CHICAGO (Stuttgart): „Broadway pur“ zu Wucherpreisen

„Liebe. Lüge. Eitelkeit.“ Mit diesem Poster-Slogan werden die Zuschauer von Chicago im Palladium Theater beim Betreten des SI-Centers begrüßt. Und schon da beschleicht mich das Gefühl, dass bei der Stuttgarter Chicago-Produktion irgendetwas schief gelaufen ist. Lüge? Ja. Eitelkeit? Zur Hölle, ja! Aber Liebe? Nicht in Chicago.

Ich war überrascht, als Uschi Neuss, Geschäftsführerin der Stage Entertainment Deutschland, letztes Jahr Chicago als nächstes Musical für Stuttgart ankündigte. Sicherlich eine spannende und mutige Entscheidung, denn Chicago ist ein intelligentes und künstlerisch anspruchsvolles Stück. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie das ein großer Erfolg werden sollte, ohne dass die Stage ordentlich die Werbetrommel rührt und ihre typischen Wucherpreise ein wenig runterschraubt. Wie befürchtet hat sich in dieser Hinsicht jedoch nicht viel getan und Chicago wird das Palladium Theater im Herbst als wahrscheinlich größter Flop der Stuttgarter Musical-Geschichte verlassen.

Chicago
© Stage Entertainment (Brinkhoff / Mögenburg)

Bei seiner Broadway-Premiere 1975 trug das Musical noch den Titel Chicago: A Musical Vaudeville. Schon hier zeichnet sich der satirische Ton des Stückes ab: Neben der offensichtlichen Bedeutung – eben, dass es sich bei dem Bühnenwerk um ein musikalisches Vaudeville handelt – sagt der Titel auch, dass die Stadt Chicago nichts als ein musikalisches Vaudeville ist. Das reinste Affentheater, jeder macht, was er will, das Rechtssystem ist eine einzige Lachnummer – oder wie die Gefängnisaufseherin Mama Morton es auf den Punkt bringt: „In dieser Stadt ist Mord eine Art von Unterhaltung.“

Das Musical spielt im Chicago der 1920er. Im Cook-County-Gefängnis buhlen die beiden konkurrierenden, mediengeilen Mörderinnen Roxie Hart und Velma Kelly um die Gunst des korrupten Star-Anwalts Billy Flynn, um nach ihrer Freilassung als Vaudeville-Tänzerinnen groß rauszukommen. Chicago ist eine bitterböse und gesellschaftskritische Satire mit bissigem Humor und extrem hohem Unterhaltungswert – ein Intrigenspiel um Mord, Habgier, Ruhmsucht, Manipulation, Sex, Betrug und all den Jazz … einfach alles, was das Herz begehrt.

Es überrascht kaum, dass Chicago in Stuttgart so schlecht verkauft ist. Insgesamt wurde viel zu wenig Werbung gemacht. Die Standard-Reaktion von Bekannten, denen ich erzählte, dass ich zu Chicago nach Stuttgart fahre: „Oh, noch nie gehört … ist das neu?“ Und wenn man mal einem Poster begegnet, dann wirbt das vollkommen irreführend mit Liebe, Lüge, Eitelkeit. Besonders traurig finde ich es, dass anscheinend überhaupt kein Trailer-Material mit der Stuttgarter Besetzung gedreht wurde. Die wenigen lieblos zusammengeschnittenen Werbefilmchen verwenden immer noch Broadway-Material, das schon seit Jahren im Umlauf ist. Man erinnert sich an eine Zeit, als die Stage von Wicked in Stuttgart das absolute Vorzeige-Videomaterial drehte, das noch heute zur internationalen Vermarktung der Show an Spielorten auf der ganzen Welt (einschließlich London und New York) verwendet wird.

Roxie
© Stage Entertainment (Brinkhoff / Mögenburg)

Ein noch viel größeres Problem sind aber die Ticketpreise. Das Stuttgarter Publikum erinnert sich daran, im selben Theater vor ein paar Jahren Wicked, Tanz der Vampire, Rebecca, Das Phantom der Oper oder Die Schöne und das Biest gesehen zu haben. Für 159 Euro pro Karte erwarten die Zuschauer nun auch von Chicago eine opulente Ausstattungsschlacht. Wie gesagt, Chicago ist ein klasse Stück, aus künstlerischer Sicht vielleicht sogar das beste, was die Stage derzeit zu bieten hat. Aber gemessen am Produktionsaufwand rechtfertigt absolut nichts diese horrenden Preise. Das führt zu entsprechend negativer Mund-zu-Mund-Propaganda: „Bühnenbild quasi nicht vorhanden, Eintrittskarten vollkommen überteuert.“

Früher konnte man als junger Schüler, Student oder Azubi zumindest noch auf Young-Tickets zählen, aber trotz der unterirdischen Auslastung gehören die im Palladium Theater längst der Vergangenheit an, gemäß dem Motto: „Zahlt den Vollpreis oder bleibt zuhause.“

Ein kleiner Blick zu unseren Nachbarn in den Niederlanden: Bei Billy Elliot in Scheveningen bietet die Stage als Sommer-Special Karten in allen Preiskategorien für 25 Euro an. Warum geht so etwas nicht bei uns? Statt ihre Preispolitik zu überdenken, schließt die deutsche Stage in Stuttgart lieber beide (!) Ränge und wie diese Woche zu hören war, sind ab sofort im Parkett für den Rest der Spielzeit nur noch Tickets bis Reihe 17 im Verkauf. Sogar für die Dernière! Das tut einem vor allem leid für alle Beteiligten der Produktion.

Billy Flynn
© Stage Entertainment (Brinkhoff / Mögenburg)

Und wer für sein Ticket nicht schon tief genug in den Geldbeutel gegriffen hat, dem wird es spätestens am Souvenirstand sauer aufstoßen. Das Programmheft zusammen mit dem Besetzungsheft kostet nun 18 Euro. Am liebsten möchte ich boykottieren, aber dann gibt doch der Sammler in mir nach und der Verkäufer fragt mich: „Möchten Sie noch eine Tüte dazu? Die kostet auch nur 50 Cent extra.“ Während ich mich rumdrehe und auf den Weg in den gähnend leeren Saal mache, ohne Tüte selbstverständlich, erinnere ich mich an eine Zeit, in der man in Stuttgart ein Programmpaket für 10 Euro bekam (und die Tüten wurden einem förmlich hinterher geschmissen).

Einige der Werbeplakate von Chicago versprechen „Broadway pur“. Und genau das bekommen die Zuschauer im Palladium Theater geboten. In Walter Bobbies vielfach ausgezeichneter Revival-Produktion, die nun schon seit knapp 19 Jahren ununterbrochen am Broadway läuft, wurde das Musical von Bob Fosse, John Kander und Fred Ebb elegant auf das Essenzielle reduziert. Wer sich in den letzten Jahren zurecht über die Orchesterverkleinerungen der Stage ärgerte, wird bei Chicago endlich wieder voll auf seine Kosten kommen. Die 14-köpfige Big Band unter der musikalischen Leitung von Klaus Wilhelm bildet den Mittelpunkt der schlichten, schwarz in schwarz gehaltenen Bühne und wird auf unterhaltsame Weise in das Stück mit eingebunden.

Roxie_und_die_Jungs
© Stage Entertainment (Brinkhoff / Mögenburg)

Das spielfreudige Ensemble liefert vor allem tänzerisch eine höchstprofessionelle Leistung. Ann Reinkings von Fosse inspirierte Choreografie ist heiß und stilvoll, auf der Bühne sitzt jeder Schritt und jede Bewegung.

Leider fallen gerade die beiden Leading Ladies ein wenig gegen die restliche Besetzung ab. Die charmante Carien Keizer sieht blendend aus und hat eine bemerkenswerte Körperbeherrschung, aber als Roxie war sie mir ein bisschen zu glattgebürstet ohne die Ecken und Kanten, die ich mir bei der Rolle wünsche. Auch gesanglich blieb sie trotz guter Technik leider zu blass.

Als Velma ist die Amerikanerin Lana Gordon eigentlich typgerecht besetzt, allerdings wäre sie in einer englischsprachigen Produktion besser aufgehoben. Auch acht Monate nach der Premiere hat sie noch erheblich mit der Phonetik zu kämpfen und ist stellenweise schlecht bis gar nicht zu verstehen. Gerade bei einem Stück wie Chicago, das viel auf Wortwitz setzt, ist dies sehr schade – zumal Kevin Schroeders deutsche Neuübersetzung der Liedtexte fantastisch gelungen ist. Die Sprachbarriere scheint Gordon sowohl schauspielerisch als auch gesanglich zu bremsen.

Isabel Dörfler ist eine stimmstarke Mama Morton, allerdings – und ich hätte gar nicht gedacht, dass dies bei der Rolle überhaupt möglich wäre – war mir ihr Auftreten fast schon ein wenig zu dick aufgetragen. In der besuchten Vorstellung wurde die Rolle der Boulevardjournalistin Mary Sunshine von einem grandiosen Victor Petersen gespielt, der reichlich Szenenapplaus erntete. Der heimliche Publikumsliebling ist in Stuttgart aber Volker Metzger, der als Amos die einzige sympathische Figur des Stückes spielt und mit einem wunderbaren „Mister Zellophan“ einen der Höhepunkte setzte.

Roxie_und_Billy
© Stage Entertainment (Brinkhoff / Mögenburg)

Überraschenderweise erwies sich für mich Nigel Casey in der Rolle des Billy Flynn als ganz großer Star der Produktion. Den korrupten und schmierigen Anwalt spielte er mit einer großen Portion Charisma und nahm die Bühne mit seiner Präsenz voll ein. Die absolute Idealbesetzung!

Nach meinen Erfahrungen mit der Stage in den letzten Jahren war ich wirklich angenehm überrascht, an einem Sonntagnachmittag mit Ausnahme der Mary Sunshine die komplette Erstbesetzung zu erwischen. Auch hätte ich anfangs gar nicht damit gerechnet, dass die Stage ein neues deutsches Chicago-Album mit der Stuttgarter Besetzung auf den Markt bringt. Spotify sei Dank konnte ich mir die CD anhören und bin wirklich begeistert von der satten, ausgeglichenen Klangqualität. Von deutschsprachigen Live-Aufnahmen ist man da ganz anderes gewöhnt. Allerdings beeinträchtigt auch auf der Einspielung die teilweise mangelhafte Phonetik den Hörgenuss.

Um auch nochmal auf das überteuerte Programmheft zurückzukommen: Eins muss man zugeben, so eine hochwertige Souvenirbroschüre bekommt man weder in London noch in New York. Ein ansprechendes Layout, jede Menge Hochglanzfotos und keine störende Werbung. Was ich damit sagen will: Man bekommt ja wirklich Qualität geboten. Auch auf der Bühne. Aber der Preis ist maßlos übertrieben. Kein Wunder, dass die 1800 Plätze im Palladium Theater oft nur zum Viertel gefüllt sind.

Billy_Flynn
© Stage Entertainment (Brinkhoff / Mögenburg)

Nach der Dernière im September zieht Chicago zunächst für drei Monate ins Theater des Westens und wird anschließend in München gastieren. Vielleicht hätte man Chicago von vornerein als Tournee-Produktion konzipieren sollen wie Aida vor neun Jahren. In jeder Stadt für ein paar Wochen zu angemessenen Tournee-Preisen, dann würde die Sache nun womöglich ganz anders aussehen. Aber wenn die Stage weitermacht wie bisher, kann ich mir kaum vorstellen, dass Chicago in Berlin und München ein größerer Erfolg beschert sein wird als zurzeit in Stuttgart.

Das Traurigste dabei ist für mich, dass diese Erfahrung die Stage in Deutschland wahrscheinlich entmutigen wird, in Zukunft ähnlich anspruchsvolle und spannende Stücke auf den Plan zu nehmen und die Produktionsfirma stattdessen zur sicheren Jukebox- und Disney-Unterhaltung zurückkehren wird. Wirklich schade, denn Chicago hätte für die Stage der erste Schritt in eine vielversprechende neue Richtung sein können.


★★★★☆

CHICAGO – Stage Palladium Theater, Stuttgart; Musik: John Kander; Buch und Liedtexte: Fred Ebb; Buch: Bob Fosse; Regie: Walter Bobbie (New York), Tânia Nardini (Stuttgart); Premiere: 6. November 2014; rezensierte Vorstellung: 26. Juli 2015 (matinée)

3 Gedanken zu “CHICAGO (Stuttgart): „Broadway pur“ zu Wucherpreisen

  1. Der Werbeslogan ist echt ein Witz xD
    Und die Preispolitik der SE ist echt unter aller Sau. Chicago hätte mich von allen laufenden Stücken noch am meisten interessiert, aber zu den Preisen und wenn man dann auch noch hört, dass die Darsteller teilweise schwer zu verstehen sind.

    Zu den Programmheften: Fulda hat immer ganz tolle Programmhefte, in denen auch alles drin steht, was man so kennt und verlangt und das hat nur 8 Euro gekostet. Letztes Jahr war das sogar für alle drei Stücke und darin war noch extra ein kleineres für Friedrich.

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    1. Das mit den Programmheften in Fulda hört sich richtig toll ein! Bei mir ist es schon zur Tradition geworden, Programmhefte von allen meinen Theaterbesuchen zu sammeln, aber oft bin ich richtig enttäuscht vom Inhalt und freue mich dann dafür umso mehr über tolle Exemplare. 🙂

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      1. Ja, ich sammle die ja auch und kaufe eigentlich immer eins. Umso schöner, wenn sie dann gute Qualität haben. Beim Phantom gibt/ gab es scheinbar nur so ein Besetzungsheftchen. Weiß nicht, ob das was gekostet hat

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