TITANIC (London): Die Nacht hallte wider von tausend Stimmen

Spoiler: Das Schiff sinkt. Dass man schon zu Beginn des Abends weiß, was für ein tragisches Ende die Jungfernfahrt des legendären Ozeanriesen nimmt, macht das Theatererlebnis von Titanic im Charing Cross Theatre umso intensiver – mein bisheriges Musicalhighlight des Jahres.

© Scott Rylander

Ich bin ein Verfechter der These, dass man die Qualität eines Musical-Scores nicht nur an dessen Ohrwurmpotenzial messen darf. Ich lese immer wieder von Musicalfans, die Titanic als langweilig abtun, da häufig beim ersten Kontakt mit dem Material keine Melodien haften bleiben. Für mich aber ist Maury Yestons Musik von unbeschreiblicher Schönheit, die sich erst nach mehrmaligem Hören richtig entfaltet, ein kleines Juwel, wie es für mich nur ganz wenige gibt (etwa The Secret Garden oder Ragtime).

Zudem ist es (neben Sunset Boulevard) eines der wenigen Musicals, bei denen ich die deutsche Übersetzung sogar besser finde als die englischen Originaltexte, weshalb ich zur Hamburger Aufnahme noch lieber zurückkehre als zur Broadway-CD. Wolfgang Adenbergs Liedtexte adeln Yestons Partitur ungemein und haben sicherlich dazu beigetragen, dass Titanic für mich schon seit Jahren einen ganz besonderen Stellenwert hat.

© Annabel Vere

Leider wird das 1997 uraufgeführte Musical nur selten gespielt und stand lange Zeit im Schatten von James Camerons Hollywood-Blockbuster, mit dem es übrigens in keiner Verbindung steht. Beide Werke sind unabhängig voneinander entstanden und während auf der Leinwand ein fiktives Liebespaar im Mittelpunkt steht, haben alle Figuren auf der Bühne tatsächlich existiert und waren bei der Jungfernfahrt im April 1912 an Bord der RMS Titanic. Dabei gibt es keine Hauptfigur, im Laufe des Abends werden vom Architekten des Schiffes über die Besatzung bis hin zu den Passagieren der drei Klassen viele Einzelschicksale beleuchtet. Bei der deutschen Erstaufführung in Hamburg 2002 standen insgesamt 46 Darsteller auf der Bühne, jeder davon erweckte eine andere namentlich definierte historische Persönlichkeit zum Leben.

Als großer Liebhaber der opulenten Original-Orchestrierung und des gigantischen Ensembles der Urfassung befürchtete ich, bei der neuen Kammerversion von Titanic, wie sie nun in London zu sehen ist, nicht voll auf meine Kosten zu kommen. Doch bereits beim Auftakt der 15-minütigen Eröffnungsnummer erwiesen sich all meine Sorgen als unberechtigt und ich war vollends gefesselt. Wie man hier das Original so geschickt und wirkungsvoll auf ein 20-köpfiges Ensemble und eine siebenköpfige Band reduziert hat, ist Theaterkunst vom Allerfeinsten. Einen Darsteller verschiedene Rollen spielen zu lassen, kann bei der falschen Regie schnell nach hinten losgehen, wenn es aber so clever gelöst ist wie in dieser Inszenierung, fällt es überhaupt nicht ins Gewicht.

© Annabel Vere

In der Kammerversion wirkt das Stück intimer, man erlebt die Schicksale der Figuren hautnah mit, die manische Hybris der Verantwortlichen und den hoffnungsvollen Traum der Passagiere eines neuen Lebens in Amerika. Gleichzeitig macht sich, nachdem das Schiff mit dem Eisberg kollidiert ist, eine Klaustrophobie breit, die auf einer großen Bühne verloren gehen würde. Dazu trägt auch das starke Sounddesign bei, dank dem Schlüsselstellen wie der Zusammenstoß mit dem Eisberg und letztendlich der Untergang des Schiffes in dem kleinen Spielraum nicht an Wirkkraft verlieren. Während der kompletten zweiten Hälfte hatte ich einen Kloß im Hals, der Abend ging mir noch lange nach.

Regisseur Thom Southerland brachte diese innovative Neufassung von Titanic zum ersten Mal vor drei Jahren im Southwark Playhouse auf die Bühne. Seit diesem Jahr ist er künstlerischer Leiter des Charing Cross Theatre und bringt nun als Eröffnung seiner Intendanz Titanic zurück nach London. Bereits nach Southerlands fantastischen Inszenierung von Grey Gardens im Southwark Playhouse vor ein paar Monaten verließ ich begeistert das Theater. Mit Titanic hat er mich nun endgültig davon überzeugt, dass er zurzeit zu den besten Regisseuren Londons gehört und ich bin schon sehr gespannt, welche Stücke er in Zukunft auf seinen Spielplan setzen wird.

© Annabel Vere

Einer der intensivsten Momente des Abends ist die Konfrontation zwischen Captain Smith, Mr. Andrews (dem Architekten der Titanic) und Mr. Ismay (dem Besitzer des Schiffes) im zweiten Akt, bei der sich die drei Männer gegenseitig die Schuld an dem Unglück zuschieben. Vor allem in Hinblick auf diese Szene ist es ein genialer Einfall, den Prolog „In Every Age“, bei dem es um das ständige Streben der Menschheit geht, sich selbst zu übertreffen und immer gigantischere Werke zu erschaffen, nicht wie sonst üblich von Andrews singen zu lassen, sondern von Ismay. Dieser wollte mit der Titanic alle Rekorde brechen und während Kapitän und Konstrukteur mit ihrem Schiff untergingen, sicherte er sich einen Platz in einem der (viel zu wenigen) Rettungsboote und überlebte. Das Stück fängt damit an, dass Ismay nach der Rettung durch die RMS Carpathia im New Yorker Hafen von Bord geht und von einem aufgebrachten Mob beschimpft und verurteilt wird.

Wenn am Ende des Abends die anderen Überlebenden erneut „In Every Age“ anstimmen und von dem Streben nach technischem Fortschritt singen, hat der ursprüngliche Optimismus plötzlich einen bitteren Beigeschmack. Einer der vielen Gänsehautmomente des Abends.

© Annabel Vere

Jedes einzelne Ensemblemitglied verdient Lob für seine starke Leistung. Besonders freute ich mich über ein Wiedersehen mit Rob Houchen, der mir bereits in Les Misérables unheimlich gut gefallen hatte und hier als Späher Fleet zum Finale des ersten Aktes in seinem Krähennest das eindringliche „No Moon“ singt – ein Vorbote des herannahenden Unglücks. Stellvertretend für die ausnahmslos hervorragende Darstellerriege möchte ich Siôn Lloyd als Mr. Andrews, Niall Sheehy als Heizer Barrett und Claire Machin als Zweite-Klasse-Passagierin Alice Beane nicht unerwähnt lassen.

Leider war das ohnehin schon kleine Charing Cross Theatre in der besuchten Vorstellung nur zur Hälfte gefüllt. Das ist wirklich schade, zumal Titanic die britischen Theaterkritiker überzeugt hat wie schon lange kein Londoner Musical mehr – fünf Sterne unter anderem von der Times, Theatre Weekly, The Stage, Livetheatre, Stage Review, The Upcoming, Reviews Hub, The Bardette und vielen anderen. So eine einheitlich starke Rückmeldung liest man selten.

© Annabel Vere

Für mich ging ein Traum in Erfüllung, als ich Titanic letzte Woche endlich zum ersten Mal live sehen konnte, nachdem die Musik mich schon seit Jahren begleitet. Auch, wenn ich nach wie vor alles dafür geben würde, das Stück einmal in seiner Urfassung mit großem Orchester und Ensemble zu sehen, hat mich diese intime Kammerversion bis aufs Tiefste berührt und ich kann jedem, der diesen Sommer nach London kommt, einen Besuch im Charing Cross Theatre nur ans Herz legen.


★★★★★

TITANIC – Charing Cross Theatre, London; Musik und Liedtexte: Maury Yeston; Buch: Peter Stone; Regie: Thom Southerland; erste Preview: 28. Mai 2016; Premiere: 6. Juni 2016; rezensierte Vorstellung: 16. Juni 2016

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