PIPPIN in Amsterdam: Von einem, der auszog, das Leben zu lernen

Unter dem Slogan „Broadway an der Amstel“ machte diesen Frühling zum ersten Mal eine US-amerikanische Musical-Tourproduktion in Amsterdam Halt. Diese Tradition soll nun jährlich fortgeführt werden. Bei einem spontanen Kurztrip in die Stadt der Grachten und Fahrräder konnte ich mir eine Woche vor Tourneeschluss noch selbst ein Bild von Pippin im Königlichen Theater Carré machen.

Pippin, eines von Stephen Schwartz’ frühesten Werken (Broadwaypremiere: 1972), ist grob inspiriert von der geschichtlichen Persönlichkeit Pippin dem Jüngeren, Sohn Karls des Großen, vernachlässigt jedoch jeden  historischen Bezug und ist vielmehr das Märchen eines jungen Mannes, der orientierungslos in die Welt hinauszieht, um seine persönliche „Ecke des Himmels“ zu finden. Nachdem der Krieg ihn unbefriedigt zurücklässt, experimentiert er mit Religion, Sex, Macht und dem sesshaften Leben mit Haus und Hof, doch nichts davon gibt ihm Erfüllung. Zusammengehalten wird die Geschichte von einer mystisch-zauberhaften Künstlertruppe, angeführt von dem Leading Player, der zunächst nur als Conférencier fungiert und später immer aktiver in Pippins Geschichte eingreift.

Die Akrobaten formen den Namen des Titelhelden. © Joan Marcus

Vor drei Jahren verlieh die Regisseurin Diane Paulus dem selten gespielten Stück eine Frischzellenkur. In brandneuer Zirkus-Optik mit jeder Menge spektakulärer Akrobatik und magischer Illusionen fand das Musical seinen Weg zurück an den Broadway, wo die Produktion mit vier Tony Awards (u.a. bestes Revival, beste Regie) ausgezeichnet wurde.

Diese Version des Musicals war nun auch für fünf Wochen in Amsterdam zu sehen – übrigens zu mehr als fairen Preisen. Ich hatte für 40 Euro einen wunderbaren Platz im Mittelparkett. Die bunte Ausstattung von Scott Pask (Bühnenbild) und Dominique Lemieux (Kostümdesign) bietet reichlich Schauwert und die beeindruckende Akrobatik von Gypsy Snider, Mitbegründerin der kanadischen Zirkuskompagnie „Les 7 doigts de la main“ („Die sieben Finger der Hand“), macht dem Cirque du Soleil Konkurrenz. Pippin ist ästhetisch sicherlich eines der schönsten Stücke, das ich je auf einer Bühne gesehen habe. Die Produktion strotzt nur vor Einfallsreichtum und Kreativität, viele Zaubertricks und akrobatische Figuren versetzen die Zuschauer in Staunen und ernten spontanen Szenenapplaus. Überhaupt war das niederländische Publikum in der besuchten Vorstellung unheimlich begeisterungsfähig und wusste das Bühnengeschehen gebührend zu schätzen. Schön, zu sehen, dass das Ensemble für seine perfekt aufeinander abgestimmte Leistung eine so warme Reaktion erhielt und am Ende des Abends mit einer wohlverdienten Standing Ovation belohnt wurde.

Brian Flores steht in der Titelrolle auf der Bühne. © Joan Marucs

Dass der Score schon mehr als vierzig Jahre auf dem Buckel hat, merkt man der Musik in keiner Minute an. Mit teilweise neuen Arrangements klingen die Lieder frisch und unverbraucht. Besondere Highlights sind „Magic to Do“, „Corner of the Sky“, „Simple Joys“, „No Time at All“, „Morning Glow“, „On the Right Track“ und „Extraordinary“.

Typgemäß ist Brian Flores in der Titelrolle des etwas unbeholfenen Pippin bestens aufgehoben. Gesanglich lässt er trotz sicherer Intonation zwar das gewisse Etwas vermissen, mit dem Matthew James Thomas die Revival-CD für mich zu etwas ganz Besonderem macht, punktet darstellerisch dafür aber auf ganzer Linie und hat die Sympathie des Publikums auf seiner Seite.

Als Pippins Vater Karl der Große ist John Rubinstein zu sehen, der vor 44 Jahren bei der Broadway-Premiere als originaler Pippin auf der Bühne stand. In Amsterdam spielt er nun die Rolle des mächtigen Herrschers mit Humor und Augenzwinkern.

John Rubinstein und Sabrina Harper als Königspaar. © Joan Marcus

Einen ähnlichen Sentimentalitätsfaktor hat die Besetzung von Pippins Großmutter Berthe. Während Rubinstein 1972 im Imperial Theater allabendlich nach seinem „Corner of the Sky“ suchte, prägte die damals 27-jährige Adrienne Barbeau  zeitgleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Broadhurst Theater die Rolle der Rizzo bei der Broadway-Premiere von Grease. Auch mit siebzig Jahren sieht Barbeau immer noch blendend aus und wenn sie in einem stilvollen Spitzentrikot kopfüber am Trapez hängt und zu ihrem Enkel singt, was für ein kostbares Geschenk das Leben ist und dass man jeden Tag in vollen Zügen genießen sollte, ist das der anrührendste Moment des Abends. Bis in die letzte Reihe wickelt sie die Zuschauer um den Finger und kann den kompletten Saal dazu animieren, den Refrain von „No Time at All“ aus voller Seele mitzusingen.

Herzerwärmend und humorvoll: Adrienne Barbeau als Pippins Großmutter. © Sara Hanna

Sabrina Harper, in Amsterdam als Pippins laszive Stiefmutter Fastrada zu sehen, ist einigen deutschen Zuschauern sicher noch aus Produktionen wie 3 Musketiere in Stuttgart oder Chicago in St. Gallen in Erinnerung. Nachdem sie vor drei Jahren in Pippin ihr Broadway-Debüt gegeben hatte, steht sie nun endlich wieder auf einer europäischen Bühne und beeindruckt mit glamouröser Ausstrahlung und fantastischer Körperbeherrschung.

Der Part des Leading Player wurde in der besuchten Vorstellung von Aléna Watters gespielt. Sie erweckte die heimliche Hauptrolle des Stückes ausdrucksstark und stimmgewaltig zum Leben – eine Leistung, die definitiv einer Erstbesetzung würdig ist und entsprechend mit frenetischem Applaus belohnt wurde. Interessanterweise wurde die Figur in der Originalfassung von einem Mann gespielt und ist die bisher einzige Musicalrolle, in der sowohl ein Schauspieler (Ben Vereen, 1973) als auch eine Schauspielerin (Patina Miller, 2013) mit einem Tony Award ausgezeichnet wurden.

Der Leading Player und die Akrobaten wollen Pippin das süße Leben zeigen. © Joan Marcus

Ich freute mich, dass Watters den Leading Player nicht nur als Kumpeltyp und Weggefährten darstellte, sondern der präsenten Zirkusdirektorin auch diabolische Züge verlieh. Stellenweise fühlte ich mich an Helen Schneiders Darstellung des Conférenciers in Cabaret letzten Sommer erinnert (eine Rolle, die genauso wenig geschlechtsspezifisch konstruiert ist) und da wurde mir bewusst, wie faszinierend ich solche ambivalenten Theaterfiguren finde, bei denen man sich bis zum Schluss nicht sicher sein kann, auf welcher Seite sie eigentlich stehen.

Hierin zeigt sich immer noch die Handschrift von Bob Fosse, der damals die weitaus düstere Urfassung inszenierte. Der Leading Player und seine Truppe existieren lediglich in Pippins Kopf und lassen ihn in allen Versuchen eines erfüllten Lebens scheitern, um ihn schließlich in dem groß angekündigten Finale, das die Zuschauer für den Rest ihres Lebens nicht vergessen sollen, in den Suizid zu treiben. Die Interpretation der Figuren und deren Funktion lässt sich ewig weiterspinnen.

„Monring Glow“: Das Finale des ersten Aktes ist der musikalische Höhepunkt des Abends. © Shinobu Ikazaki

Auch, wenn der neue Pippin als wesentlich familientauglichere Unterhaltung daherkommt, ist der düstere Subtext auch in dem bunten Revival noch vorhanden, da er fest im Material verankert ist. Besonders deutlich ist das eben in der Figur des Leading Player, aber überhaupt verschwimmen in Diane Paulus’ Inszenierung häufig die Grenzen zwischen Realität und Imagination. In vielen Szenen ist man sich nicht sicher, ob hier tatsächlich Pippins Schicksal erzählt wird oder vielmehr das des jungen Schauspielers aus der Zirkustruppe. Ständig wird die vierte Wand durchbrochen und die Akteure richten sich in direktem Appell ans Publikum. Dies gilt insbesondere für das unerwartete Finale – das ich tatsächlich für den Rest meines Lebens nicht vergessen werde und das mir noch lange nach Verlassen der Manege durch den Kopf ging.

Auf eine unbeschreibliche Art und Weise hatte ich das Gefühl, dass Pippin unheimlich gut nach Amsterdam passte und das perfekte Musical für diese Stadt war. Das Stück und die Emotionen, die es in mir auslöste, werden für mich nun immer untrennbar mit den schönen Erinnerungen an diese spontane Reise verbunden sein.

Broadway an der Amstel: Der Blick vom Balkon des Carré. © Niklas (Theaterdistrikt)

Es würde mich sehr freuen, wenn Pippin in den nächsten Jahren mal wieder seinen Weg auf die deutschsprachigen Bühnen finden würde. Über die Erstaufführung am Theater an der Wien 1974 findet man heute kaum noch Informationen und auch seitdem war Pippin bei uns ein sehr selten gesehener Gast. Wenngleich das Zirkuskonzept die Show in Amsterdam meiner Meinung nach erst so richtig abrundete und ihr einen roten Faden verlieh, hat das Musical auch für sich betrachtet ein großes Potenzial und sollte häufiger gespielt werden. Ich könnte es mir zum Beispiel sehr gut im Freilichtsommer in Tecklenburg oder Bad Hersfeld vorstellen.

Unter der Regie von Diane Paulus ist Pippin ein stimmiges Gesamtkunstwerk. Rückblickend betrachtet erwies sich „Broadway an der Amstel“ in seinem ersten Jahr als voller Erfolg. Hier wurde alles richtig gemacht und man darf gespannt sein, welches Musical nächstes Jahr in Amsterdam auf die Bühne kommen wird.


★★★★★

PIPPIN – Koninklijk Theater Carré, Amsterdam; Musik und Liedtexte: Stephen Schwartz; Buch: Roger O. Hirson; Regie: Diane Paulus; Premiere: 10. März 2016; rezensierte Vorstellung: 3. April 2016

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