verloren hatte, der Vergangenheit an. Jetzt muss Natalie nur noch aufhören, von ihrem Abitur zu singen, und die „Re-Amerikanisierung“ ist perfekt.)

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Auch sonst ist im Renaissance-Theater vieles so anders gegenüber der Fürther Inszenierung, die sich insgesamt sehr stark am Broadway-Original orientierte. Einzelne Lieder und Szenenübergänge sind komplett neu arrangiert, werden nur noch mit zarter Klavierbegleitung gesungen, manche Gesangspassagen sind komplett in Dialog umgewandelt. Insgesamt wirkt Torsten Fischers Inszenierung „experimenteller“ und stellenweise düsterer als gewohnt, ganz besonders in einem vollkommen unvorhergesehenen Schockmoment gegen Ende des Abends.

Doch auch schon vorher ist vieles anders, als man es aus früheren Inszenierungen kennt. Normalerweise klingt das Finale des ersten Aktes sehr rührend und einfühlsam aus. Aber in Berlin singt Dan die letzte Zeile „Ein Licht in der Nacht“ a capella ins Leere hinein, bevor es auf der Bühne schlagartig dunkel wird – als wollte man sagen: „Wir erzählen hier keine glückliche Geschichte, willkommen in der beschissenen Realität.“ Ist wirkungsvoll, fühlt sich aber auch so ein bisschen an wie ein Schlag in die Magengrube. Manchmal habe ich da mein vertrautes Next to Normal vermisst, aber ich kann verstehen, was der Regisseur sich dabei gedacht hat.

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Von vielen anderen Szenen kann ich das aber so gar nicht behaupten. Bestes Beispiel: „Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich“. Der Sinn von dem sexuellen Subtext in dieser Szene ist ja gerade, dass Diana sexuelle Anspielungen sieht, wo gar keine sind. Sie sagt: „Gott sein Dank habe ich überhaupt kein Verlangen nach Sex. Ob das an den Medikamenten oder der Ehe liegt, das bleibt dahingestellt.“ Der Arzt: „Es liegt sicher an den Medikamenten.“ Diana: „Danke, das ist sehr nett, aber mein Mann wartet im Auto.“

Wenn nun der Arzt aber sagt: „Ich bin mir sicher, es liegt nicht an den Medikamenten“, ist plötzlich eine zweiseitige sexuelle Spannung da, die für mich hinten und vorne keinen Sinn macht und der Szene die ganze Komik (die schließlich dazu da ist, Dianas gestörte Wahrnehmung zu verdeutlichen) nimmt.

Die Ausstattung von Hebert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos ist gelungen aufs Wesentliche reduziert und lässt die Figuren im Vordergrund stehen. Das Bühnenbild mit den schrägen Plattformen, die an überdimensionale Treppenstufen erinnern, funktioniert gut. Ein schmaler LED-Streifen wird mit Videoprojektionen bespielt, die (wie fast alles in dieser Inszenierung) gute Ansätze enthalten, aber letztendlich doch inkonsistent sind und einen roten Faden vermissen lassen.

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In „Alles wird gut“ erzeugen Ausschnitte alter Disney-Silly-Symphony-Cartoons eine sehr wirkungsvolle (und unterschwellig beunruhigende) Heile-Vorstadtwelt-Stimmung.

Wenig später zeigt die Leinwand die nächtliche Skyline von Manhattan mit den vielen Großstadtlichtern und im ersten Moment finde ich den Ansatz ganz spannend, die Geschichte der Goodmans in den Großstadt-Dschungel zu verlegen. Aber schon in der nächsten Szene wird mir wieder bewusst, wie tief die amerikanische Vorstadt-Mentalität in dem Material und den Figuren verwurzelt ist und dass es einfach nicht funktioniert, die Familie aus diesem Mikrokosmos herauszureißen.

Irgendwann im zweiten Akt zeigt die Leinwand vollkommen wahllos einen strahlend blauen Himmel mit weißen Schäfchen-Wolken, der für den Rest des Abends nicht mehr verschwindet. Auch nicht, wenn Dan nachts alleine in der Dunkelheit zuhause sitzt. Ich finde es wirklich schön, dass das Team in Berlin sich traut, ein wenig mit dem Stück herumzuexperimentieren, aber manches macht einfach keinen Sinn.

Dafür kann ein großer Teil der Besetzung punkten, allen voran Katharine Mehrling als Diana. Keine andere Schauspielerin wäre dieser Rolle auf den Berliner Bühnen so würdig. Ich weiß gar nicht, wie genau ich das beschreiben soll, aber sie kann auf eine Art und Weise mit gesungenem Text umgehen, wie ich das nur ganz selten erlebe. Vielleicht kommt es daher, dass sie sich neben Musiktheater auch viel im Chanson und Blues und Jazz bewegt, aber sie transportiert mit jedem Wort, das sie singt, unheimlich viel Ausdruck und Bedeutung. Dabei singt sie nie oberflächlich über bestimmte Passagen hinweg, wie das im Musiktheater manchmal vorkommt, sondern sorgt dafür, dass jedes Wort zählt. Ihre Stimme hat einen riesigen Wiedererkennungswert und ich habe die Rolle noch nie so gut gesungen gehört. Ihre Diana ist verletzlich und stark zugleich und wirkt im Vergleich zu vielen ihrer Rollenvorgängerinnen noch verhältnismäßig jung. Wenn sie sich an die Geburt ihres Sohnes erinnert und singt: „Ich war ein Kind mit einem Kind“, geht das sehr nahe.

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Guntbert Warns spielt Dan als besorgten Familienvater mit viel Menschlichkeit, allerdings scheint die Rolle gesanglich ein wenig außerhalb seiner Komfortzone zu liegen. Im Laufe des Abends gewöhnt man sich an den Klang seiner Stimme und seine häufig mehr gesprochene als gesungene Intonation, aber das ändert nichts daran, dass Dan ursprünglich als zutiefst musikalische Partie konzipiert ist. Wenn er auf der Broadway-CD in seinen Liedern „yeah, yeah, yeah“ singt, ist das ein leidenschaftlicher Gefühlsausdruck, hier wirkt es eher als Fremdkörper.

In der besuchten Vorstellung wurde die Doppelrolle Dr. Fine / Dr. Madden von Matthias Freihof gespielt. Vor allem im zweiten Akt, wenn sich die Ereignisse überschlagen und Dianas Familie eine emotionale Achterbahnfahrt durchmacht, verkörpert er Beruhigung und Stabilität. Dabei agiert er rollendeckend und singt mit angenehmer Stimme.

Die drei jugendlichen Rollen wurden mit Studierenden der Universität der Künste besetzt. Neue Gesichter und unverbrauchte Stimmen, noch dazu im richtigen Spielalter – dies tut der Inszenierung unheimlich gut. Als Gabe ist Dennis Hupka neben Katharine Mehrling der große Star des Abends. Das Zusammenspiel mit seiner Bühnenmutter ist eindringlich, sein Auftreten ist energiegeladen und diabolisch, seine Songs singt er mit Leichtigkeit.

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Auch Jan-Philipp Rekeszus ist eine vielversprechende Neuentdeckung. Sowohl schauspielerisch als auch gesanglich gibt er einen fantastischen Henry und harmoniert ganz wunderbar mit seiner Bühnenpartnerin. Devi-Ananda Dahm kenne ich noch als 16-jähriges Talentbündel, das auf Youtube Musical-Cover hochlädt – sie nun in einer professionellen Produktion auf der Bühne zu sehen, macht mich richtig glücklich. Sie überzeugt als Natalie vor allem mit ihrer glasklaren Stimme und traut sich, der Rolle gesanglich durch sorgsam eingesetzte Riffs eine ganz eigene Note zu geben. Ihr Spiel ist authentisch, auch wenn sie ruhig darauf vertrauen kann, in ihren Gefühlsausbrüchen hier und da auf kleinere Gesten zu setzen.

Das mag aber auch an der Regie liegen, Dahm scheint hier manchmal vollkommen sich selbst überlassen zu sein. Als Natalie etwa zu Beginn des zweiten Aktes im Drogenrausch durch die nächtlichen Clubs zieht, wird von der Bühnentechnik durch absolut gar nichts angedeutet, dass sie gerade feiern ist – weder durch Disko-Beleuchtung noch durch gedämpfte Party-Musik im Hintergrund – und dadurch wirkt ihr Tanz in „Wär’ ich nur da“ verwirrend und überchoreografiert. Dazu kommt, dass Natalie in dieser Inszenierung die hässlichsten Kostüme abbekommen hat. Sehr schade, denn die restlichen Figuren sind wirklich stimmig eingekleidet. Nichtsdestotrotz ein starkes Rollenportrait einer Künstlerin, die die deutschsprachige Musicalszene in den nächsten Jahren noch ordentlich aufmischen wird!

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Zuletzt noch drei ungeordnete Eindrücke:

Erstens: Das Poster mit dem rot-weißen Absperrband deutet eher auf ein Kriminalstück hin und ist nicht nur irreführend, sondern sieht vollkommen unprofessionell aus. Das ist wirklich sehr schade, zumal man schon mit dem minimalistischsten Design sehr wirkungsvoll für das Stück hätte werben können.

Zweitens: Hat nichts mit der Inszenierung selbst zu tun, aber pubertierende Schülergruppen im Theater KÖNNEN SO NERVIG SEIN. Ich finde es schön, wenn Schüler Zugang zu Kultur geboten bekommen und vor allem ein Musical wie Next to Normal regt wirklich interessante Unterrichtsgespräche an, aber als Lehrer sollte man vorher vielleicht zumindest mal erklären, wie man sich als Theaterbesucher zu benehmen hat. (Kleiner Tipp: Ununterbrochen über verschiedene Sitzreihen hinweg zu reden, mit vollem Körpereinsatz Peniswitze zu erzählen und dabei eine 1,5-Liter-Flasche Cola im Kreis herumzureichen, gehört nicht dazu.)

Drittens: „Wie konnte mir das entfall’n? (How Could I Ever Forget?)“ ist ein Lied, das ich beim Anhören der CD für gewöhnlich nie gezielt anspiele und das inmitten des Scores immer ein wenig untergeht, aber wie schon in Fürth erwies es sich auch in Berlin wieder als emotionaler Höhepunkt des Abends und ist eine der intensivsten Theaterszenen, die ich kenne.

Selten zuvor verließ ich einen Theatersaal mit so gemischten Gefühlen. Next to Normal ist an sich ein großartiges Stück, keine Frage. Manche Aspekte der Berliner Inszenierung fand ich tatsächlich sehr gut, andere allerdings vollkommen fehlgeleitet. Gelangweilt habe ich mich aber für keine Sekunde und zumindest luden die vielen Änderungen mich dazu ein, das Stück und die Partitur, die ich so gut zu kennen glaubte, noch einmal ganz neu für mich zu entdecken. Dafür – und wegen einer phänomenalen Katharine Mehrling – lohnt sich ein Besuch im Renaissance-Theater allemal.


★★★☆☆

FAST NORMAL (NEXT TO NORMAL) – Renaissance-Theater, Berlin; Musik: Tom Kitt; Buch und Liedtexte: Brian Yorkey; Regie: Torsten Fischer; Premiere: 13. Juni 2015; rezensierte Vorstellung: 22. Juli 2015; Fotos: Fränzy Fotografie, fraenzyfotografie.de

3 Gedanken zu “NEXT TO NORMAL (Berlin): Der fast normale Wahnsinn

  1. Ui, interessant und würdest du im Nachhinein jetzt sagen, dass dir Fürth besser gefallen hat oder Berlin (wenn du es kannst, ich weiß es ist eine eher dumme Frage, aber so ganz vom Gefühl her.) ^^

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    1. Von der Übersetzung abgesehen, die nun in Berlin wirklich besser funktioniert, war die Show in Fürth eine rundere Sache, da war von vorne bis hinten ein roter Faden und alles wirkte wie aus einem Guss.
      Auf der anderen Seite war die Berliner Inszenierung für mich „spannender“, da man sich viel mehr vom Broadway-Original entfernte und auch Risiken einging. Und vom Alter her waren die Teenager-Figuren in Berlin einfach glaubwürdiger besetzt.

      Sagen wir mal so: Gäbe es von der Berliner Fassung auch eine CD, dann würde ich mir die wahrscheinlich häufiger anhören als die Fürther Aufnahme, aber falls ich jemanden mit der Show vertraut machen will, der sie vorher nie gesehen hat (und mal angenommen, beide Inszenierungen würden parallel laufen), dann würde ich ihn ohne zu zögern nach Fürth schicken.

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  2. Danke für die wirklich spannende Rezension.

    Ich hasse quatschende Menschen im Theater ebenso, wobei das nicht zwingend Schlüler*innengruppen sein müssen.

    Aber, danke für deinen Eindruck, wirklich sehr differenziert und plastisch!

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