MY FAIR LADY (Kaiserslautern): Es grünt so grün im Pfalztheater

Vor etwa einem Jahr berichtete ich in meiner Gypsy-Kritik von meinem Vorhaben, meinen Musical-Horizont zu erweitern und mich vermehrt dem Kanon essenzieller amerikanischer Broadway-Klassiker zuzuwenden. Seitdem habe ich es immerhin geschafft, neben Gypsy auch Cabaret, Chicago, Sweeney Todd, Guys & Dolls und Funny Girl live zu sehen. Zurück aus London stand für mich letzte Woche mit My Fair Lady in Kaiserslautern mein erster Musicalbesuch des Jahres auf deutschem Boden auf dem Plan.

Nicht nur Kleider machen Leute, sondern auch die Sprache. Die Geschichte um die Wette des Londoner Professors Higgins, alleine durch Phonetik-Unterricht aus dem ungebildeten Blumenmädchen Eliza Doolittle eine echte Lady zu machen, war an den deutschen Stadttheatern schon immer eine sichere Nummer. In den vergangenen fünfzig Jahren gab es hierzulande weit über dreihundert verschiedene Inszenierungen, das Stück ist aus unserer Theaterlandschaft gar nicht mehr wegzudenken. Erstaunlicherweise ist die Berliner Cast-Aufnahme bis heute das in Deutschland erfolgreichste Album der Chartgeschichte. Über vier Jahre konnte es sich damals in den Top 10 halten, davon ganze 88 Wochen auf Platz 1.

Lady3
© Stephan Walzl

Das Musical von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner basiert auf dem Schauspiel Pygmalion von Bernard Shaw. Die Kritik an der spätviktorianischen und edwardianischen Klassengesellschaft mag zur Uraufführung von Shaws Stück sicher mehr Relevanz gehabt haben als heute, wo My Fair Lady als harmlose Komödie niemanden mehr schockieren kann.

Trotzdem bekommt man hier nicht die typische Aschenputtel-Geschichte geboten. Was wird aus dem hässlichen Entlein, nachdem man es zum Schwan dressiert hat? Professor Higgins und sein Kollege Oberst Pickering klopfen sich für das „geglückte Experiment“ auf die Schulter. Dem Versuchskaninchen, das nun zwar die Manieren einer Lady hat, nicht aber die (einer Lady entsprechenden) finanzielle Grundlage für den Aufbau einer neuen Existenz, gratuliert keiner für seine Leistung. „Ich habe Blumen verkauft“, sagt Eliza, „nicht mich selber. Jetzt, wo Sie eine Lady aus mir gemacht haben, habe ich nichts anderes zu verkaufen als mich selber.“

Lady5
© Stephan Walzl

Der Regisseur Cusch Jung, der in dieser Inszenierung gleichzeitig einen hervorragenden Professor Higgins gibt, beschreibt im Programmheft Respekt als zentrales Thema der Geschichte. Mit seiner stimmigen Regiearbeit trifft er das perfekte Gleichgewicht zwischen Tradition und Tempo. Ihm steht eine erstklassige Darstellerriege zur Seite, allen voran Julia Klotz, die Elizas Wandlung vom berlinernden Blumenmädchen zur feinen Dame wunderbar ausspielt und auch gesanglich brilliert. Nicht weniger überzeugend agieren Jan Henning Kraus als sympathischer Oberst Pickering, Thomas Kollhoff als Elizas Vater Alfred mit seinem großen Traum vom „kleenen Stückchen Glück“, Adrienn Čunka als steife (und hinter der Fassade doch irgendwie warmherzige) Haushälterin Mrs. Pearce, Geertje Nissen als Higgins’ piekfeine Mutter und Daniel Böhm als Elizas liebenswert-tollpatschiger Verehrer Henry.

Wenn ich mich beim Schlussapplaus nicht verzählt habe, stehen mit den Hauptdarstellern, dem Chor, dem Ballett und der Statisterie insgesamt etwa vierzig Ensemblemitglieder auf der Bühne, was die große Spielfläche perfekt ausfüllt und der Aufführung eine fast schon filmische Energie gibt. Auch das Orchester des Pfalztheaters unter der Leitung von Rodrigo Tomillo lässt keine Wünsche offen. Schon zu Beginn des Abends sorgt es für einen der Höhepunkte, als der Orchestergraben mit einem Hubpodium zur Ouvertüre auf Bühnenhöhe gefahren wird. Ein unvergesslicher Moment!

Lady6
© Stephan Walzl

Neben der Besetzung und dem Orchester ist das großartige Produktionsdesign der Star des Abends. Die edwardianischen Kostüme von Sven Bindseil sind eine wahre Augenweide (diese Hüte!) und das Bühnenbild von Christoph Weyers trifft genau meinen bühnenästhetischen Geschmack. Inspiriert von der Architektur des Blumenmarktes in Covent Garden ist das gigantische Aluminiumgerüst ständig in Bewegung und bringt uns wie bei einer Karussellfahrt vom Markt vor dem Royal Opera House in Higgins’ Bibliothek, den Buckingham Palace, den viktorianischen Blumengarten von Mrs. Higgins oder auf das Pferderennen von Ascot.

Passend zum historischen Gesamtbild wird am linken Bühnenrand eine alte Großformatkamera aufgestellt, die im Laufe des Abends mit viel Blitzlicht verschiedene Standbilder einfängt. Diese Sepiafotografien werden beim Schlussapplaus in goldenen Bilderrahmen auf einer viktorianischen Tapete eingeblendet. Ein schöner Einfall, der uns Elizas Reise sehr stimmungsvoll Revue passieren lässt.

Ebenso möchte man selbst das Bühnengeschehen ständig mit seinem geistigen Auge fotografieren, so schön ist die Produktion anzusehen. Diese Ausstattung könnte sich so auch ohne Weiteres in einem groß aufgezogenen Revival am Broadway oder im West End sehen lassen. Eleganter und hochwertiger als das aktuelle Londoner Revival von Funny Girl kommt sie allemal daher.

Lady8
© Stephan Walzl

Eigentlich war die Spielzeit von My Fair Lady in Kaiserslautern bereits komplett ausverkauft, aber zu meinem Glück gingen vor knapp zwei Wochen wieder ein paar Karten für die Vorstellung am 2. Juni in den Verkauf. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei den freundlichen Mitarbeitern des Pfalztheaters bedanken, die ein Herz für zwei arme junge Menschen in der tückischen Phase zwischen Abitur und Studienbeginn hatten und uns trotzdem Karten zum Studentenrabatt verkauften. Insgesamt hatte ich eine sehr angenehme Theatererfahrung und das wird sicherlich nicht mein letzter Besuch im Pfalztheater gewesen sein!

Zum 60. Geburtstag von My Fair Lady wird das Musical im Herbst unter der Regie von niemand Geringerem als Julie Andrews im legendären Sydney Opera House zur Aufführung kommen. Der Kaiserslauterer Inszenierung muss die australische Geburtstags-Produktion vor allem in Sachen Ausstattung erst einmal das Wasser reichen. Die restlichen Termine im Pfalztheater sind bereits ausverkauft, erfreulicherweise wird My Fair Lady aber in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen. Eine absolute Vorzeigeproduktion und uneingeschränkt zu empfehlen vor allem für junge Musicalfans wie mich, die über den Wicked– und Aladdin-Tellerrand schauen wollen und Zugang zu „angestaubten“ Genre-Klassikern suchen.


★★★★★

MY FAIR LADY – Pfalztheater Kaiserslautern; Buch und Liedtexte: Alan Jay Lerner (nachdem Theaterstück Pygmalion von Bernard Shaw); Musik: Frederick Loewe; Regie: Cusch Jung; Premiere: 30. Oktober 2015; rezensierte Vorstellung: 2. Juni 2016

2 Gedanken zu “MY FAIR LADY (Kaiserslautern): Es grünt so grün im Pfalztheater

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s