BEAUTY AND THE BEAST: Gelungenes Remake des Disney-Klassikers

© Disney

Eine gewaltige Marmortreppe, von tausend Kerzen in goldenes Licht getaucht – gleichzeitig fremd und doch irgendwie seltsam vertraut. Auf der linken Seite erscheint eine junge Frau in gelbem Ballkleid. Kurz hält sie inne, ihr Blick ist auf die gegenüberliegende Seite fixiert. Dort steht das Biest, stattlich in einen tiefblauen Rokoko-Anzug gekleidet. In perfekter Symmetrie gehen die beiden aufeinander zu, treffen sich in der Mitte – eine Verschmelzung der beiden Komplementärfarben. Anmutig nehmen sie sich an der Hand und schreiten gemeinsam die Stufen hinunter in den hell erleuchteten Ballsaal, während die ersten Klänge einer altvertrauten Melodie einsetzen.

Wahrscheinlich nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Zuschauer im Kinosaal ein besonderer Moment, der Erinnerungen an eine Zeit weckt, in der alles irgendwie noch einfacher war und unser größtes Problem darin bestand, zu warten, bis die VHS-Kassette endlich wieder an den Anfang gespult war und das blau-weiße Disney-Logo zum dritten Mal an einem Nachmittag über den Bildschirm unseres Röhrenfernsehers flimmerte.

Es geht hier natürlich um die Disney-Neuverfilmung von Beauty and the Beast, die letzte Woche in Kinos auf der ganzen Welt gestartet ist und schon jetzt fünf verschiedene Box-Office-Rekorde gebrochen hat. Ich muss gestehen, dass ich diesem Remake-Trend bisher sehr kritisch gegenübergestanden habe. Von Cinderella (2015) blieben mir vor allem die großartigen Kostüme und die charismatische Performance von Cate Blanchett im Gedächtnis, aber insgesamt erschien mir das Projekt ein wenig überflüssig. The Jungle Book (2016) war fantastisch animiert, aber dort fügten sich die alten Songs der Sherman-Brüder meiner Meinung nach nicht allzu natürlich in die Diegese ein und wirkten irgendwie gezwungen.

Beauty and the Beast war nun das erste Live-Action-Remake von Disney, das mich wirklich erreichte und das ich mir sicher auch in Zukunft noch einige Male ansehen werde. Für mich bot es genau die richtige Mischung aus Nostalgie und neuem Material, das der bekannten Geschichte zumindest einen gewissen Grad Spannung verlieh. Eine Eins-zu-eins-Replikation ist künstlerisch nicht wirklich produktiv und kleine Änderungen sind notwendig, um den Film interessant zu halten. Aber wenn ich ehrlich bin, lockte mich auch gerade die starke Ähnlichkeit zum Zeichentrickfilm, die in all den Trailern bewusst hervorgehoben wurde, ins Kino. Vielleicht bin ich einfach zu leicht zu manipulieren, aber der sechsjährige Junge in mir hat die Nostalgie, die bei diesem Film hinter jeder Ecke lauert, mit offenen Armen begrüßt.

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Visuell ist der Film von Bill Condon ganz große Klasse, egal, ob man ihn nun in 2D oder 3D schaut. Bei einem Budget von 160 Millionen US-Dollar darf man das aber auch ruhig erwarten. Wie gewaltig die Ausstattung ist, wird bereits in der opulenten Ballsaal-Szene im Prolog deutlich. Die üppigen Rokoko-Kostüme von Jacqueline Durran beeindrucken dabei ebenso wie das atmosphärische Szenenbild von Sarah Greenwood. Das Zauberschloss des Biests steckt voller Details und auch das Dorf Vielleneuve (nach der Verfasserin des ursprünglichen Märchens benannt), in dem Belle aufwächst, wird in der siebenminütigen Eröffnungsszene „Belle“ bestens etabliert. Mir gefiel es übrigens gut, dass dieser Film im Gegensatz zu der Vagheit vieler Disney-Märchen ganz explizit zu einer bestimmten Epoche (Spätbarock) in einem bestimmten Land (Frankreich) spielt.

Zur Handlung muss ich an dieser Stelle wahrscheinlich nicht viel schreiben, den meisten dürfte sie bestens bekannt sein. In den vergangenen Monaten kam immer wieder der Vorwurf auf, dass die Geschichte um die Schöne und das Biest das Stockholm-Syndrom romantisiert. In einem kürzlichen Interview liefert Emma Watson, die selbst eine politisch engagierte Feministin ist, darauf die wahrscheinlich befriedigendste Antwort, die man in Verteidigung des Filmes geben kann.

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In dieser neuen Adaption des Märchen ist Belle erfreulicherweise nicht die passive damsel in distress, die einem in den allermeisten klassischen Prinzessinen-Filmen begegnet, sondern eine tapfere und intelligente junge Frau, die oft die Initiative ergreift und aktiv handelt. Gerne hätte man hier sogar noch einen Schritt weiter gehen können, aber auch so ist diese neue, emanzipierte Belle, die selbst über ihr Schicksal verfügen will, in vielen Aspekten ein tolles Vorbild für eine neue Generation von Zuschauerinnen und Zuschauern. Nicht nur wegen ihres außerfilmischen Images war Emma Watson für mich von Anfang an die perfekte Wahl für Belle in der Neuverfilmung. Als jemand, der im letzten Jahrzehnt gleichzeitig mit Hermione Granger aufgewachsen ist und von den Harry Potter-Filmen (wie viele andere in meinem Alter) stark geprägt wurde, ist sie die Heldin meiner Kindheit.

Ihre Gesangsstimme mag sich nicht auf Broadway-Niveau bewegen, aber ähnlich wie bei La La Land sehe ich das gelassen. Sie schlägt sich auf jeden Fall gut und auch, wenn man stellenweise das Autotuning raushören kann, empfand ich das bei meinem Kinobesuch nicht als störend. Gerade im Kontext zu La La Land warf Beauty and the Beast bei manchen Cineasten die Frage auf, ob es an der Zeit ist, Synchronsänger/innen für Musicalfilme zurückzubringen. Ein Punkt, zu dem es verschiedene Meinungen gibt – ich finde, solange der Gesang noch ordentlich klingt (was bei beiden genannten Filmen für mich der Fall war), werte ich Authentizität höher als Perfektion.

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Wer mich in dem Film besonders beeindruckte, war Dan Stevens als Biest. Die meiste Zeit über steckte er zwar hinter einer CGI-Maske, aber ich hatte ständig das Gefühl, in dem haarigen Digitalgesicht immer noch Stevens’ tatsächliche Mimik erkennen zu können – ein Cocktail aus Motion-Capture-Technik und schwarzer Magie, den ich niemals verstehen werde. Mit seiner Stimme (die wohl auch digital etwas tierischer gemacht wurde) füllte er das Biest mit sehr viel Leben und Komplexität aus und ich muss sagen, dass ich die Figur insgesamt super gestaltet und hervorragend animiert fand. Ganz starke CGI-Arbeit!

Darüber hinaus freute ich mich jedes Mal, wenn Emma Thompson als Mrs. Potts in ihrem liebenswerten Cockney-Akzent etwas sagte – für den es bei dem französischen Setting zwar absolut keinen logischen Grund gibt, der mich aber trotzdem jedes Mal innerlich wärmte wie eine heiße Tasse Tee. Inmitten der Ausstattungsschlacht strahlte Emma Thompsons mütterliche Darbietung für mich überhaupt die größte Wärme und Menschlichkeit (sofern man das bei einer Teekanne sagen kann?) aus.

Dadurch, dass die verwunschenen Gegenstände in dieser neuen Version realistischer aussehen, geht ein Teil des Charmes verloren, den die Cartoon-Figuren im Zeichentrickfilm hatten, aber die tollen Sprecherleistungen von unter anderem Ian McKellen (Cogsworth), Ewan McGregor (Lumière), Stanley Tucci (Maestro Cadenza) und Gugu Mbatha-Raw (Plumette) wirken dem ein großes Stück entgegen.

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Ich hatte gar nicht mehr auf dem Schirm, dass auch Audra McDonald bei dem Film als Madame de Garderobe dabei ist. Umso mehr freute ich mich, sie im Prolog als Opernsängerin zu sehen. Und wie MTV schon gesagt hat: Wer auch immer entschieden hat, dass Audra McDonald im Finale selbst ein paar Zeilen des Titelliedes singen darf, verdient eigentlich die Freiheitsmedaille des Präsidenten. Etwas verwirrend, aber dafür umso cooler ist auch die Tatsache, dass in der allerletzten Einstellung des Filmes ausgerechnet Audra McDonald in einer Nahaufnahme zu sehen ist. Keine Ahnung, was Condons Motivation hierfür war, aber es gefällt mir.

Auch war ich überrascht, wie ernsthaft Belles Vater Maurice, gespielt von Kevin Kline, dargestellt wurde. Er ist zwar immer noch liebenswert-väterlich, aber nicht mehr so kauzig wie im Zeichentrickfilm, sondern wirkt weiser. Mir gefiel diese Änderung gut, da sie den Film im Gesamten erwachsener macht.

Luke Evans spielt Gaston herrlich arrogant und selbstverliebt, ohne dabei aber zu einer einzigen Karikatur zu verkommen. Auch Josh Gad als Gastons Sidekick LeFou gelingt das richtige Gleichgewicht zwischen dick aufgetragen, aber nicht zu albern. Das Zusammenspiel der beiden stimmt und ihre gemeinsamen Szenen schienen bestens beim Publikum anzukommen.

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Was mich zu dem viel diskutierten „exclusively gay moment“ führt, der einfach NICHT. EXKLUSIV. WAR. Nach mehreren Andeutungen, dass LeFou auf Gaston steht, stolpert er bei dem großen Ballsaal-Finale von den Armen einer weiblichen Tanzpartnerin, mit der er länger gezeigt wurde, in die eines Mannes. Um sie herum tanzen verschiedene Paare, sie haben also nicht mal den Screen für sich alleine. Wo ist da die Exklusivität? Das Ganze dauert übrigens drei Sekunden, nicht mal lange genug, dass die Verwirrung in den Gesichtern der beiden Männer irgendeiner Art positiver Reaktion weichen kann. Wer in dem Moment kurz mit seiner Popcorntüte beschäftigt war, wird von dieser „Interaktion“ überhaupt nichts mitbekommen.

Klar, der Subtext ist schon ziemlich offensichtlich vorhanden, aber es bleibt eben bis zum Schluss Subtext (der enttäuschenderweise einfach zum Comic Relief dient). Zumindest ein Schritt in die richtige Richtung? Hurra? Aber dafür, dass Disney diesen „exclusively gay moment“ so groß voller Stolz angekündigt hat, hätte ich mir im  Jahr 2017 mehr Mut gewünscht. Hey Disney, der Hollywood-Zensurcode wurde 1967 abgeschafft – 50 Jahre ist das her. Ihr dürft da gerne noch expliziter sein.

Jüngeren Kindern (für die solche Szenen besonders wichtig wären) wird diese ganze Sache aufgrund ihrer Subtilität wahrscheinlich vollkommen entgehen und auch viele Erwachsene, die von der Diskussion in den Medien nichts mitbekommen haben und generell nicht besonders auf queere Repräsentation achten, nehmen LeFou wahrscheinlich einfach als Hardcore-Gaston-Stan wahr. Mal sehen, wie viele Jahre wir noch warten müssen, bis Disney endlich für einen Familienfilm mit LGBTQ-Hauptfigur „bereit“ ist.

Letztendlich war der „exclusively gay moment“ also einfach die dreisekündige Andeutung eines (nicht mal romantischen) Tanzes zwischen zwei Männern inmitten einer Masse von tanzen Paaren – kein Kuss, kein Liebesgeständnis. Dass der Film deswegen von manchen US-Kinos boykottiert wird und in Russland eine Altersfreigabe von 16 Jahren erhielt, ist einfach unfassbar. Wie Tyler Oakley das auf Twitter so perfekt auf den Punkt gebracht hat: „Imagine boycotting Beauty and the Beast because of a gay character while being totally cool with a teenage girl falling in love with a buffalo.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Ich verstehe, dass der Film in erster Linie ein Remake des Zeichentrickfilms ist und keine Leinwand-Adaption des Bühnenmusicals. Auch war zu erwarten, dass man im Hinblick auf die kommende Award-Saison zumindest einen neuen Song für den Film schreibt. Aber dass man wirklich kein einziges Lied aus dem Musical verwendet hat, finde ich extrem schade. Für sich genommen sind die neuen Lieder wirklich schön, das will ich gar nicht bestreiten. Auch ist etwa „Days in the Sun“ an dieser Stelle im Film wahrscheinlich emotionaler, als „Human Again“ es gewesen wäre. Mir geht es nur darum, dass Alan Menken für die Musicalfassung von Beauty and the Beast einige der stärksten Lieder seiner Karriere geschrieben hat. Hier hatte man einen großen Pool an Melodien, aus dem man hätte schöpfen können. Es wird sicher seine Gründe gehabt haben, künstlerische oder wirtschaftliche, dass man sich daran nicht bedient hat. Aber ein wenig traurig macht es mich schon, wenn ich an „If I Can’t Love Her” und dessen Reprise, „A Change in Me“, „How Long Must This Go On?“ oder „Home“ denke. Letzteres erklang im neuen Score zumindest instrumental – und meine emotionale Reaktion darauf gab mir eine Ahnung dessen, wie bereichernd ich die Verwendung von weiterer Broadway-Musik in diesem neuen Film gefunden hätte.

Ich freue mich aber, dass zumindest alle Lieder aus dem alten Film dabei sind. Auch hier sind das wieder Momente voller Nostalgie, aber doch mit genügend kleinen Änderungen versehen – hier ein bisschen Cembalo-Geklimper, da eine hinzugefügte Liedzeile – dass es trotzdem interessant bleibt. Ziemlich gewaltig war auch der „Mob Song“. Ich finde solche kulminierenden Lieder (zu denen ich auch den „Marsch der Hexenjäger“ aus Wicked zähle), in denen die Handlung ins Rollen kommt, einfach richtig packend.

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Die Szene in Paris war zwar interessant, um Belle ein wenig Vergangenheit zu geben, insgesamt hätte ich darauf aber auch verzichten können. Als man bei der tollen nächtlichen Kamerafahrt über die Stadt Notre Dame sah, kam mir dafür plötzlich ein ganz anderer Gedanke: Für ein Live-Action-Remake vom Glöckner von Notre Dame wäre ich Feuer und Flamme! Dann aber bitte auf keinen Fall ohne die Bühnenmusik.

Zu guter Letzt möchte ich unbedingt noch den liebevoll gestalteten Abspann erwähnen. Das war ein schönes Ende, das mich mit einer ähnlichen Befriedigung entließ wie ein Schlussapplaus im Theater.

Insgesamt fand ich das Remake von Beauty and the Beast unheimlich schön. Nach der großen Ankündigung wäre es vielleicht ganz nett gewesen, wenn der „exclusively gay moment“ tatsächlich … nun ja, exklusiv gewesen wäre, aber darauf möchte ich jetzt nicht noch weiter rumreiten. Für fünf Sterne hat es außerdem nicht ganz gereicht, da die Nichtverwendung der Broadway-Musik, auf die ich mich bei ersten Ankündigungen des Projekts bereits gefreut hatte, für mich eine kleine Lücke hinterließ. Alle anderen Lieder, vor allem „Belle“ und „Be Our Guest“, sind dafür ganz fantastisch in Szene gesetzt.  Unterm Strich kann ich den Film also absolut weiterempfehlen – ich zumindest verließ das Kino sehr zufrieden und freue mich schon darauf, ihn ein zweites Mal zu sehen.


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★★★★☆

BEAUTY AND THE BEAST – Walt Disney Pictures; Musik: Alan Menken; Liedtexte: Howard Ashman & Tim Rice; Drehbuch: Stephen Chbosky & Evan Spiliotopoulos; Regie: Bill Condon; besuchtes Kino-Screening: 18. März 2017 im CineStar Metropolis, Frankfurt am Main (OV)

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