FUNNY GIRL in London: Es geht auch ohne Barbra

Inspiriert vom Leben der Unterhaltungskünstlerin Fanny Brice wurde 1964 das Musical Funny Girl uraufgeführt. In der Hauptrolle gelang damals der jungen Barbra Streisand, die sich schon zuvor als Musikerin und Schauspielerin einen Namen gemacht hatte, der ultimative Durchbruch. Sie spielte die Rolle in den Sechzigern sowohl bei der Broadway- als auch bei der West-End-Premiere. Das Musical schien so untrennbar mit der Person Barbra Streisand verbunden zu sein, dass man ein Revival Jahrzehnte lang für unmöglich hielt. Die Tatsache, dass Streisand die Rolle auch in der Oscar-prämierten Musicalverfilmung von 1968 spielte, manifestierte diesen Gedanken nur noch.

© Johan Persson
© Johan Persson

Letztes Jahr schließlich kam es in der Londoner Theaterwelt zu einer kleinen Sensation. Die renommierte Menier Chocolate Factory wagte sich an das erste richtige Revival von Funny Girl (sowohl am Broadway als auch in London) seit 50 Jahren. Und dieses Revival schien längst überfällig zu sein: Die dreimonatige Spielzeit in der Schokoladenfabrik war innerhalb von 90 Minuten komplett ausverkauft, noch vor der Premiere wurde ein West-End-Transfer ins Savoy Theatre angekündigt.

Da Funny Girl zugegebenermaßen weder das fesselndste Buch noch die ausgefeiltesten Nebencharaktere zu bieten hat, steht und fällt das Musical mit der Besetzung der Hauptrolle. In London entschied man sich medienwirksam für Englands Liebling Sheridan Smith, hierzulande zwar kaum jemandem ein Begriff, auf der Insel aber ein großer Bühnen- und Fernsehstar. (Dass Smith für die Presse relevant ist, war in den vergangenen Wochen für sie mehr Fluch als Segen, aber diese teilweise sehr bösartigen Gerüchte möchte ich hier nicht näher thematisieren, da es um ihre Leistung auf der Bühne gehen soll.)

© Johan Persson
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Durch einen glücklichen Zufall kam ich Anfang Dezember ganz spontan an ein Ticket für eine der ausverkauften Vorstellungen in der Menier Chocolate Factory. Ich muss ehrlich sagen, so gerne ich kleines und intimes Theater auch mag und so sehr ich die Menier Chocolate Factory für ihre qualitativ hochwertigen Produktionen (wie Assassins im Winter 2014/15) auch schätze, war mir die Spielstätte fast schon ein bisschen zu klein für das Stück. Umso mehr freute ich mich, Funny Girl letzte Woche nach seinem erfolgreichen West-End-Transfer endlich im Savoy Theatre zu sehen, wo sich das Musical meiner Meinung nach viel besser entfalten kann. Das Bühnenbild von Michael Pavelka wurde gelungen erweitert und der größeren Bühne angepasst, auch die Choreografie von Lynne Page hat auf der neuen Spielfläche viel mehr Luft zu atmen und bringt gemeinsam mit der Drehbühne mehr Energie und Bewegung in das Stück.

Funny Girl hat also im Savoy Theatre mehr Schwung und Schauwert zu bieten als in der Menier Chocolate Factory, trotzdem hat sich meine Meinung über das Stück seit Dezember kaum geändert. Der erste Akt, in dem wir Fannys Weg vom liebenswerten Underdog zum humorvollen Bühnenstar begleiten, ist temporeich und weiß fantastisch zu unterhalten. Das Publikum feuert Fanny an und fiebert mit, wie sie verbissen darum kämpft, sich als „Bagel auf einem Teller Zwiebelbrötchen“ zu behaupten. Aber da sie ihr Ziel, ein großer Star zu werden, zur Hälfte des Stückes bereits erreicht hat, richtet sich der Fokus im zweiten Akt vom Karriereaufstieg hin zu ihren Eheproblemen mit dem Glücksspieler Nicky Arnstein. Hier wird die Handlung zu sehr entschleunigt und auch der Humor ist dünner gesät als in der ersten Hälfte.

© Johan Persson

Dass Funny Girl in dem Revival von Regisseur Michael Mayer trotz der Schwächen im zweiten Akt gut unterhält und mich sogar zu einem zweiten Besuch verleitete, hat vor allem zwei Gründe. Einer davon ist die schöne und eingängige Musik von Jule Styne. Den musikalischen Höhepunkt bildet Fannys anrührendes „People“, doch natürlich ist auch ihr Power-Solo „Don’t Rain On My Parade“ zum Finale des ersten Aktes dank einer gewissen Rachel Berry einer jüngeren Generation von Theatergängern bestens vertraut. Weitere Highlights sind unter anderem Fannys selbstbewusster „I Want“-Song „I’m the Greatest Star“, das romantisch-verspielte Duett „I Want to Be Seen With You Tonight“ und „You are Woman, I am Man“, das aufgrund seines Wortwitzes und seiner Situationskomik zu den lustigsten Momenten des Abends zählt.

Der zweite Grund dafür, dass das Revival so gut funktioniert, ist Sheridan Smith in der Hauptrolle. Typgemäß könnte sie sich gar nicht stärker von Barbra Streisand unterscheiden, was sich als klarer Glücksfall entpuppt. Wichtig für die Handlung ist es, dass Fanny keine klassische amerikanische Schönheit ist und sich von den anderen Chormädchen unterscheidet. Was für Streisand die markante Nase war, ist für Smith die Körpergröße. Vor allem neben den anderen Ensembledamen wirkt sie geradezu winzig und dadurch „anders“. Doch ihre vermeintliche Schwächen weiß sie schnell zu ihrem Vorteil einzusetzen.

© Marc Brenner
© Marc Brenner

Smith verfügt über perfektes Timing und wickelt das Publikum mit ihren „sechsunddreißig Gesichtsausdrücken“ von der ersten Sekunde an um den Finger. Ihre Fanny ist sympathisch und warmherzig. Dass Smith in erster Linie eine Schauspielerin ist, kommt der Figur zugute, schließlich war auch die echte Fanny Brice keine glattgebürstete Sängerin. Smith vermittelt in ihren Liedern (und das sind im Laufe des Abends nicht gerade wenige) unheimlich viel Emotion, sie bringt die Zuschauer zum Lachen und zum Weinen. Bereits bei „People“ im ersten Akt lief ihr eine einzelne Träne die Wange runter, gegen Ende des zweiten Aktes konnte sie gar nichts mehr halten. Beim Schlussapplaus war sie völlig in Tränen aufgelöst und schien von der wohl verdienten Standing Ovation aufrichtig gerührt zu sein.

Wer kommt, um Sheridan Smith als Barbra Streisand zu sehen, wird das Savoy Theatre womöglich enttäuscht verlassen. Wer aber kommt, um Sheridan Smith als Fanny Brice zu sehen, der wird voll auf seine Kosten kommen und ein fantastisches Rollenportrait erleben.

An ihrer Seite wirkt Darius Campbell als Nicky Arnstein ein wenig hölzern, aber das mag auch der Rolle geschuldet sein. Insgesamt agiert er definitiv rollendeckend und hat dank Harvey Fiersteins kürzlicher Überarbeitung von Isobel Lennarts Drehbuch gerade in der zweiten Hälfte etwas mehr Spielraum als seine Rollenvorgänger im Original. Vor allem seine Sprechstimme ist sehr charismatisch und erinnert an alte amerikanische Liebeskomödien.

© Johan Persson
© Johan Persson

Auch die restlichen Nebendarsteller holen aus ihren unterentwickelten Parts das Maximum heraus. Besondere Erwähnung verdienen Marilyn Cutts als Fannys Mutter und Valda Aviks und Gay Soper als ihre beiden kartenspielenden Freundinnen, sowie Joel Montague als Fannys liebenswerter junger Mentor Eddie Ryan. Eine nette kleine Anekdote: Maurice Lane, der dieses Jahr sein 67-jähriges Bühnenjubiläum feiert und in dieser Produktion als Mr. Keeney auf der Bühne steht, war bereits 1966 an der Seite von Barbra Streisand in der originalen Funny Girl-Produktion im West End Teil des Ensembles.

Die Verfilmung mit Barbra Streisand schaute ich mir übrigens ganz bewusst erst nach meinem Theaterbesuch in der Menier Chocolate Factory im Dezember an, um mich dem Musical unvoreingenommen zu nähern. Im direkten Vergleich fand ich gerade das Finale in der Bühnenversion wesentlich befriedigender umgesetzt als im Film. Während Fanny auf der Leinwand ihrem Mann nach der gescheiterten Ehe mit der Liebesschnulze „My Man“ hinterherheult, verschafft sie sich auf der Bühne mit einer Reprise von „Don’t Rain On My Parade“ einen wesentlich stärkeren und emanzipierteren Abgang. „Kopf hoch, Brice“, sagt sie sich. „Geweint wird später, so ist nun mal das Leben im Theater.“ Sie hält die Ohren steif und lässt sich von niemandem auf ihre Parade regnen.

Michael Mayer ist trotz dem schwächelnden zweiten Akt ein stilvolles Revival gelungen, welches das Stück hoffentlich ein für alle Mal aus dem Schatten von Barbra Streisand katapultiert und den Weg für weitere englischsprachige Großproduktionen ebnet. Und wer weiß, vielleicht schafft es Funny Girl nach über 50 Jahren ja endlich wieder „nach Hause“ an den Broadway. Denn Sheridan Smith beweist zurzeit im Savoy Theatre vor allem eines: Es geht auch ohne Barbra.

Starkes Schlussbild. © Johan Persson
© James Minihane

★★★★☆

FUNNY GIRL – Savoy Theatre, London; Musik: Jule Styne; Liedtexte: Bob Merrill; Buch: Isobel Lennart (überarbeitet von Harvey Fierstein); Regie: Michael Mayer; Savoy-Premiere: 20. April 2016; rezensierte Vorstellungen: 04. Dezember 2015 (Menier Chocolate Factory), 30. April 2016 (Savoy Theatre)

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