GHOST in Linz: Mach’s noch einmal, Sam!

Von wohl kaum einem anderen Musical wurde die deutschsprachige Erstaufführung in den vergangenen Jahren so sehnlich erwartet wie von Ghost, das seit seiner West-End-Premiere 2011 auch im deutschsprachigen Raum eine große Fangemeinschaft gefunden hat.

Nun ist es endlich soweit – seit zwei Wochen erklingt die „Nachricht von Sam“ im Linzer Landestheater erstmals in deutscher Sprache. Auf dem Rückweg meiner Wien-Reise wollte ich es mir nicht nehmen lassen, das Musical (nach einer Preview-Vorstellung in London 2011 und der großartigen Produktion des Frankfurter English Theatre 2014) ein drittes Mal zu sehen.

© Reinhard Winkler

Gehen wir sechs Jahre in die Vergangenheit. Als ich im Juni 2011 in London war, um Glee Live! in der O2 Arena zu sehen, hatte ich an meinem Abreisetag noch Platz für eine Matinée-Vorstellung. Meine Wahl fiel schnell auf Ghost, da die positiven Reaktionen auf den Tryout-Run in Manchester mich neugierig gemacht hatten und mir die ersten musikalischen Kostproben des Demo-Albums aus den Abbey Road Studios unheimlich gut gefielen. Das Musical steckte gerade in seiner frühen Preview-Phase im Piccadilly Theatre. Für mich als Fünfzehnjähriger war das damals ziemlich aufregend, eine brandneue West-End-Show noch vor der Galapremiere zu sehen und der Theaterbesuch hinterließ bei mir einen starken Eindruck. Das kurz später erschienene Cast-Album entwickelte sich schnell zu dem Soundtrack meines Sommers.

Allmählich nahm ich Abstand von Ghost, wandte mich neuen Stücken zu, entwickelte irgendwie andere Ansprüche. Dreieinhalb Jahre später entdeckte ich das Musical schließlich ein zweites Mal für mich, diesmal im English Theatre in Frankfurt. Hier gefiel es mir sogar insgesamt noch besser als in London. Das Theater ist kleiner und hat keinen Orchestergraben, von meinem Platz in der ersten Reihe erlebte ich Ghost so aus nächster Nähe und habe es immer noch als intimes Theatererlebnis in Erinnerung. Vielleicht mache ich die Londoner Produktion in meiner Erinnerung im Nachhinein kälter und steriler, als sie tatsächlich war, aber in Frankfurt kam mir das Stück irgendwie wärmer, „menschlicher“ vor.

© Reinhard Winkler

Zwischenzeitlich habe ich mich schwer damit getan, Ghost einzuordnen. Oft wird es (zu Unrecht?) in eine Schublade gesteckt mit Shows wie Dirty Dancing, die überhaupt keinen Mehrwert haben und nur darauf aus sind, aus einem erfolgreichen Film Kapital zu schlagen. Mit ein bisschen Abstand sehe ich Ghost nun als ein Musical, das vielleicht nicht so originell oder anspruchsvoll sein mag wie andere Stücke der letzten zehn Jahre (Next to Normal, du bist gemeint), aber trotzdem ein stimmiges Gesamtpaket bietet und mich live im Theater jedes Mal gut unterhält und emotional abholt. Ich mag die Show, ich mag sie wirklich.

Das Buch orientiert sich stark an der gleichnamigen Filmvorlage. Als Ghost Nachricht von Sam 1990 im Kino lief, war ich noch gar auf der Welt und habe ihn vor ein paar Jahren zum ersten Mal gesehen. Deshalb verbinde ich damit keine nostalgischen Erinnerungen und sehe ihn insgesamt als Produkt seiner Zeit, das in manchen Aspekten nicht gut gealtert ist. Das Musical stand für mich nie im Schatten des Filmes, sondern funktionierte schon immer als eigenständiges Werk, das in Sachen Ausstattung erfolgreich ins 21. Jahrhundert transportiert wurde.

© Reinhard Winkler

Die deutschsprachige Erstaufführung von Ghost war nun beim Landestheater Linz in den besten Händen. (An dieser Stelle muss ich unbedingt mal erwähnen, was für tolle Arbeit das PR-Team des Theaters leistet! Heute bin ich durch Zufall auf ein kleines Video zur Wiedereröffnung des Schauspielhauses an der Promenade gestoßen und obwohl ich überhaupt keinen Bezug zu dem Haus oder seiner Vergangenheit habe, war ich sofort ergriffen.) Auch das Musiktheater am Volksgarten hat sich in den vier Jahren seit seiner Eröffnung zu einer der führenden Musical-Spielstätten im deutschsprachigen Raum entwickelt. Nicht nur, dass das Theater auf seiner Internetseite ganz offen „Musical“ als eigene Sparte aufführt (während die meisten subventionierten Häuser ihre Musicalproduktionen irgendwo in der Opern-Kategorie verstecken), es hat sogar als erstes österreichisches Mehrspartenhaus ein eigenes Musicalensemble.

Ghost war nun mein erster Musicalbesuch in Linz und die unterhaltsamen VLOGS aus der Probenphase steigerten meine Vorfreude schon ungemein. (Ich gebe nur ungern zu, wie lange ich gebraucht habe, um zu verstehen, warum das erste Video „VLOG (mit Ton)“ heißt. Ach ja, immer diese Töpfer-Wortspiele, wenn es um Ghost geht … Warum in diesem TV-Bericht die Rede davon ist, dass Anaïs Lueken doppelt üben musste, um den „Ton richtig zu treffen“, wurde mir auch erst beim zweiten Ansehen klar.)

© Reinhard Winkler

Schon mal vorweg: Diese deutschsprachige Erstaufführung von Ghost unter der Regie von Matthias Davids ist wirklich gelungen und wird dem Stück absolut gerecht. Die Inszenierung entstand interessanterweise in Kooperation mit Stage Entertainment und wird Ende des Jahres ins Berliner Theater des Westens transferieren. Im Gegensatz zur LED-Optik der Londoner Produktion wird das von Hans Kudlich entworfene Bühnendesign im Musiktheater von einer großen Konstruktion aus breiten Stahlpfeilern dominiert. Diese stellen zunächst das Dachgeschoss von Sam und Mollys Loft in Brooklyn dar und werden im Laufe des Abends durch raffinierte Einfälle und abwechslungsreiche Projektionen auch als Subway-Station oder Bankgebäude genutzt. Vor allem die Szenen in der fahrenden U-Bahn sind ziemlich cool umgesetzt, was auch den Videoanimationen des Wiener Designkollektivs Atzgerei zu verdanken ist.

Die Illusionen von Nils Bennett können mit den Effekten aus London mithalten. Hier sind es manchmal die kleinen Dinge wie ein Brief, der sich von selbst zusammenfaltet, welche die größte Wirkung erzielen. Bei einem Stück wie Ghost ist auch das Lichtdesign nicht zu unterschätzen – schließlich müssen die Geister trotz ständiger Bewegung stets in ein anderes Licht getaucht sein als die Lebenden. Michael Grundner ist dies fantastisch gelungen. Die Geister haben in Linz übrigens auch tolle Kostüme abbekommen und sind dadurch nicht mehr so „anonym“ wie in London, sondern haben durch die Repräsentation verschiedener Epochen und Berufe mehr Individualität. Die restlichen Kostüme von Leo Kulaš sind angemessen zurückhaltend-modern, nur Oda Mae wurde passenderweise fantastisch bunt eingekleidet.

© Reinhard Winkler

Für mich lag bei dieser Inszenierung ein besonderes Augenmerk auf der Übersetzung von Roman Hinze (Gesang) und Ruth Deny (Dialoge), die flüssig und nah am Original ist. Hier und da könnten die Liedtexte vielleicht noch einen kleinen Feinschliff vertragen, aber zu großen Teilen ist dies sicher Gewöhnungssache und insgesamt wurde das Stück wirklich ordentlich ins Deutsche übertragen. Wie zu erwarten, wurde die „Unchained Melody“ natürlich im englischen Original belassen. Ich finde es schön, dass man dieses Lied aus dem Film übernommen hat – es zieht sich wie ein roter Faden durch das Stück und schaltete jedes Mal, wenn es erneut aufgegriffen wurde, genau die richtigen Emotionen.

Die Nachricht von Sam wird in Linz von Riccardo Greco überbracht, der ein großartiger Sänger ist. Es ist schön, dass die Lieder hier derart kraftvoll gesungen werden – bei so einer Performance kann sich der rockige Score voll entfalten. Mit Anaïs Lueken als Molly steht ihm eine Bühnenpartnerin mit ebenso starker Stimme gegenüber, die schauspielerisch überzeugen kann und vor allem mit ihrer rührenden Darbietung von „Du (With You)“ einen bleibenden Eindruck hinterlässt – auch wenn sie in dieser Szene etwas verloren am äußersten linken Bühnenrand platziert ist. (Außerdem fand ich ihre Perücke im ersten Moment etwas irritierend und unnatürlich. Ich verstehe nicht, warum Molly in der Bühnenfassung zwingend blond sein muss. Hat Caissie Levys Aussehen in der Urfassung hier einen so bleibenden Eindruck hinterlassen? Um Wiedererkennung zum Film kann es jedenfalls nicht gehen, Demi Moore hatte auf der Leinwand schließlich kurze dunkle Haare.)

© Reinhard Winkler

Meine Entdeckung des Abends war Peter Lewys Preston, welcher der Figur des Carl ganz neue Facetten verlieh. Eine wirklich interessante Wahl für diese Rolle, die – was an dem Abend deutlich wurde – in den richtigen Händen ziemlich viel hergeben kann. Auch der U-Bahn-Geist wird hier von Gernot Romic vollkommen anders gespielt, als ich es aus vorherigen Produktionen kannte, jünger und mit mehr Energie. Sonst war „Fokus“ immer die einzige Szene des Stückes, die mich nicht wirklich packte – hier in Linz hat sie mich nun zum ersten Mal richtig erreicht und fügte sich optimal in den Gesamtkontext ein.

Zodwa Selele hatte in der besuchten Vorstellung ihre Premiere als Oda Mae Brown und man merkte ihr in jeder Sekunde an, mit wie viel Spaß sie auf der Bühne stand. Die Rolle machte sie sich komplett zu eigen (Whoopi wer?) und der Funke sprang sofort auf das Publikum über, von dem sie mit viel Applaus gefeiert wurde. Gerne würde ich auch Ana Milva Gomes als Oda Mae sehen – vielleicht geht sie ja mit nach Berlin?

Daneben liefert auch das restliche Ensemble eine starke Leistung. Besonders erwähnenswert sind Rob Pelzer als Krankenhaus-Geist, Detective Beiderman und Furgeson und Ariana Schirasi-Fard als Clara und Officer Wallace.

© Reinhard Winkler

Ein kleiner Wermutstropfen: Leider wurde „Rain“ zu Beginn des 2. Aktes, einer meiner Höhepunkte des ganzen Stückes, in Linz gestrichen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich im Juni 2011 kurz vor meiner London-Reise den ersten Ghost-Trailer mit dem Szenenmaterial aus Manchester sah. „Rain“ war also überhaupt das allererste Lied, das ich je von dem Musical hörte und es weckte sofort meine Neugier. Auch der Trailer des English Theatre wurde mit „Rain“ eröffnet und für mich war das Musical schon immer so stark mit dieser Szene verknüpft, dass ich nie mit einer Streichung gerechnet hätte. Vermutlich wird man sich bei dieser Entscheidung etwas gedacht haben, trotzdem will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass das Lied in Berlin wieder dabei sein wird.

So oder so freue ich mich schon unheimlich auf das Live-Album von Ghost aus Linz, das im Mai von HitSquad Records auf den Markt gebracht wird. Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass Musical-Aufnahmen ein Nischenprodukt sind und damit in den allermeisten Fällen kein großer Profit zu machen ist – von Ausnahmen wie Wicked oder Hamilton mal abgesehen. Deswegen ist es jedes Mal ein großes Geschenk, wenn ein Musical für die Nachwelt festgehalten und veröffentlicht wird, gerade im deutschsprachigen Raum. Dafür, dass HitSquad sich auf Musical-Alben spezialisiert hat und in den letzten Jahren so viele tolle Aufnahmen von deutschsprachigen Produktionen veröffentlicht hat, bin ich dem Label von Herzen dankbar!

© Reinhard Winkler

Wenn ich meine drei Ghost-Besuche miteinander vergleiche, gefiel mir das Stück im Frankfurter English Theatre mit kleinem Vorsprung am besten. Durch die intime Inszenierung und die Nähe zum Bühnengeschehen fühlte ich mich dort am stärksten emotional involviert. Aber man muss hier berücksichtigen, dass in Linz sowieso ganz andere Voraussetzungen herrschen, da sowohl die Bühne als auch der Zuschauerraum deutlich größer sind und dazwischen ein Orchestergraben liegt, der zusätzliche Distanz aufbaut.

Insgesamt ist dem Landestheater eine überzeugende deutschsprachige Erstaufführung mit erstklassiger Besetzung geglückt, die sich wirklich sehen lassen kann. Klare Empfehlung für eine Reise nach Linz – und auch Berlin darf sich im Winter auf eine tolle Produktion freuen!


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★★★★☆

GHOST. NACHRICHT VON SAM – Landestheater Linz; Musik und Liedtexte: Dave Stewart & Glen Ballard; Buch und Liedtexte: Bruce Joel Rubin; Übersetzung: Roman Hinze (Liedtexte) & Ruth Deny (Dialoge); Regie: Matthias Davids; Premiere: 18. März 2017; rezensierte Vorstellung: 30. März 2017

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