Nachgefragt bei Theaterkind Lisanne

Heute gibt es auf meinem Blog eine kleine Premiere: Ausnahmsweise keine Rezension, sondern ein Interview! Hierzu habe ich Lisanne, die viele von euch sicher von ihrem zweisprachigen Blog Theaterkind kennen, ein paar Fragen gestellt. Umgekehrt habe ich auch für Lisanne ein paar Fragen beantwortet. Das Gespräch findet ihr hier auf ihrem Blog. 

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© Lisanne (Theaterkind)

Als Einstieg in den Fragebogen erst einmal: Wie kamst du zum Theater? Was war dein erster Kontakt mit der Bühnenwelt und wann wurde dir klar, dass du beruflich in diese Richtung gehen willst?
Ich erzähle gern, dass meine Mutter früher, als meine Schwester und ich klein waren, uns zum hysterischen Lachen gebracht hat, wenn sie „Der ideale Lebenszweck ist Borstenvieh, ist Schweinespeck“ aus dem Zigeunerbaron gesungen hat, so richtig mit einem osteuropäischen Akzent und so. Oder dass ich mit ungefähr vier Jahren eine Kindergartenfreundin wahrscheinlich etwas verstört habe, als ich sie gezwungen habe, eine Kassettenaufnahme (!) vom Phantom der Oper anzuhören, als sie zum Spielen bei uns war. Es gibt viele so kleine Anekdoten mit Theater aus meiner Kindheit und lustigerweise ist das bei mir durch die ganze Jugend ein Thema gewesen. Als ich so 15 war, hat meine Mutter einmal in einer E-Mail an jemanden geschrieben: „Momentan beschäftigt sie sich obsessiv mit Musicals.“ Das ist dann so geblieben. In einem meiner Blogposts habe ich vor etwa anderthalb Jahren mal beschrieben, wie ich dann „professionell“ zum Theater gekommen bin.

Du sagst, dass es rückblickend eine der besten Entscheidungen deines Lebens war, Theaterwissenschaft studiert zu haben. Wie kam es zu dieser Entscheidung, obwohl du ja ursprünglich geplant hattest, Dramaturgie schon im Bachelor zu studieren?
Jetzt irgendwas Erwachsenes zu schreiben wie „Theorie ist immer gut“ war zwar auch einer meiner Beweggründe, aber damit mache ich mich nicht gerade sympathisch, oder? (oops …) Rückblickend hat mir die Theaterwissenschaft eine Art Selbstbewusstsein im Umgang mit Theater gegeben. Ich habe damals meine Einführungsvorlesung von noch Erika Fischer-Lichte persönlich gehört und in Berlin ist die Theaterwissenschaft nach meinem Gefühl immer noch sehr von „ihrer Schule“ geprägt. Egal für wie zeitgemäß man das heute noch hält, ich habe gelernt, dass Theater zum großen Teil eine Sache der Rezeption ist. Und wenn man das ernst nimmt, gibt es einem ein wirklich tolles Gefühl beim Theatergucken. Man hat mehr die Zügel in der Hand, als wenn man darauf wartet, dass man DIE EINE Botschaft bekommt, die der_die Regisseur_in uns mitteilen will. Manchmal deckt sich das natürlich, manchmal aber auch nicht. Die Flexibilität ist toll. Und ich als unsicherer und perfektionistischer Mensch musste das erst lernen.

Wo wir schon beim Studium sind, eine kleine Frage, die nichts mit Theater zu tun hat: Was brachte dich zu deinem Hebräisch-Studium?
Ich hab wohl keine Frage so häufig beantwortet. Oder auch nicht beantwortet. Irgendwann hab ich rausgefunden, dass man auf die Frage einfach warten kann, bis der andere die Stille nicht mehr aushält und dann sagt: „Oder bist du jüdisch?“, und dann kann man einfach nicken und man ist fertig. Aber da das hier ja nicht funktioniert: Hebräisch ist eine tolle Geheimsprache. Und vor allem eine Geheimschrift. Und überhaupt ganz toll systematisch. Andersrum als Russisch. Während Russisch am Anfang ganz schwierig ist und dann (angeblich, so weit bin ich nie gekommen) immer leichter wird, ist das bei Hebräisch andersrum, da gibt es erst suuuper spät so freaky Ausnahmen, die auch in Israel kaum einer kennt.
Und (und das ist eine Antwort auf viele Fragen zu meinem Leben): Es ging.

Um ein bisschen von den Nachgefragt-Bögen der musicals zu klauen: Welche Cast-Alben hörst du zurzeit besonders gerne und welche hörst du generell sehr häufig?
Ich habe dazu eben die Top 25 Liste meiner iTunes Mediathek befragt. Sie sagt: Bonnie & Clyde, Bridges of Madison County (wen verwundert das jetzt hier genau?) und auf Platz 1 der meistgespielten Songs (!) ist noch aus meiner Spätpubertät „How Did I End Up Here“ von Scott Alan. Momentan höre ich aber Andrew Lippas John & Jen rauf und runter, die neue Aufnahme mit Kate Baldwin. Eine Aufnahme, zu der ich immer wieder zurückkehre, ist auf jeden Fall Parade, Heathers und so „richtige“ Klassiker wie Company – die Revival-Aufnahme mit Raúl Esparza. Und überhaupt Sondheim. Und Rocky (Broadway) ist mein Soundtrack zum Fahrradfahren im Winter.

Was war die letzte Theaterinszenierung (egal ob Sprechtheater, Musical oder Oper), die dich so richtig beeindruckt hat?
DIE (eine) letzte ist schwierig. Ich werde einige nennen – zum einen Herzog Blaubarts Burg inszeniert von Calixto Bieto an der Komischen Oper Berlin, zwei Menschen bei dieser Jagd durch die Türen und Räume und damit auch in das Innere ihrer Figuren zuzusehen, war eine ziemlich intensive Erfahrung; ganz anders, nämlich auf Überforderung angelegt, war da Barrie Koskys Moses und Aron und trotzdem nicht weniger beeindruckend. Yael Ronens Common Ground am Maxim Gorki Theater – ich kenne einige Arbeiten von Yael Ronen, auch weil ich meine Bachelor-Arbeit über eine davon geschrieben habe, aber die war besonders, vielleicht weil es nicht „ihr“ Konflikt ist, den sie da bearbeitet.
Musical ist vielleicht das schwierigste. Lotte in Wetzlar hat mich mit der Originalität und dem Augenzwinkern beeindruckt, Crazy for You in Magdeburg mit der Verve, mit der sich alle Beteiligten da rein schmeißen, Rocky am Broadway, weil es mich so furchtbar toll überrascht hat, und natürlich The Bridges of Madison County, weil ich diese emotionale Spannung, den Zoom auf diese beiden Personen davor und danach nicht mehr so erlebt habe.

Welches Musical findest du besonders unterbewertet?
Parade, Andrew Lippas Wild Party und um nochmal an das mit der Rezeption anzuschließen: Shrek. Klingt jetzt komisch, wenn man mich kennt, aber ich hab selten eine Show gesehen, die so glatt daherkommt und dabei dann so subversiv ist.

Du interessiert dich ja auch sehr für Übersetzung und übersetzt selbst Texte. Welche deutsche Übersetzung eines englischsprachigen Musicals findest du extrem gut gelungen und welche würdest du am liebsten komplett neu übersetzen (lassen), weil sie eher weniger gelungen ist?
Ich mag die neue Fassung von Sound of Music recht gern, die funktioniert einfach über, genauso wie die deutsche Fassung von Shrek – ich habe mich ja neulich bei mir „drüben“ schon als Kevin Schroeder-Fan geoutet.
Wobei ich auch finde, dass Sunset Boulevard ziemlich gut funktioniert auf deutsch, zumindest wie ich es in Erinnerung habe.
Ich würde gerne einige Dinge bei Songs For a New World aktualisieren. Ich finde auch, dass Rocky eher suboptimal funktioniert. Und: RENT. Obwohl das, ähnlich wie unter anderem auch Hair oder Anything Goes, ein Beispiel dafür ist, dass ich mir eigentlich mehr Mut wünsche, einen anderen Umgang mit diesen (Original-)Texten zu finden. Wie genau das aussehen soll, dafür hab ich auch kein Patentrezept.

Seit ein paar Jahren sind Verfilmungen von Bühnen-Musicals ja wieder so richtig im Trend, seien es Big-Budget-Produktionen wie Les Misérables oder kleinere Indie-Projekte wie The Last Five Years. Welches Musical könntest du dir besonders gut auf der Leinwand vorstellen?
Gerade sind ja ein paar Gerüchte über einen In the Heights-Film aufgekommen, wenn ich jetzt nichts durcheinander bringe. Das würde mich sehr freuen. Die Musik passt sehr gut zu Filmbildern, finde ich. Irgendwie fänd ich auch so konzeptfilmmäßig eine kreative Umsetzung von Songs for a New World spannend (JRB ist glaub ich aber sehr protective over his licensing …). Oder von anderen Song-Zyklen, wie sie ja bei jungen Komponist_innen beliebt sind.

Welcher Stoff (egal ob historisch, Film-/Buchvorlage oder etwas ganz anderes) würde sich deiner Meinung nach gut für ein Musical anbieten?
Ich würde gern mehr wirklich mutige, ernste Dinge sehen, einen Weg, der ja gerade zuletzt mit Fun Home in Amerika einen Ticken mehr geebnet wurde (was dieses Stück sonst noch so geebnet hat – allein schon für den Symbol-Charakter muss man es lieben!). Oder Stoffe, die eher eine Reflexion eines Stoffes sind als der Stoff selbst.
Oder wie lustig wäre ein Musical auf Basis eines beliebigen Thomas-Mann-Romans? Vielleicht würde der Thomas sich im Grabe umdrehen … ein „Liegekur-Ballett“ und eine „Röntgen-Ballade“, eine Albtraum-Sequenz … ich nenne keine Namen und ich sage nicht, dass das bitte wirklich passieren soll. Ich spinne nur rum.

Und zu guter Letzt: Welches Musical würdest du besonders gerne „nach Deutschland bringen“ (= Stückauswahl treffen und in irgendeiner Form als Übersetzerin oder Dramaturgin an der deutschen Erstaufführung beteiligt sein)?
Haha … das sage ich doch jetzt noch nicht, solange die Rechte nicht in Sack und Tüten sind. 😉
Kleiner Scherz, jedenfalls teilweise.
Man ist in der Stückauswahl, wenn es um Adaptionen bzw. Übernahmen aus dem englischsprachigen Raum geht, immer ein bisschen eingeschränkt. So dürfte sich zum Beispiel die Suche nach einem deutschen Äquivalent zu Sydney Lucas – oder eher, dank der Arbeitsrechtsauflagen, acht Äquivalenten … – für die kleine Alison in Fun Home schwierig gestalten. Allerdings könnte ich mir Big Fish potenziell gut hier vorstellen, wenn wir über eine große Produktion reden.
Generell finde ich, dass der deutschsprachige Raum mehr Musicals mit kleiner Besetzung braucht. Weil wir hier erst lernen müssen, dass Musical nicht immer Shownummer an Shownummer  an Shownummer ist, sondern auch im Kleinen ganz laut sein kann und nicht nur überwältigen kann, sondern auch intim und berührend sein kann.

Das ist ein schönes Schlusswort. Ich bedanke mich für das tolle und interessante Gespräch, Lisanne!

Lisannes Biografie, wie sie in Programmheften erscheint:
Lisanne, geboren 1991 in Berlin, studiere Theaterwissenschaft, neue deutsche Literatur und Hebräisch (BA) sowie Tanzwissenschaft (MA) an der FU Berlin und beginnt im Herbst ihr zweites Master-Jahr an der HMT Leipzig, wo sie Dramaturgie mit Musik(theater)schwerpunkt studiert. Neben dem Studium war sie Regie- und Dramaturgieassistentin u.a. an der Komischen Oper Berlin sowie dem Grips Theater und arbeitete mit Autor und Regisseur Tobias Rausch am Theater Kiel.

Weil sie nicht nur Theater, sondern auch das Internet liebt, schreibt sie seit 2013 ihren Blog Theaterkind.
Sonst noch so: Viel Sport, vegane Ernährung und Reisen, vor allem Zugfahren.

So findet ihr Lisanne in den sozialen Medien:
Wordpress: Theaterkind
Instagram: @theaterkind
Twitter: @Lisanne_Wi
Facebook: Theaterkind

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