42ND STREET in London: Voll und ganz erfüllt von Tanz

Morgen Abend findet im Theatre Royal, Drury Lane die Galapremiere des neuen West-End-Revivals von 42nd Street statt. Vor einer Woche saß ich selbst in einer Preview-Vorstellung und meine Begeisterung ist bisher nicht abgeklungen.

Das wird diesmal kein ausführlicher Bericht, sondern vielmehr eine kleine Empfehlung für alle Theaterbegeisterten, die es in den nächsten Monaten nach London verschlägt. Seit 2008 habe ich in der britischen Hauptstadt 45 verschiedene Theaterproduktionen gesehen. (Schon krass, was da so alles zusammenkommt, wenn man mal nachzählt.) Ich gebe zu, die allermeisten dieser Stücke hatten ein stärkeres Buch und besser ausgearbeitete Charaktere als 42nd Street. Aber was die Produktionsstandards betrifft, ist diese Produktion ohne Übertreibung das absolut Beste, was ich jemals auf einer Londoner Bühne gesehen habe.

© Brinkhoff/Mögenburg

Die Handlung rund um das Drama auf und hinter der Bühne eines Broadway-Musicals zu Zeiten der Großen Depression ist einfach gestrickt, auf der Bühne fällt dies jedoch nicht allzu sehr ins Gewicht. Letztendlich sind die schablonenartigen Dialoge bloß das Bindeglied zwischen den großen Produktionsnummern … und Junge, haben die es in sich! Der Ausstattung von Douglas W. Schmidt (Bühnenbild) und Roger Kirk (Kostüme) sieht man an, was für ein großes Budget dieses Revival unter der Regie von Mark Bramble gehabt haben muss. Auf der Bühne findet die reinste Technicolor-Explosion statt – mit über 600 Kostümen, ständigen Kulissenwechseln, riesiger Showtreppe und allem, was dazu gehört.

Über einen Mangel an tollen Old-School-Revivals von Broadway-Klassikern konnte man sich im West End in den letzten Jahren wirklich nicht beschweren. Vor allem das Savoy Theatre hat mit Gypsy, Guys & Dolls und Funny Girl eine wunderbare Serie hingelegt.

© Brinkhoff/Mögenburg

Das Musical über die berüchtigte New Yorker 42nd Street läuft nun in einer Straße, die nicht minder geschichtsträchtig ist, der Drury Lane. Hier war 42nd Street in den 1980er Jahren schon einmal fünf Jahre lang zu sehen, damals mit einer blutjungen Catherine Zeta-Jones. Das Theatre Royal hat eine der größten Bühnen Londons – wirklich, sie ist zu allen Seiten hin einfach nur riesig – und auch der Zuschauerraum ist mit seinen 2.200 Plätzen (die in der besuchten Vorstellung bis auf den letzten Platz restlos ausverkauft waren) gewaltig.

Jasna Ivir, dem deutschen Publikum unter anderem aus Mamma Mia! in Hamburg, Stuttgart und Berlin bekannt, steht in dieser Produktion als Maggie Jones auf der Bühne und hat die Lacher des Publikums auf ihrer Seite. Im selben Theater habe ich sie vor drei Jahren bereits in Charlie and the Chocolate Factory gesehen und es freut mich, dass sie nun im West End Fuß gefasst hat und dort so gefragt ist!

© Brinkhoff/Mögenburg

Die Rolle der Diva Dorothy Brock spielt in London Sheena Easton, in Großbritannien wohl ein recht bekannter Star, mir war sie vorher zugegebenermaßen kein Begriff. Sich um Stunt-Casting Gedanken zu machen, ist hier jedoch nicht notwendig, sie liefert nämlich eine absolut theaterwürdige Darbietung. Tom Lister füllt die Rolle des Starregisseurs Julian Marsh mit reichlich Charisma und gefällt sowohl gesanglich als auch darstellerisch. Star des Abends ist aber Clare Halse als Peggy Sawyer – in allen drei Sparten ein Ausnahmetalent.

Ergänzt werden die Hauptrollen durch ein nahezu 50-köpfiges Ensemble, das nach der Choreografie von Randy Skinner in perfekter Synchronität steppt, als gäbe es kein Morgen mehr. Kaum zu glauben, dass die Tänzer sich in der besuchten Vorstellung noch in ihrer ersten Preview-Woche befanden, hier saß wirklich jeder Schritt. Hinzu kommt ein 19-köpfiges Orchester (auch im West End mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr!), das den schmissigen Score von Harry Warren mit viel Energie spielt.

© Brinkhoff/Mögenburg

Wo ich schon dabei bin, habe ich übrigens noch eine andere Empfehlung für London-Reisende: Am TKTS-Häuschen am Leicester Square entdeckte ich zufällig ein Werbeplakat für eine kostenlose Audio-Führung durch das Londoner „Theatreland“, gesprochen von Ian McKellen. Man kann sie sich in der App VoiceMap herunterladen und sie funktioniert über GPS – das bedeutet, Sir McKellen hat immer von selbst gemerkt, wenn ich am nächsten Treffpunkt angelangt war und ich musste mein Handy in der Stunde, die diese Führung dauerte, kein einziges Mal aus der Tasche holen.

Die Tour ging vom Leicester Square durch Soho über Covent Garden runter an die Themse und wieder zurück und war sehr kurzweilig und informativ. Neben Anekdoten aus seiner Karriere hat Ian McKellen wirklich interessante Dinge über die verschiedenen Theater und ihre (für London typische) düstere Vergangenheit erzählt. Feuer! Mord! Intrigen! Wenn ihr das nächste Mal in London also eine Stunde zur Verfügung habt und ein bisschen durchs Theatreland spazieren wollt, kann ich euch diese Audio-Tour nur ans Herz legen.

© Brinkhoff/Mögenburg

Zurück zu 42nd Street: In einem Theaterforum hat jemand vor ein paar Tagen geschrieben, dass dies die 5-Sterne-Produktion eines 3-Sterne-Musicals ist und besser kann ich es nicht beschreiben. Für mein Ticket habe ich sogar den Vollpreis bezahlt, was ich in London dank Day Seats und Online-Lotterien eigentlich schon ewig nicht mehr gemacht habe, und doch war es das wert.

Ich rechne damit, dass 42nd Street nach der morgigen Premiere die besten Kritiken erntet und es sieht alles danach aus, dass dies das „heiße Ticket“ des Sommers wird. Ich hoffe sehr, dass diese Produktion so wie Gypsy mit Imelda Staunton von der BBC gefilmt und veröffentlicht wird. Aber mal ehrlich, diese Produktion muss man einfach live gesehen haben.


Falls ihr in Zukunft mitbekommen wollt, wenn ich neue Beitrage veröffentliche und allgemein, wo ich mich theatermäßig so herumtreibe, schaut auch gerne mal auf meiner Facebook-Seite vorbei.


★★★★★

42ND STREET – Theatre Royal, Drury Lane (London); Musik: Harry Warren; Liedtexte: Al Dublin; Buch: Michael Stewart Buch und Regie: Mark Bramble; erste Preview: 20. März 2017; Premiere: 4. April 2017; besuchte Vorstellung: 25. März 2017

6 Gedanken zu “42ND STREET in London: Voll und ganz erfüllt von Tanz

  1. Ich stimme dir gerne zu. Wirklich großartig.
    42nd Street habe ich ein paar Tage nach dir auch schon gesehen und in meinem Blog geschrieben.
    Aber London ist generell gerade in Musicalneuinszenierungen ganz groß. Apropos Savoy Theatre: „Dreamgirls“ ist auch nur ein Revival, aber diesmal nicht aufgepumpt aus einem anderen Theater übernommen.

    Gefällt 1 Person

    1. Das stimmt, in letzter Zeit gibt es in London viele tolle Revivals. Dreamgirls ist aber glaube ich kein West-End-Revival, sondern die erste Inszenierung in London überhaupt? Aber es fühlt sich auf jeden Fall wie ein Revival an, weil das Stück mittlerweile so ein Klassiker ist.
      Ich würde es auch gerne sehen (nicht zuletzt wegen Amber Riley), hatte diesmal in London aber leider nur Platz für eine Show. Im Nachhinein bin ich wirklich froh, dass ich mich recht spontan für 42nd Street entschieden habe.

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