ARTUS – EXCALIBUR (Tecklenburg): Spektakuläre Inszenierung eines ausbaufähigen Musicals

Eines gleich vornweg: Tecklenburg ist trotz der kleinen Probleme, die ich dieses Jahr mit dem Stück hatte, wieder absolut eine Reise wert und ich bereue es auf keinen Fall, den weiten Anreiseweg zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder auf mich genommen zu haben. Ich bin überzeugt davon, dass ein Zauber über dem beschaulichen westfälischen Städtchen und seiner Burgruine liegt, da sich jedes Mal die anfänglichen Unwetterwarnungen bei meiner Ankunft in das schönste Sommerwetter kehren. Auch bei Artus – Excalibur war das dieses Jahr nicht anders.

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© Stefan Grothus

Der vielfach verfilmte Stoff um das Schwert im Stein und die Ritter der Tafelrunde ist wie geschaffen für Tecklenburgs Freilichtkulisse und die Spielfläche wird dieses Jahr so vielseitig im Einklang mit der Geschichte genutzt, wie ich es bisher noch nie erlebt habe. Es hätte der perfekte Sommerabend sein können, wäre da nicht dieses problembehaftete Material.

Frank Wildhorn ist für mich immer so ein bisschen hit-or-miss. Der Mann kann gute Musik schreiben, keine Frage, und Bonnie & Clyde halte ich für einen der stärksten Scores des 21. Jahrhunderts. Was mich an seinen Werken aber häufig stört, ist die „Unverhältnismäßigkeit“ – einschätzen zu können, in welchen Momenten der richtige Zeitpunkt für eine überlebensgroße Ballade ist und wann man vielleicht lieber einen Gang runter schalten sollte – und auch, wie austauschbar seine Musik oft ist. So kann ein gestrichenes Lied aus The Scarlet Pimpernel glatt mal in Rudolf – Affaire Mayerling recycelt werden, weil das bei der Beliebigkeit der Lieder eh nicht auffällt. Wildhorns zweites großes Problem ist, dass er häufig mit den falschen Liedtextern und Buchautoren zusammenarbeitet, was eben auch die Qualität seiner Musik runterzieht.

© Stefan Grothus

Musikalisch hat Artus – Excalibur ein paar großartige Momente, vor allem dann, wenn Einflüsse von irischem Folk und mystischen keltischen Klängen den Liedern einen Bezug zur Handlung geben. „Das Feld der Ehre“ ist ein mehr als vielversprechender Auftakt, atmosphärisch komponiert und in Tecklenburg mit dem großen Aufgebot an Statisten sowieso gigantisch in Szene gesetzt. Auch „Heute Nacht fängt es an“, das Finale des ersten Aktes, hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Ansonsten fand ich vor allem noch Merlins Lieder stimmungsvoll. Artus – Excalibur enthält einige von Wildhorns besten Liedern überhaupt, aber leider sind diese dünn gesät. Der Rest besteht aus austauschbaren und oft nichtssagenden Lückenfüllern und gelegentlich einer Art „Mittelalter-Rock“, die für mich nicht wirklich funktioniert. Aber mit dieser Meinung scheine ich in der Minderheit zu sein, da der Score durchaus viele Liebhaber hat.

Leider sind auch die deutschen Liedtexte größtenteils banal und klischeehaft. Da es im Gegensatz zu Der Graf von Monte Christo kein englisches Konzeptalbum zu Artus – Excalibur gibt und das Stück bisher nur im deutschsprachigen Raum zu sehen war, kann ich über die Qualität der Originaltexte von Robin Lerner nichts sagen. Das Buch von Ivan Menchell scheint Berichten zufolge seit der Uraufführung in St. Gallen vor zwei Jahren überarbeitet und gestrafft worden zu sein, allerdings sind für mich auch in Tecklenburg die Konflikte und Beweggründe der Figuren nicht gut genug herausgearbeitet. Stellenweise fand ich die Handlung eher verwirrend und überhaupt hatte ich das Gefühl, hier dramaturgisch keine besonders befriedigende Repräsentation der Artus-Saga geboten zu kommen. Das ist wirklich schade, weil der Stoff sich wunderbar für eine Musicaladaption anbietet – da wurde das Potenzial leider nicht ganz ausgeschöpft.

© Stefan Grothus

Von diesen Kritikpunkten am Material mal abgesehen ist Artus – Excalibur in Tecklenburg unbedingt sehenswert. Ulrich Wiggers hat hier fantastische Regiearbeit geliefert und präsentiert eine temporeiche, bildgewaltige, gar filmische Inszenierung. Das hat schon etwas von Game of Thrones. (Ob mir da auch die Leute zustimmen, die im Gegensatz zu mir die Serie tatsächlich schauen?) Spektakulär sind auch die Kampfszenen unter der Leitung von Klaus Figge, präzise und perfekt aufeinander abgestimmt, vor allem dann, wenn die Schlachten plötzlich in Zeitlupe laufen. Mit reichlich Bühnennebel entstanden hier gewaltige Bilder, wie man sie auf der Leinwand zum Beispiel aus Justin Kurzels genialer Macbeth-Verfilmung kennt.

Auch in Sachen Ausstattung hat Tecklenburg sich mal wieder selbst übertroffen. Die Kostüme von Karin Alberti sind eine Augenweide und das Bühnenbild von Susanna Buller fügt sich so wunderbar in die Naturkulisse ein, dass man sich fragt, was da zur Burgruine gehört und was nachträglich konstruiert wurde. Hier hat sich ein fantastisches Kreativteam zusammengetan, das gemeinsam ganz großes Kino schafft.

© Stefan Grothus

Wenn auch die Musik mich nicht immer begeisterte, so gibt sie doch immerhin den Darstellern die Möglichkeit, ihr gesangliches Können wunderbar unter Beweis zu stellen. Auch dieses Jahr kann Tecklenburg wieder mit einer absolut hochkarätigen Besetzung auftrumpfen. Mein Star des Abends war diesmal Dominik Hees, der mich als Lancelot wirklich vollkommen erreicht hat. Kevin Tarte ist als weiser Druide Merlin die Idealbesetzung und blieb mir mit seinem charismatischen Auftreten nachhaltig im Gedächtnis. Die einnehmendste Bühnenpräsenz hatte an dem Abend aber wohl Roberta Valentini als Morgana. Stimmgewaltig und mit intensivem Schauspiel beweist sie in Tecklenburg einmal mehr, dass sie einer der allergrößten Stars im deutschsprachigen Raum ist – was auch immer sie anfasst, wird zu Gold. In der Titelrolle überzeugt Armin Kahl auf ganzer Linie (was für ein Schlusston bei seinem Solo!) und an seiner Seite liefert auch Milica Jovanović als Guinevere mit ihrem schönstimmigen Gesang eine tolle Leistung.

Es ist erfreulich, dass auch die (leider viel zu unterentwickelten) Nebenrollen mit Künstlern wie Thomas Hohler, Christian Schöne und Anne Welte so namhaft besetzt sind. Ein hervorragendes Profi-Ensemble, das von dem Chor und der Statisterie der Freilichtspiele wunderbar ergänzt wird.

© Stefan Grothus

Dem Musical selbst gebe ich drei Sterne, da es auf mich in vielen Bereichen noch „unfertig“ wirkt und Verbesserungspotenzial hat. Die Inszenierung ist aber definitiv fünf Sterne wert. Hier hat Tecklenburg ein ganz neues Level erreicht und die Messlatte für Rebecca im nächsten Sommer sehr hoch gelegt. Ganz unabhängig von der Stückauswahl ist ein Abend in Tecklenburg jedes Mal ein Event, bei dem schon die schöne Freilichtstimmung und die stets erstklassige Besetzung den Pilgerweg lohnenswert machen. Wenn das Stück dann auch noch intelligente Liedtexte und dreidimensionale Figuren hat, ist das eigentlich nur ein netter Bonus – gut unterhalten fühlt man sich trotzdem. Artus – Excalibur läuft noch bis Ende August und ist trotz kleiner Schwächen absolut eine Reise wert!


★★★★☆

ARTUS EXCALIBUR – Freilichtspiele Tecklenburg; Musik: Frank Wildhorn; Liedtexte: Robin Lerner; Buch: Ivan Menchell; Regie: Ulrich Wiggers; Premiere: 18. Juni 2016; rezensierte Vorstellung: 24. Juni 2016

Ein Gedanke zu “ARTUS – EXCALIBUR (Tecklenburg): Spektakuläre Inszenierung eines ausbaufähigen Musicals

  1. Wildhorn finde ich ebenfalls stark überbewertet und extrem austauschbar/verwechselbar. Aber das gibt der Komponist ja gerne in Interviews zu: was gerade an Musik übrig ist, wird hineingebastelt. Sinnlos.
    Mal sehen, ob ich auch mal nach Jahren wieder hin fahre. Ich meide Tecklenburg auch gerne. Auch zu stark überbewertet.

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