DOCTOR ZHIVAGO: Ein zu Unrecht verrissenes musikalisches Juwel

Der Broadway ist ein hartes Pflaster: Negative Kritiken können für ein neues Musical das Todesurteil bedeuten. So erging es auch Doctor Zhivago, das bei den Nominierungen für die diesjährigen Tony Awards leer ausging und das Broadway Theatre am 10. Mai 2015 nach 26 Previews und nur 23 regulären Vorstellungen wieder verlassen musste.  Anlässlich der Veröffentlichung der Original Broadway Cast Recording möchte ich auf meinen Theaterbesuch von Doctor Zhivago im April zurückblicken und dabei versuchen, der Frage nach dem ausbleibenden Erfolg auf den Grund zu gehen.

 An meinem vorletzten Abend in New York kaufte ich mir am TKTS-Stand am Times Square  spontan eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn ein reduziertes Preview-Ticket für Doctor Zhivago – ohne etwas über das Musical zu wissen und zugegebenermaßen auch nur aus Mangel an Alternativen. Alle anderen Abendvorstellungen hatten entweder schon angefangen, boten keine reduzierten Karten an oder waren bereits ausverkauft.

© Matthew Murphy
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In vielen Zuschauern weckte Doctor Zhivago Erinnerungen an die „britische Invasion“ des Broadway in den Achtzigerjahren. Vor allem mit Les Misérables wurde es oft verglichen, und das nicht gerade schmeichelhaft. Gut, es geht um Liebe und Revolution und im Bühnendesign sind Stühle als Bestandteile von Barrikaden ein wiederkehrendes Symbol, aber das war es auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Interessanterweise fühlte ich mich von der Struktur und dem (musikalischen) Aufbau eher an das andere Mega-Musical von Boubil und Schönberg, Miss Saigon, erinnert. Im Auge der Öffentlichkeit wurde Doctor Zhivago plötzlich zum Möchtegern-Epos, das auf erbärmliche Weise alte Erfolge zu kopieren versucht und dabei auf ganzer Linie scheitert. So berechtigt viele der Kritikpunkte auch waren, kam es mir allmählich so vor, als habe sich die Broadway-Community im Vorfeld darauf geeinigt, dass für eine Show wie diese zurzeit kein Platz am Broadway sei und so den vielen durchaus starken Elementen des Musicals nie eine Chance gegeben.

Sicher war Doctor Zhivago problembehaftet und es mag sein, dass es in dieser Form noch nicht reif für den Broadway war. Aber ich stimme Didier C. Deutsch voll und ganz zu, wenn er in seiner Kritik im musicals-Magazin schreibt: „Wenn man das Stück für sich betrachtet, dann erweist es sich als wesentlich bewegender und unterhaltsamer, als uns die  Verrisse glauben machen wollen.“ Ich hatte einen schönen Abend und empfand das Musical in keiner Sekunde als Katastrophe. Tatsächlich fühlte ich mich von Doctor Zhivago wesentlich besser unterhalten als von The Visit am Vorabend und genoss es sehr, zur Abwechslung mal wieder ein schweres Kostümdrama mit opulenten Orchestermelodien zu sehen.

© Matthew Murphy
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Da ich im Vorfeld weder mit Boris Pasternaks Roman noch mit David Leans Verfilmung vertraut war, stieg ich vollkommen unvorbereitet in die Geschichte ein. An dem Abend war ich mit der Handlung etwas „überfordert“, aber das mag auch daran gelegen haben, dass ich stark übermüdet war. An sich lässt sich Michael Wellers Buch nämlich gut folgen und auch, wenn manches schnell geht, wird man als Zuschauer von der Fülle an Informationen nicht erschlagen. Was die Show wirklich wunderbar hinbekommt, ist Exposition. Die ersten zwanzig Minuten waren für mich wahrscheinlich sogar der stärkste und stimmigste Abschnitt des Abends, ich fühlte mich direkt in die Handlung hineingezogen.

Yurii Zhivago, ein junges Waisenkind aus ehemals mächtigem Elternhaus, wird von der befreundeten Gromeko-Familie aufgenommen und in Moskau großgezogen. Nach Abschluss seines Medizinstudiums heiratet er als junger Mann seine Jugendfreundin Tonia Gromeko, an deren Seite er aufgewachsen ist. In den Wirren des ersten Weltkriegs und der anschließenden Revolution verliebt er sich in Lara Guishar, eine junge Frau, mit der sich seine Wege im Laufe der Jahre immer wieder kreuzen. Aber Yurii ist nicht Laras einziger Verehrer: Neben ihm sind auch der opportunistische Anwalt Viktor Komarovsky, welcher Lara in ihrer Jugend verführte, und ihr revolutionärer Ehemann Pasha Antipov hinter ihr her. Während die zentralen Figuren im inneren Konflikt mit ihren Gefühlen stehen, steigt aus den Trümmern des Weltkrieges das kommunistische Regime empor. (Ich bin mir sicher, dass man die Handlung wesentlich spannender in wenigen Sätzen zusammenfassen kann, aber besser bekomme ich es nicht hin.)

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© Matthew Murphy

Nach meinem Empfinden liegt die größte Schwäche des Stückes in dem Buch und damit einhergehend auch in der Personenführung des Regisseurs Des McAnuff. Auf der einen Seite fand ich, dass das Musical insgesamt ruhig ein paar Minuten kürzer sein dürfte, andererseits kam es mir aber stellenweise noch sehr lückenhaft vor, als würden hier komplette Szenen einfach fehlen, die für die Entwicklung der Figuren elementar sind.

Der Gedanke, dass zwei Menschen in einem so kalten und grausamen Universum zueinanderfinden und eine starke Bindung eingehen, ist rührend und birgt großes Potenzial. Mein Problem war, dass ich diese „epische“ Liebe einfach nicht spüren konnte. Yurii und Lara laufen immer mal wieder ineinander und plötzlich besingen sie in überlebensgroßen Balladen ihre unsterbliche Liebe. Aber … wie kam es dazu? Dafür, dass sie den Kern der Handlung bilden sollten, wurde viel zu wenig deutlich, wie sich die romantischen Gefühle zwischen den beiden entwickelten und wie sie sich überhaupt ineinander verliebten. Ihre Dialoge wirken austauschbar und schablonenhaft, wodurch es mir insgesamt schwer fiel, mit den beiden Protagonisten zu leiden.

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© Matthew Murphy

Einen Kritikpunkt, dem ich mich jedoch nicht anschließen kann, ist, dass der fehlende Humor dem Stück schadet. Comic relief kann in tragischen Stoffen gut und wichtig sein, aber er sollte nie fehl am Platz wirken. Ich finde es schön, im Theater zu lachen. Aber manchmal finde ich es auch schön, wenn ein Stück sich selbst ernst nimmt und nicht mit Gewalt versucht, humorvolle Auflockerung mit reinzubringen. Ich muss nicht zum Lachen gebracht werden, um mich gut unterhalten zu fühlen, und ich finde es mutig von Doctor Zhivago, dass es auf deplatzierten Witz verzichtet.

Der Hauptdarsteller Tam Mutu fiel während den Previews krankheitsbedingt für einige Tage aus. In der von mir besuchten Vorstellung wurde der Part von Tam Mutus Zweitbesetzung Bradley Dean übernommen, der mit gewaltiger Stimme sang, jedoch ein wenig die charismatische Ausstrahlung vermissen ließ, die Yurii Zhivago mit sich bringen sollte. Mit Kelli Barrett stand ihm eine wunderbare Lara gegenüber und auch Lora Lee Gayer gefiel als Yuriis Frau Tonia mit schönem Gesang und authentischem Schauspiel. In den Dialogen erinnerte sie mich ein wenig an Michelle Dockery in Downton Abbey. Was Bradley Dean in der Hauptrolle an Charisma fehlte, mache Tom Hewitt in der undankbaren Rolle des Komarovsky wieder wett. Ihm hätte man mehr Auftritte gewünscht, die Rolle würde sich schließlich dazu anbieten, im Stil des Engineers aus Miss Saigon ausgebaut zu werden.

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© Matthew Murphy

Der Star des Abends war aber Paul Alexander Nolan, der die Rolle des ambitionierten Pasha und schließlich dessen Verwandlung zum skrupellosen Rebellenkommandeur Strelnikov unfassbar intensiv spielte. „No Mercy at All“, sein durchdringendes Solo im zweiten Akt, stieß auch bei vielen Zuschauern, die der restlichen Show eher ablehnend gegenüberstanden, auf Begeisterung und erntete den größten Applaus. Wäre Doctor Zhivago in einer konkurrenzärmeren Saison an den Broadway bekommen und von den Kritikern nicht so vollkommen verrissen worden, hätte diese Darstellung ihm sicherlich eine Tony-Nominierung einbringen können.

Es ist eine vertane Chance, Zhivago und Strelnikov kein gemeinsames Duett zu geben. Als der tot geglaubte Rebellenkommandeur kurz vor dem Finale plötzlich vor dem Protagonisten im Eispalast steht, glaubt man, das ist sie nun, die finale Konfrontation der beiden Gegenspieler, auf die alles hinauslief. Und dann reden die beiden miteinander. Und reden. Auch, wenn ich mir vorgenommen hatte, Doctor Zhivago nicht mit Les Misérables zu vergleichen, so kann ich hier nicht aufhören, daran zu denken, was es doch für ein musikalisch befriedigender Moment ist, wenn Valjean und Javert sich nach Fantines Tod gegenüberstehen und die „Konfrontation“ schmettern. So etwas hätte ich mir auch in Doctor Zhivago von dieser Begegnung gewünscht.

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© Matthew Murphy

Wo wir schon bei Begegnung sind: Als Lara und Tonia in zweiten Akt zum ersten und einzigen Mal aufeinandertreffen und gemeinsam „It Comes as No Surprise“ singen, tut sich eine weitere Schwäche auf. Die beiden Frauenstimmen, so schön sie auch klingen und miteinander harmonieren, grenzen sich überhaupt nicht voneinander ab. Würde ich an dieser Stelle schon wieder einen Vergleich zu Les Misérables ziehen, was ich natürlich nicht tue, so würde ich sagen, dass es schon einen Grund hat, dass Éponine und Cosette sich musikalisch voneinander unterscheiden.

Von diesen Aspekten mal abgesehen bildet Lucy Simons Musik das Herzstück von Doctor Zhivago. Kurze Zeit, nachdem ich Doctor Zhivago am Broadway gesehen hatte, entdeckte ich ihr Erstlingswerk The Secret Garden für mich und verliebte mich sofort in den malerischen und gleichzeitig angenehm unkitschigen Score. Auch Doctor Zhivago war für sie ein Leidenschaftsprojekt, von dem sie schon in Interviews Anfang der Neunziger sprach, und auch für dieses Projekt hat sie viele wunderschöne Melodien geschrieben. Einige Lieder sind für meinen Geschmack schon sehr stark an der Grenze des Kitsch, vor allem „Now“, ein Duett, das Yurii und Lara im ersten Akt gemeinsam singen, und das Quintett „Love Finds You“ im zweiten Akt. Die zweite Hälfte des Abends wirkt zu balladenlastig, auch wenn viele Melodien für sich genommen wirklich schön sind.

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© Matthew Murphy

Insgesamt ist Lucy Simon eine opulente Partitur gelungen, zu der sie sich von der klassischen russischen Musikpalette inspirieren ließ, und dazu habe ich selten so schöne Orchesterarrangements gehört. Mir gefiel es besonders gut, wie bestimmte Melodien im Verlauf des Abends erneut aufgegriffen wurden. So entwickelt sich die leidenschaftliche Friedenshymne „Blood on the Snow“ im zweiten Akt zum aggressiven Kommunistengesang.

Die Liedtexte von von Michael Korie und Amy Powers funktionieren meistens ganz gut und sind stets bemüht, den poetischen Ton von Yuriis Gedichten zu treffen, verlieren sich nur manchmal in klischeehaften Banalitäten. Insgesamt bilden sie mit der Musik aber eine stimmige Einheit.

Ich war wahrscheinlich einer der wenigen Zuschauer im Saal, dem nicht bewusst war, dass „Somewhere My Love“ nicht für das Musical geschrieben wurde, sondern aus dem Film von 1965 stammt und den meisten Leuten eher unter dem Titel „Lara’s Theme“ ein Begriff ist. Auf der Bühne ist es ein traditionelles russisches Volkslied, das von Krankenschwestern an der Front gesungen wird, als sie vom Ende des Krieges und der Aussicht auf eine Rückkehr nach Hause erfahren. Ich fand es sehr schön, dass man es auf diese Weise in die Handlung eingebunden hat und daraus kein Herzschmerz-Duett machte. So war es nämlich eine nette Hommage an den Film, ohne dabei zu plakativ zu sein. Dass mir das Lied an diesem Abend nicht als Fremdkörper vorkam, zeigt wohl, dass es sich in meiner Wahrnehmung  nahtlos in den Score einfügte.

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© Matthew Murphy

In der vorderen linken Bühnenecke stand ein Tisch mit einem Stuhl, der sich den ganzen Abend über nicht rührte. Von meinem Mezzanine-Platz aus störte ich mich daran überhaupt nicht, aber vielen Leuten im vorderen Parkett versperrte er die Sicht auf das, was auf der Bühne passierte. Der Zhivago-Tisch wurde in Zuschauerkreisen zum Running Gag und bekam sogar einen eigenen Twitter-Account. In Anbetracht der Tatsache, dass der Tisch sich auch nach der Premiere für den Rest der Spielzeit nicht vom Fleck bewegte, ist dieses Stück Holz schon fast symbolisch dafür, dass die Preview-Phase nicht genug dafür genutzt wurde, die Probleme der Inszenierung „gerade zu rücken“. Auch einige der Projektionen hätte man lieber streichen sollen. Für große Aufregung in Broadway-Foren sorgte ein Bild von Lara, die über ihre nackte Schulter einen Schlafzimmerblick in die Kamera wirft, während Kelli Barrett auf der Bühne davon singt, in ihrer Jugend von einem älteren Mann sexuell ausgenutzt worden zu sein. Das ist unangebracht und nimmt der ansonsten sehr starken Szene die Intensität.

Neben dem Score und der Besetzung sind die detailverliebten und authentischen Kostüme von Paul Tazewell das große Plus der Inszenierung. Ich persönlich war fasziniert von dem Bühnenbild und vor allem von der beeindruckenden Tiefenwirkung des Bodens, der sich nach hinten hin bis ins Unendliche auszustrecken schien und der kompletten Bühne gigantische Ausmaße verlieh. Allerdings stieß das Design bei vielen Zuschauern, die mit dem Film im Hinterkopf malerische Schneelandschaften erwarteten, auf Enttäuschung und vor allem auf Verwirrung. Die Spielfläche sah aus wie ein gemusterter Fußboden, der an alte europäische Paläste und Herrenhäuser erinnerte.

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© Matthew Murphy

Mir war die Bedeutung dieser gestalterischen Entscheidung nicht ganz klar, bis ein informatives Interview mit dem Kreativteam für mich Licht ins Dunkel brachte. Des McAnuff und Lucy Simon erklären, dass der Bühnenbildner Michael Scott-Mitchell sich von dem Parkettboden der Eremitage in St. Petersburg inspirieren ließ und das Konzept des Bühnendesigns auf den Gedanken zurückgeht, dass im Kern der Geschichte fünf Personen stehen – drei Männer sind verliebt in dieselbe Frau und zwei Frauen sind verliebt in denselben Mann – und das Stück genauso gut den ganzen Abend über in nur einem Raum spielen könnte. Die Bühne zeigt den Gromeko-Ballsaal in Moskau, in dem Yurii und Tonia zu Beginn des Stückes ihre Hochzeit feiern und Lara versucht, ein Attentat auf Komarovsky zu verüben. Im zweiten Akt ist der Saal nicht mehr prunkvoll, sondern heruntergekommen. Und egal, wohin die Handlung die Protagonisten führt, auf das französische Schlachtfeld oder in das Uralgebirge, so verlassen sie doch nie wirklich den Ballsaal.

Dabei musste ich an die Szene aus dem Anastasia-Zeichentrickfilm denken, als Anya den heruntergekommenen Ballsaal des Katharinenpalastes betritt und vor ihrem geistigen Auge während „Es war einmal im Dezember“ der Prunk des untergegangenen Zarenreiches wieder aufersteht. Und plötzlich finde ich den Gedanken hinter dem Bühnenbild von Doctor Zhivago wirklich spannend, aber das Problem ist einfach, dass man ihn nicht versteht und richtig wertschätzen kann, ohne das Interview zu kennen. Gleiches gilt auch für die Farbgestaltung und so viele andere interessante und inspirierte Ansätze, die für das Publikum leider total untergehen.

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© Matthew Murphy

Was mir noch sehr lebhaft im Gedächtnis ist, ist der hohe Grad an Gewalt und Grausamkeit auf der Bühne: Feuer, Blut, ein Mann, der sich übergibt, eine Frau, die sich die Kehle aufschneidet, Hinrichtungen am Galgen und Pistolenschüsse, viele, viele Pistolenschüsse. Der Kontrast zu den leidenschaftlichen Balladen und der romantischen Gefühlswelt ist sicherlich bewusst so stark herausgearbeitet, allerdings hätte es auch ein bisschen weniger Gewalt getan.

Nach den negativen Kritiken und somit dem frühzeitigen Ende der Show hatte ich die Hoffnung auf eine Aufnahme schon fast aufgegeben und freute mich somit umso mehr über die Bekanntgabe der CD-Veröffentlichung. Das Album ist mittlerweile auf dem Markt und als jemand, der das Glück hatte, die Show live zu sehen, finde ich, dass der Score wunderbar zur Geltung kommt. Vielleicht ist Doctor Zhivago eines der Musicals, das auf CD besser weiterlebt als auf der Bühne, zumindest in den USA. Das Label Broadway Records hat auf Youtube ein wirklich tolles Video über die Entstehung des Albums hochgeladen. Die Aufnahmearbeiten entstanden nicht in einem gewöhnlichen Tonstudio, sondern im Ballsaal des Manhattan Center, der mit der Bühne und dem Zuschauerraum an ein altes Theater erinnert. Es lohnt sich wirklich, sich das Video anzuschauen, da man einen schönen Eindruck von der Musik und auch von der Produktion des Albums an diesem außergewöhnlichen Aufnahmeort bekommt.

Vor allem dieses Video zeigt, mit wie viel Leidenschaft das komplette Team auch nach der Broadway-Schließung noch hinter dem Projekt steht. Für sich betrachtet hatte jedes Mitglied des Kreativteams eine starke Vision der fertigen Show, allerdings ließen diese sich in der Praxis nicht miteinander in Einklang bringen, was schließlich dazu führte, dass das Endergebnis unausgeglichen und unfertig wirkte. Das ist sehr schade, vor allem, da die Show schon lange in Arbeit ist, vor knapp zehn Jahren bereits als Workshop in La Jolla aufgeführt wurde und vor ein paar Jahren in Australien Premiere feierte.

Am Broadway ist das Musical wahrscheinlich erst mal gebrandmarkt. Eine Rückkehr könnte ich mir in ein paar Jahren höchstens in Form einer konzertanten Aufführung vorstellen. In Europa und vor allem im deutschsprachigen Raum sehe ich für Doctor Zhivago viel eher eine Zukunft. Zum Beispiel an einem Haus wie dem Theater St. Gallen, wo es schließlich auch für neue Wildhorn-Werke wie Der Graf von Monte Christo oder Artus – Excalibur ein Publikum gibt, die am Broadway niemals eine Chance hätten. Im Vergleich zu Shows wie Marie Antoinette oder Der Besuch der alten Dame, die alle in eine ähnliche Kategorie fallen, schlägt Doctor Zhivago sich nach unseren europäischen Maßstäben mehr als solide.

Ich würde mich freuen, Doctor Zhivago irgendwann wieder auf einer Bühne zu sehen, dann vielleicht auch mal mit etwas mehr Schnee. Aber bis es soweit ist, haben wir zumindest ein wirklich gelungenes Cast-Album, das die Musik von ihrer besten Seite präsentiert und auch in Zukunft noch vielen Hörern zeigen wird, dass das Musical für sich betrachtet wesentlich mehr zu bieten hatte, als sein Ruf vermuten lässt.


★★★★☆

DOCTOR ZHIVAGO – The Broadway Theatre, New York; Musik: Buch: Michael Weller (basierend auf dem Roman von Boris Pasternak); Liedtexte: Michael Korie & Amy Powers; Musik: Lucy Simon; Regie: Des McAnuff; erste Preview: 27. März 2015; Premiere: 21. April 2015; rezensierte Vorstellung: 5. April 2015

3 Gedanken zu “DOCTOR ZHIVAGO: Ein zu Unrecht verrissenes musikalisches Juwel

  1. Tja manchmal kann man den broadway einfach nicht verstehen 😉 Das Stück klingt auf jeden Fall interessant, gerade auch wegen diesem großen Historiendrama
    Umso schöner, dass du es sehen und dir eine eigene Meinung bilden konntest

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      1. Danke für diesen ausführlichen Bericht!!! Ich habe das Musical vor einigen Jahren in Sydney gesehen. Mir ist es in den meisten Teilen deines Bericht ähnlich ergangen und so habe ich es auch erfunden. Aber in einem Punkt muss ich dir widersprechen. Ich empfinde den Song „NOW“ als einen der besten Balladen die es im Musicalbereich gibt. Mir gefällt Anthony Warlow aber deutlich besser. Aber das ist ja zum Glück alles Ansichtssache. Liebe Grüße Vinc

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