Jahresrückblick: Meine zehn Theater-Highlights 2016

Schon wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu, in dem ich viel zu wenig über meine Theaterbesuche geschrieben habe. Da ich meine Höhepunkte der letzten zwölf Monate jedoch nicht vollkommen unkommentiert verstreichen lassen möchte und weil ich sowieso total auf Listen und Rankings stehe, möchte ich mit diesem Rückblick zumindest meine zehn Theater-Highlights 2016 Revue passieren lassen.

In meiner Liste zeigt sich eine klare Tendenz – meine schönsten Theaterstunden hatte ich dieses Jahr in London. Das liegt vor allem daran, dass ich während meiner Zeit in England fast wöchentlich ins Theater ging, während das in Deutschland in den letzten paar Monaten leider viel zu kurz kam. Und das, obwohl ich seit Oktober (unter anderem) Theaterwissenschaft studiere, was eigentlich die perfekte Rechtfertigung für wöchentliche Theaterbesuche wäre … Mein Vorsatz für das nächste Jahr ist auf jeden Fall, häufiger in meiner neuen Heimat Frankfurt und auch in anderen Ecken Deutschland ins Theater zu gehen.

Nicht berücksichtigt habe ich in meinem Ranking übrigens Stücke, die ich vor 2016 bereits in derselben Inszenierung gesehen habe. So etwa Miss Saigon, dessen spektakuläres Kino-Screening im Herbst auf jeden Fall eine honorable mention verdient!


10. As You Like It – National Theatre, London

© Johan Persson
© Johan Persson

Im Januar habe ich es endlich ins National Theatre am Ufer der Themse geschafft, und das gleich zweimal. Nach einer innovativen Bühnenadaption von Jane Eyre zog es mich zwei Wochen später in eine moderne Neuinszenierung von Shakespeares komödiantischem Verwirrspiel As You Like It. Neben dem häufig zitierten „All the world’s a stage“-Monolog (hier von Paul Chahidi zum Besten gegeben) beeindruckte mich vor allem das Bühnendesign von Lizzie Clachan. Die Transformation des Bürogebäudes, das aufbrach und sich in den Wald von Arden verwandelte, verschlug mir regelrecht die Sprache. Noch nie habe ich so einen spektakulären Szenenwechsel live auf einer Bühne erlebt.


9. Kinky Boots – Adelphi Theatre, London

© Matthew Murphy
© Matthew Murphy

Nach ein paar erfolglosen Versuchen gewann ich Anfang des Jahres endlich die TodayTix-Lotterie und kam so in den Genuss von Kinky Boots aus der ersten Reihe. Wenn auch nicht gerade das anspruchsvollste Musical des 21. Jahrhunderts, so ist es doch eine äußerst solide Gute-Laune-Show, mit einer dynamischen Besetzung (bezaubernd vor allem Amy Lennox als Lauren) und einem eingängigen Pop-Score von Cyndi Lauper. Nächstes Jahr soll Kinky Boots ins Hamburger Operettenhaus kommen und bei all der Kritik an der Stage muss ich sie für diese Stückwahl wirklich mal loben – zurzeit könnte ich mir für  die Reeperbahn kein passenderes Stück vorstellen. Wenn die Marketing-Abteilung sich ein wenig an der starken Vermarktung der Londoner Produktion orientiert, wo schon Monate vor der Premiere kräftig die Werbetrommel gerührt wurde, könnte dieser Import tatsächlich in Deutschland funktioneren. Einen Erfolg gönne ich der Hamburger Produktion von Herzen!


8. War Horse – New London Theatre

© Brinkhoff/Mögenburg
© Brinkhoff/Mögenburg

Durch Zufall lernte ich Anfang des Jahres bei meinem Job in Shrek’s Adventure einen Kollegen kennen, der nebenbei jeden Abend im West End in War Horse auf der Bühne stand (und das nebenbei bemerkt in einer gar nicht so unbedeutenden Rolle). Der perfekte Grund also, sich das Stück noch schnell anzusehen, bevor im März nach stolzen neun Jahren Laufzeit der letzte Vorhang in London fiel. Neben The Curious Incident of the Dog in the Night-Time wahrscheinlich der größte britische Sprechtheater-Erfolg des 21. Jahrhunderts, machte vor allem die unglaubliche Puppenkunst War Horse zu einem ganz besonderen Theatererlebnis. Was dem Abend die Krone aufsetzte, war die persönliche Backstage-Führung, die mein Kollege mir und meiner Begleitung im Anschluss an die Show gab. Einmal von der riesigen Bühne des New London Theatre in das menschenleere Auditorium zu blicken war ein überwältigender Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde.


7. Funny Girl – Savoy Theatre, London

© Johan Persson
© Johan Persson

Bereits im Dezember 2015 sah ich Funny Girl in der Menier Chocolate Factory, bin aber der Meinung, dass die Inszenierung sich erst nach dem West-End-Transfer ins deutlich größere Savoy Theatre richtig entfalten konnte. Die sensationsgeile britische Klatschpresse fand bedauerlicherweise dieses Jahr das Privatleben der Hauptdarstellerin Sheridan Smith interessanter als ihre eigentliche Darbietung der Fanny Brice, mit der sie (zumindest mir) bewies, dass die Show sehr wohl auch ohne Barbra Streisand funktioniert. Smith traf bei mir mitten ins Herz und überschattete damit, gemeinsam mit Jule Stynes fabelhaftem Score, die Schwächen im Buch vor allem in der zweiten Hälfte.


6. My Fair Lady – Pfalztheater Kaiserslautern

© Stephan Walzl
© Stephan Walzl

Interessanterweise ist die einzige deutsche Produktion auf meiner Liste kein neues Stück, sondern mit My Fair Lady eine ‚abgenudelte Kamelle‘, die schon seit Jahrzehnten auf den Bühnen der Bundesrepublik rauf und runter gespielt wird. Warum sie trotzdem so weit vorne bei mir landet? Cusch Jung ist im Pfalztheater die absolute Vorzeige-Inszenierung geglückt, die perfekt den Spagat zwischen traditionell und zeitlos schafft – opulent ausgestattet mit einem hervorragenden Darsteller-Trio in den Hauptrollen (neben Jung brillieren Julia Klotz und Jan Henning Kraus).


5. Sunset Boulevard – English National Opera, London

© Richard Hubert Smith
© Richard Hubert Smith

Auch, wenn ich alles andere als ein Webber-Fan bin, so hat er doch mit Sunset Boulevard einen meiner liebsten Scores aller Zeiten komponiert – und so gewaltig wie in der halbszenischen Produktion im London Coliseum werde ich ihn vielleicht nie wieder zu hören bekommen. Die English National Opera bewarb die Inszenierung vor allem mit Glenn Close als Norma Desmond (die ich in der besuchten Vorstellung live erleben durfte, nachdem sie die Woche zuvor erkrankt war und über ihrer Anwesenheit bis zur letzten Minute ein großes Fragezeichen schwebte), doch der eigentliche Star des Abends war das 50-köpfige Orchester. Darüber hinaus verdient vor allem Siobhan Dillon eine Erwähnung, die aus der sonst recht blassen Rolle der Betty Schaefer das absolute Maximum herausholte und mit ihrer Darstellung einen bleibenden Eindruck hinterließ.


4. Pippin – Koninklijk Theater Carré, Amsterdam

© Joan Marcus
© Joan Marcus

Unter dem Slogan „Broadway an der Amstel“ machte im Frühjahr zum ersten Mal die US-Tournee eines Broadway-Musicals in Amsterdam halt. Pippin war die perfekte Wahl für das Carré. Diane Paulus hat in ihrem preisgekrönten Revival eines von Stephen Schwartz’ frühen Werken aus der Mottenkiste hervorgeholt und in ein buntes Zirkusgewand gekleidet. Der Score klingt immer noch frisch und unverbraucht, die Inszenierung strotzt nur so vor Ideenreichtum und die akrobatischen Kunststücke brachten dem Ensemble häufig Szenenapplaus von dem wertschätzenden niederländischen Publikum ein. Ich hoffe sehr, dass die Tradition von „Broadway an der Amstel“ nach diesem gelungenen Auftakt fortgeführt wird und warte schon gespannt auf Neuigkeiten für eine mögliche Nachfolgeproduktion 2017.


3. Titanic – Charing Cross Theatre, London

© Scott Rylander
© Scott Rylander

Meiner Begeisterung für die intime Kammerversion von Titanic im Charing Cross Theatre habe ich im Sommer einen eigenen Artikel gewidmet. Maury Yestons herzzerreißend schöne Musik hat schon seit Jahren einen besonderen Platz in meinem Herzen und es ist große Theaterkunst, wie gelungen Thom Southerland dieses gewaltige Stück auf eine deutlich kleinere Besetzung reduziert hat, ohne dass es an Wirkung verliert.


2. Grey Gardens – Southwark Playhouse, London

© Scott Rylander
© Scott Rylander

Grey Gardens war mein erster Theaterbesuch des Jahres und es begeisterte mich so sehr, dass ich neben meinem Vollzeitjob bei Shrek’s Adventure kurzfristig als Volunteer Steward im Southwark Playhouse anheuerte, nur um das Stück ein zweites Mal sehen zu können. Ich denke, das sagt alles. Grey Gardens ist ein wunderschönes Juwel, das basierend auf der Kult-Dokumentation von 1975 die perfekte Balance zwischen Komik und Melancholie findet. Nicht zuletzt dank der intensiven Darstellungen von Jenna Russell und Sheila Hancock und des faszinierenden Bühnenbildes von Tom Rogers landet Grey Gardens bei mir auf dem zweiten Platz.


1. Nell Gwynn – Apollo Theatre, London

© Tristram Kenton
© Tristram Kenton

In den letzten Monaten hatte ich Nell Gwynn schon gar nicht mehr allzu sehr auf dem Schirm. Erst jetzt, wo ich das Jahr Revue passieren lasse, wird mir wieder bewusst, wie gut ich dieses Stück fand. Im Sommer 2015 im Globe uraufgeführt, beschäftigt sich Jessica Swales Theaterstück mit einer historischen Figur, die einem vielleicht mal in einem Nebensatz im britischen Geschichtsunterricht begegnet sein mag, darüber hinaus jedoch in Vergessenheit geraten ist. Wer war Nell Gwynn? Schlagfertiges Orangenmädchen aus der Drury Lane. Prostituierte. Feministin. Mätresse des englischen Königs. Eine der ersten Schauspielerinnen auf den Bühnen Londons, die zu dieser Zeit von Männern dominiert wurden. Gemma Arterton lieferte in der Hauptrolle die herzerwärmendste Darbietung, die ich 2016 auf einer Theaterbühne gesehen habe. Insgesamt erfüllte kein anderes Stück mich dieses Jahr so sehr, ließ mich eine solche Vollkommenheit spüren. Vor kurzem las ich, dass Working Title die Filmrechte an dem Theaterstück erworben hat und hoffe, dass man Arterton auch für die Leinwandadaption in Erwägung ziehen wird, denn ich kann mir niemand Besseren in der Rolle vorstellen. Könnte ich die Zeit zurückdrehen und eines der Stücke von dieser Liste ein zweites Mal besuchen, so wäre dies ohne Zweifel Nell Gwynn.

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