NEWSIES im Kino: Endlich trägt Disney den Banner auch zu uns

Die 2011 uraufgeführte Bühnenproduktion von Disneys Newsies hat es bisher leider immer noch nicht über den Atlantik geschafft, aber gestern Abend eroberten die tanzenden Zeitungsjungen immerhin die Leinwände zahlreicher europäischer Kinosäle.

Dem Musical liegt eine weitestgehend unbekannte Disney-Filmvorlage aus dem Jahr 1992 zugrunde, welche die Geschichte des New Yorker Zeitungsjungen-Streiks von 1899 erzählt. (Interessanterweise sind in der deutschen Synchronfassung unter anderem Uwe Kröger und Andreas Bieber zu hören, die damals kurz nach der Weltpremiere von Elisabeth in Wien die neuen Stars am Musicalhimmel waren.) Noch bis vor kurzem war Newsies – Die Zeitungsjungen in Deutschland nur als gebrauchte VHS-Kassette zu bekommen und auch in den Vereinigten Staaten weckte vor allem die Uraufführung des Musicals vor sechs Jahren erst wieder ein allgemeines Interesse an dem in Vergessenheit geratenen Spielfilm.

© Deen van Meer
© Deen van Meer

Dadurch, dass der Film nicht so tief im Bewusstsein der breiten Masse verankert ist, konnte Newsies 2012 am Broadway schnell ein Eigenleben unabhängig von der Leinwandvorlage entwickeln und stand im Gegensatz zu einigen anderen Bühnenadaptionen von Disneyfilmen nie im Schatten des Basismaterials. Für mich ist Newsies von allen Disney-Musicals des 21. Jahrhunderts das mit dem größten Mehrwert in seiner Adaption von der Leinwand auf die Bühne. Während etwa The Little Mermaid, Tarzan oder Aladdin in manchen Aspekten nie ganz über den Eindruck einer (sicherlich sehr hochwertigen) Themenpark-Show hinauswachsen konnten, ist Newsies ein kreatives Stück Musiktheater, das erst auf der Bühne das ungenutzte Potenzial des Filmes richtig entfalten kann.

Die Vorstellung, die nun gestern im Kino zu sehen war, wurde vergangenen Herbst im Zuge der US-Tournee in Los Angeles aufgezeichnet. Extra für diesen Anlass wurde das Tour-Ensemble um einige Mitglieder der originalen Broadway-Besetzung ergänzt, wodurch die Choreografie auf insgesamt fünf zusätzliche Zeitungsjungen erweitert wurde. Die deutschen Untertitel bei der Kinoausstrahlung erfüllten ihren Zweck, stellenweise fand ich die Übersetzung allerdings etwas irritierend. Hinzu kommt, dass nicht immer, wenn im Original von „the world“ die Rede ist, tatsächlich „die Welt“ gemeint ist, sondern auch Pulitzers Zeitung New York World (zum Beispiel in „The World Will Know“), aber solche Doppeldeutigkeiten sind fast unmöglich verlustfrei zu übertragen.

© Disney Theatrical Productions
© Disney Theatrical Productions

Das von Bühnenbildner Tobin Ost entworfene, mehrflächig bespielte Stahlgerüst finde ich ästhetisch wirklich großartig. (In einer idealen Welt, in der man sich um Ticketverkäufe und gute Auslastungen keine Sorgen machen müsste, würde Newsies mit seinem Bühnendesign einfach perfekt ins Essener Colosseum Theater passen.)

Harvey Fiersteins Buch stellt eine große Verbesserung gegenüber des Filmdrehbuches dar. Angeführt von Jack Kelly, der von einem neuen Leben in Santa Fe träumt, lehnen die Zeitungsjungen von Manhattan sich gegen die Ausbeutung durch Joseph Pulitzer auf, schließen sich zu einer Gewerkschaft zusammen und können schließlich auch die Boten anderer New Yorker Stadtbezirke für ihren Streik gewinnen. Die tatsächliche historische Begebenheit von 1899 dient hier lediglich als lose Inspiration und wurde einer „Disneyfizierung“ unterzogen, was ich gar nicht abwertend meine. Zwar war mir das Ende, als noch Theodor Roosevelt höchstpersönlich antanzt, um die Welt wieder in Ordnung zu bringen und nebenbei auch noch die Geburtsstunde der Karikatur schlägt, ein kleines bisschen zu dick aufgetragen. Insgesamt erzählt Newsies aber eine schöne und inspirierende Geschichte mit der positiven Botschaft, dass man gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit kämpfen sollte.

© Deen van Meer
© Deen van Meer

Der Score von Disney-König Alan Menken hat ein paar schöne und eingängige Melodien zu bieten. Das Broadway-Album höre ich zwar selten in seiner Gesamtheit, habe mir aber schon lange gewünscht, die Musik endlich mal in Kombination mit dem visuellen Eindruck zu erleben. Auf der Bühne, im Kontext der Dialoge und vor allem in Verbindung mit den energiegeladenen Tanzeinlagen, funktioniert sie toll und kann ihre Wirkkraft bestens entfalten. Davon isoliert bieten die Lieder, wenn man sie alle am Stück hört, vielleicht etwas zu wenig Abwechslung – die meisten davon sind nun einmal Ensemblenummern (für sich genommen jede auf ihre Weise schön), die alle von einer Gruppe junger Männer gesungen werden.

Den Bechdel-Test besteht Newsies damit zugegebenermaßen nicht, dafür steht mit Katherine Pulitzer (als eine der wenigen weiblichen Figuren) zumindest eine starke und moderne Frauenfigur auf der Bühne. Zwar hatte Joseph Pulitzer tatsächlich eine Tochter namens Katherine, allerdings verstarb diese bereits im Alter von zwei Jahren. Katherine, wie sie im Musical vorkommt, ist somit also ein fiktives Konstrukt und wurde womöglich vom Leben der investigativen Journalistin Nellie Bly inspiriert. Kara Lindsay spielt die Rolle mit viel Witz und ist vor allem in ihrem Solo „Watch What Happens“ einfach hinreißend.

© Disney Theatrical Productions
© Disney Theatrical Productions

Aus dem ausnahmslos fantastisch besetzen Ensemble stechen neben Lindsay vor allem Ben Fankhauser als Davey und Andrew Keenan-Bolger (jüngstes Kind des unverschämt talentierten Keenan-Bolger-Klans) als Crutchie hervor. Für Crutchie wurde in der Tour-Version mit „Letter from the Refuge“ ein wunderschönes neues Lied geschrieben, das auf dem Broadway-Album leider fehlt, aber dank der Videoaufzeichnung nun glücklicherweise trotzdem für die Nachwelt festgehalten wurde.

Unangefochtener Star dieser Aufführung ist aber Jeremy Jordan in der Hauptrolle. Ich bin vielleicht ein wenig voreingenommen, da er mein absoluter Lieblings-Musicaldarsteller ist und bevor ich mich hier jetzt in dem reinsten Fanboy-Gehabe verliere, verweise ich am besten einfach auf den Artikel, den ich letztes Jahr über ihn auf Kulturpoebel geschrieben habe. Aber: Seine Darbietung in Newsies ist wirklich ganz große Klasse. Die Energie, die er in sein Rollenportrait steckt, kulminiert in „Santa Fe“ am Ende des ersten Akts, das er vielleicht nie so intensiv gespielt und gewaltig gesungen hat wie am Abend dieser Videoaufzeichnung. Sicherlich liegt eine geheimnisvolle Schönheit in der Flüchtigkeit einer Theateraufführung, aber es macht mich unheimlich glücklich, dass diese starke Performance eingefangen wurde und so noch viele zukünftige Theaterfans begeistern kann.

© Deen van Meer
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Neben Jeremy Jordan ist die Tony-prämierte Choreografie von Christopher Gattelli der große Star von Newsies. Ich bin kein wirklicher Tanzexperte, deshalb fehlt mir das nötige Vokabular für die Lobeshymnen, welche die Choreografie eigentlich verdient und die fundierteste Reaktion, die ich zu Papier bringen kann kann, ist: wow.

Der Konsens in den meisten Broadway-Foren und Zuschauerberichten ist, dass die Aufzeichnung mit zu vielen Close-Ups und hektischen Schnitten aufwartet, wodurch die Choreografie nicht gut genug zur Geltung kommt. Ich scheine da in der Minderheit zu sein, aber für mich ist die Art und Weise, wie Newsies gefilmt wurde, alles, was ich mir immer von professionellen Musical-Videoaufzeichnungen gewünscht habe.

Ich liebe die Tendenz weg von statischem Abfilmen hin zu dynamischen Captures, wie ich sie in den letzten Jahren bei den Kinoübertragungen von Billy Elliot, Miss Saigon (das für mich sowieso ganz neue Maßstäbe für das Einfangen von Theateraufführungen gesetzt hat) und nun auch bei Newsies beobachte. Durch die Übertragung in ein neues Medium, das sowieso nach ganz eigenen Regeln funktioniert, entsteht bei solchen Projekten nicht bloß eine Replikation des Bühnengeschehens, sondern ein neues Kunstprodukt mit eigener Daseinsberechtigung. Neben allen Beteiligten an der Bühnenshow möchte ich deswegen an dieser Stelle auch Cinematographer Clayton Jacobsen und Video-Regisseur Brett Sullivan mein größtes Lob aussprechen.

© Disney Theatrical Productions
© Disney Theatrical Productions

Bei all ihrer filmischen Qualität feiert diese Aufzeichnung von Newsies trotzdem stets ihre eigene Theatralität, indem die Kamera beim Zwischenapplaus gelegentlich in den wunderschönen Zuschauerraum des Pantages Theatre schwenkt. Als besonders wirkungsvoll erweist sich dies bei der Standing Ovation nach „Seize the Day“ kurz vorm Finale des ersten Akts – so springt die Begeisterung des Theaterpublikums auf dem Hollywood Boulevard unmittelbar auf die Kinozuschauer über.

Wer die Kinoübertragung von Newsies gestern Abend verpasst hat, dem kann ich die (hoffentlich bald erscheinende) Blu-ray oder DVD jetzt schon ans Herz legen. Mich hat der gestrige Abend nach den tollen Erfahrungen von Billy Elliot und Miss Saigon endgültig darin bestätigt, dass wir dank technischer Fortschritte und kreativer Impulse aus der Filmindustrie in einer Ära angekommen sind,  die Live-Aufzeichnungen von Musiktheater ganz neue Möglichkeiten eröffnet und ich bin schon gespannt, auf welches Projekt dieser Art wir uns als Nächstes freuen dürfen.


★★★★★

NEWSIES – Disney Theatrical Productions; Musik: Alan Menken; Liedtexte: Jack Feldman; Buch: Harvey Fierstein; Bühnen-Regie: Jeff Calhoun; Video-Regie: Brett Sullivan; gefilmte Vorstellung: 11. September 2016 im Pantages Theatre, Los Angeles; besuchtes Kino-Screening: 19. Februar 2017 im Cineplex Bad Kreuznach

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