THE LAST FIVE YEARS in Frankfurt: Off-Broadway am Main

 

beitragsbild-l5y

Vor zwei Jahren sah ich im Frankfurter English Theatre eine fantastische Inszenierung von Ghost, deren Herzstück die mir damals noch völlig unbekannte Hannah Grover in der Rolle der Molly war. Erfreulicherweise war nicht nur ich als Zuschauer Feuer und Flamme für professionelle englischsprachige Musicalproduktionen mit einem Londoner Kreativteam hier in Deutschland. Auch Hannah Grover nahm von ihrem viermonatigen Engagement in Frankfurt so viele positive Erinnerungen mit, dass sie Anfang diesen Jahres gemeinsam mit den beiden Lehrerinnen Marina Beermann und Annabel Galzado-Leckert die Produktionsfirma The Musical Season gründete.

The Musical Season soll nicht in Konkurrenz zu dem English Theatre stehen, sondern vielmehr eine Ergänzung und Bereicherung des Frankfurter Kulturprogrammes bieten und zusätzlich zu dem jährlichen Wintermusical des English Theatre drei bis vier weitere englischsprachige Musicals in Frankfurt (und irgendwann vielleicht sogar in anderen deutschen Städten) aufführen. Als Projektauftakt ging am Wochenende die Premiere von Jason Robert Browns Kammerspiel The Last Five Years im Frankfurter Kulturhaus über die Bühne.

Wenn ich so darüber nachdenke, hat sich Jason Robert Brown still und heimlich zu meinem Komponisten des Jahres entwickelt. Er war mir schon lange ein Begriff, aber in den letzten Monaten habe ich mich erstmals wirklich intensiv mit seinen Werken auseinandergesetzt und dabei vor allem Parade und The Bridges of Madison County für mich entdeckt. The Last Five Years hingegen war für mich eher Liebe auf den zweiten Blick. Beim ersten Hören haute es mich noch nicht aus den Socken, aber allmählich schloss ich dieses kleine Juwel vor allem dank der Indie-Verfilmung mit Anna Kendrick und Jeremy Jordan immer mehr ins Herz und konnte diesen Sommer gar nicht genug davon kriegen.

The Last Five Years erzählt über die Spanne von fünf Jahren von der gescheiterten Beziehung zwischen dem Bestseller-Autor Jamie und der anstrebenden Schauspielerin Cathy. Das Besondere an der Erzählweise ist, dass Cathy zu Beginn des Stückes am Ende der Beziehung steht und die vergangenen Jahre im Laufe des Abends rückwirkend aufarbeitet, während Jamie sich chronologisch vom ersten Treffen bis zur Trennung bewegt. Beide singen abwechselnd einen Monolog, nur einmal kreuzen sich die Wege der beiden – beim Heiratsantrag und dem anschließenden Eheversprechen. Während die Protagonisten im Film von 2014 in einer belebten Welt von zahlreichen Statisten umgeben sind, ist die 2001 uraufgeführte Bühnenversion ein intimes Zwei-Personen-Stück.

Die Katakombe, direkt um die Ecke vom Frankfurter Zoo gelegen, ist wie geschaffen für dieses kleine Theaterjuwel. Die Spielstätte ist modern und „edgy“ und muss sich hinter Londons renommierten Fringe-Venues wie dem Southwark Playhouse und der Menier Chocolate Factory nicht verstecken. Snacks und Getränke, die vor der Vorstellung im Zuschauerraum verkauft werden, runden das London-Feeling ab.

Erfreulicherweise ist Hannah Grover bei diesem Projekt nicht nur als Produzentin tätig, sondern steht selbst als Cathy auf der Bühne. Sie ist eine unheimlich talentierte Künstlerin, die sowohl gesanglich als auch schauspielerisch auf ganzer Linie überzeugt und zudem in „A Summer in Ohio“ und „Climbing Uphill“ ihr starkes Gespür für Komik und Timing unter Beweis stellt. Eine absolute Idealbesetzung!

Obwohl Cathy und Jamie ständig ihren oft komplizierten Gefühlen füreinander Ausdruck verleihen, singen sie doch die meiste Zeit aneinander vorbei und befinden sich auch in den Momenten, wenn sie gleichzeitig auf der Bühne stehen, zeitlich an ganz verschiedenen Stationen ihrer Beziehung. Selbst in „The Next Ten Minutes“, dem einzigen Duett, in dem beide miteinander agieren, wird der erste Blick- und schließlich Körperkontakt geschickt hinausgezögert. Den Schauspielern bleibt also nur diese eine Szene, um das Publikum von ihrer Chemie als Liebespaar zu überzeugen. Eine ganz schöne Herausforderung, aber mit Andy Coxon steht Hannah Grover glücklicherweise ein wunderbarer Jamie zur Seite und beide wissen diesen kurzen Moment des direkten Zusammenspiels perfekt zu nutzen. Das Tolle an einer kleinen Spielstätte wie der Katakombe (die acht Sitzreihen fassen insgesamt etwa hundert Zuschauer) ist, dass man nicht mit vollem Körpereinsatz für den letzten Rang spielen muss, sondern viel auf kleine Gesten setzen kann, wodurch die Darbietungen stets authentisch bleiben.

Andy Coxon gefiel mir von seinem ersten Auftritt an super als Jamie, aber der Moment, in dem er mich vollkommen für sich gewann, war, als er mit Weihnachtspulli und Nikolausmütze auf die Bühne kam und den achtminütigen „Schmuel Song“ anstimmte. Ich kann gar nicht sagen, warum mich ausgerechnet dieses Lied jedes Mal so sehr packt, da es auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich emotional ist wie etwa „Still Hurting“ oder „Nobody Needs to Know“. Aber wie schon beim Ansehen des Films und dem Anhören der Alben bekam ich auch diesmal bei der Zeile „Even though you’re not wise or rich, you’re the finest man in Klimovich“ wieder starke Gänsehaut (und das, obwohl es in dem kleinen Zuschauerraum wirklich ordentlich warm war!).

Ein schöner Einfall ist es, dass Jamie Cathy als Weihnachtsgeschenk ein Kleid überreicht, während er von Schmuels Kleid für das Mädchen aus Odessa singt. Überhaupt steckt diese Inszenierung unter der Regie von Kirk Jameson voller Details. Mit zwei einfachen Holzbänken vor einer schwarzen Wand wirkt das Bühnenbild zwar schlicht, an der Decke hängen aber verschiedene Gegenstände wie Bücher, Briefe, Bilderrahmen, Schallplatten, ein Regenschirm und ein Brautstrauß, die alle im Bezug zur Handlung stehen. An der Rückwand hängt eine Uhr wie jene, die im Märchen von Schmuel vorkommt, gleichzeitig symbolisiert sie das allgemeine Motiv der Zeit und Vergänglichkeit in The Last Five Years.

Auch die fünfköpfige Band unter der musikalischen Leitung von Ellie Verkerk ist auf der Bühne platziert und fügt sich wunderbar in das Gesamtbild ein. Am Premierenabend saß jeder Ton, auch Akustik und Beleuchtung ließen keine Wünsche offen. Das Publikum wusste das Bühnengeschehen wertzuschätzen, vor allem in der zweiten Hälfte war die Stimmung fantastisch und die Standing Ovations beim Schlussapplaus wollten wortwörtlich kein Ende nehmen. Es gab insgesamt vier „Vorhänge“, beim letzten kamen die Schauspieler sogar extra aus der Garderobe zurück und waren schon halb umgezogen. Auch bei der Ausgangsmusik verließ noch kein Zuschauer den Saal – im Gegenteil, jeder nahm wieder geduldig seinen Platz ein, um der Band die volle Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu schenken. Man merkte den Beteiligten an, wie gerührt sie von dieser starken Reaktion waren.

Dieser Abend war der beste Beweis dafür, wie viel man auch mit wenig Mitteln erreichen kann und bestätigte mich einmal mehr in meinem Wunsch, die Theaterleidenschaft zum Beruf zu machen. In zwei Wochen werde ich endlich beginnen, in Frankfurt Theaterwissenschaft zu studieren und The Last Five Years hieß mich schon am Wochenende mit offenen Armen in meiner neuen Heimat willkommen.

Manchmal vermisse ich mein Leben in London sehr, vor allem wegen der vielen Theater, aber wenn ich zukünftig so tolle englischsprachige Musicalproduktionen direkt vor der Haustür habe, macht das mein Heimweh halb so schlimm. Ich möchte allen Beteiligten für dieses inspirierende Projekt danken und bin sehr gespannt, was The Musical Season in Zukunft auf die Beine stellt. Here’s to the next five years!


★★★★★

THE LAST FIVE YEARS – Kulturhaus Frankfurt; Musik und Liedtexte: Jason Robert Brown; Regie: Kirk Jameson; Premiere und rezensierte Vorstellung: 1. Oktober 2016

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s