GYPSY in Klagenfurt: „Das ist Showbusiness!“

Es gibt Musicals, die würde ich mir mal ansehen, wenn sie sowieso gerade zufällig vor meiner Haustür spielen und ich noch nichts Besseres vorhabe. Und es gibt Musicals, für die stehe ich um vier Uhr morgens auf, nehme eine zehnstündige Zugfahrt auf mich und konsumiere ungesunde Mengen Kaffee, um genug Energie für den Abend zu haben. Ratet mal, in welche Kategorie Gypsy im Stadttheater Klagenfurt für mich fällt.

Ich liebe Gypsy. Wirklich, ich liebe diese Show so sehr. Während andere montagmorgens in der U-Bahn The Weeknd oder Clean Bandit hören, rocke ich zur Gypsy-Ouvertüre ab. Für viele gilt dieses Stück als Inbegriff des amerikanischen musical theatre und führt noch heute zahlreiche Broadway-Bestenlisten an. Vor zwei Jahren sah ich im Londoner Savoy Theatre die fantastische Revival-Produktion mit Imelda Staunton und Lara Pulver, welche für mich ein unheimlich prägendes Theatererlebnis war und die Messlatte für alle nachfolgende Gypsy-Produktionen extrem hoch gelegt hat.

© Karlheinz Fessl

Das 1959 uraufgeführte Musical, basierend auf den Memoiren der Burlesque-Stripperin Gypsy Rose Lee, spielt im Amerika der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Die eigentliche Hauptfigur ist dabei nicht Gypsy Rose Lee selbst, sondern ihre vollkommen vom Showbiz besessene Mutter Rose. Diese will ihre beiden Töchter June und Louise (welche später zu Gypsy wird) mit aller Gewalt zu kleinen Vaudeville-Stars machen und möchte nicht wahrhaben, dass die Kunstform eigentlich längst im Sterben liegt.

Viele Shows, die schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben, setzten im Laufe der Jahre reichlich Staub an. Gypsy hingegen wirkt immer noch erstaunlich relevant und zeitgemäß. Auch der Score von Jule Styne erklingt so frisch und schmissig wie vor fünfzig Jahren. Sein Name ist hierzulande größtenteils unbekannt, seine Musik aber hat jeder schon einmal gehört – aus seiner Feder stammen Hits wie „Let It Snow“ oder „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“. Die Gypsy-Partitur hat eine ähnliche Ohrwurm-Dichte.

© Karlheinz Fessl

Am Broadway vergeht eigentlich kaum ein Jahrzehnt ohne Gypsy-Revival, die nächste Produktion ist dort immer nur eine Frage der Zeit. In Europa genießt das Musical leider nicht denselben Stellenwert. Selbst London musste ganze vierzig Jahre auf ein Revival von Gypsy warten. Warum die Show auch im deutschsprachigen Raum, wo My Fair Lady und Cabaret totgespielt werden, fast nie auf dem Spielplan steht, ist mir allerdings ein Rätsel. Entsprechend groß war meine Freude, als für das Frühjahr 2017 eine Inszenierung in Klagenfurt mit so fantastischer Besetzung angekündigt wurde.

Dass Gypsy bei diesem Theater in genau den richtigen Händen ist, wird schon bei der überragenden Ouvertüre deutlich: Wenn ich mich nicht verzählt habe, sitzen in Klagenfurt stolze 30 Musiker im Orchestergraben – das bekommt man nicht mal in London oder New York geboten. (#juststadttheaterthings)

© Karlheinz Fessl

In der besuchten Vorstellung wurde mir wieder richtig bewusst, in wie viele verschiedene Richtungen die Rolle der Mama Rose sich tatsächlich auslegen lässt. Imelda Staunton, eine kleine, zierliche britische Dame, spielte sie in London verbissen, biestig und niederträchtig. In ihren überlebensgroßen Gesten wirkte die Figur fast schon wie eine dämonische Karikatur. Susan Rigvava-Dumas’ Mama Rose könnte unterschiedlicher gar nicht sein. Erst einmal ist sie eine gewaltige Erscheinung, die schon mit ihrer Körpergröße alle auf der Bühne überragt. Ihr Auftreten ist elegant und stilvoll – diese Rose ist eine echte Lady.

Seit ich Susan Rigvava-Dumas vor zehn Jahren als Mrs. Danvers auf dem Rebecca-Album gehört habe, sehne ich mich danach, diese unglaubliche Stimme einmal live zu erleben. Wenn man sich mal Ethel Merman oder Angela Lansbury als Rose anhört, merkt man, dass dieser Part nicht zwangsläufig auf Schöngesang ausgelegt ist – aber was für ein Erlebnis, „Everything’s Coming Up Roses“ oder „Rose’s Turn“ einmal so kraftvoll performt zu hören wie nun in Klagenfurt. Ich hatte das Gefühl, dem Stadttheater fliegt gleich die Decke weg. Vor dieser Darbietung kann ich mich nur verneigen.

© Karlheinz Fessl

Es freute mich sehr, Annemieke van Dam nach über sieben Jahren endlich mal wieder auf der Bühne zu sehen und in dieser Zeit hat sie sich als Darstellerin nochmals weiterentwickelt. Vor allem mit Elisabeth hat sie in den letzten zehn Jahren sicher ihre hohe Stellung in der deutschsprachigen Musicalszene manifestiert, aber ihr Rollenportrait der Louise in Klagenfurt dürfte vielleicht die stärkste Performance ihrer bisherigen Karriere sein?

Sie kann in dieser Rolle ganz neue Facetten von sich zeigen und man merkt, mit wie viel Spaß sie auf der Bühne steht und wie sehr sie Louises Wandlung im Laufe des Abends auskostet. Ihr „Let Me Entertain You“ am Ende des zweiten Aktes sorgt dafür, dass die vorangegangenen zweieinhalb Stunden plötzlich nur wie der Prolog für den Strip als eigentlichen Hauptteil erscheinen. Eine wunderbare Leistung!

© Karlheinz Fessl

Das perfekte Darsteller-Quartett im Herzen der Inszenierung wird von Nigel Casey als Herbie und Lisa Habermann als June komplettiert. Nigel Casey stellte sich vor zwei Jahren ganz unerwartet als mein Highlight der Stuttgarter Chicago-Inszenierung heraus und versprüht nun auch in Gypsy den stilvollen Charme klassischer Hollywood-Filme. Dass Lisa Habermann nach dem ersten Akt komplett von der Spielfläche verschwindet, ist unheimlich schade, aber sie sorgt dafür, dass jede Sekunde, die sie auf der Bühne steht, zählt. Sie holt das absolute Maximum aus einer Rolle heraus, die man nicht besser spielen könnte.

In der Rolle des Tulsa kann Lukas Zuschlag mit seinem Ballett-Hintergrund punkten und überzeugt in „All I Need is the Girl“ tänzerisch auf ganzer Linie. Die ganz große Überraschung der Inszenierung waren für mich aber die Kinderdarsteller, die in der besuchten Vorstellung auf einem professionellen Niveau spielten, wie ich es im deutschsprachigen Raum bisher nur sehr selten erlebt habe.

© Karlheinz Fessl

Nachdem auf der Webseite des Stadttheaters eine Fassung „in deutscher Sprache“ angekündigt wurde und im Programmheft Henry Mason als Übersetzer gelistet ist, war ich im ersten Moment sehr irritiert von der Tatsache, dass in Klagenfurt alle Songs auf Englisch gesungen werden. Natürlich ist es immer ein Genuss, die geistreichen und messerscharfen Liedtexte von Stephen Sondheim im Original zu hören, allerdings brauchte ich an dem Abend ein wenig, um mich an diesen Wechsel zu gewöhnen. Wegen der irrtümlichen Informationen im Internet, im Programmheft und außen am Theater war ich fest davon ausgegangen, dass das Stück in Klagenfurt komplett übersetzt gezeigt wird und um ehrlich zu sein, war das einer der Gründe, warum ich mich besonders auf den Abend gefreut hatte.

Ich finde Theaterübersetzungen immer unheimlich spannend und sehnte mich schon lange danach, Gypsy einmal in einer deutschen Fassung zu hören. Die einzige deutsche Aufnahme, die von dem Stück existiert, ist eine 6-Track-CD zu einer Produktion im Theater des Westens mit Angelika Milster aus den späten Neunzigern, die ich vor ein paar Jahren auf eBay aufgespürt und in meiner Neugier nach deutschen Gypsy-Songs ersteigert hatte. Würde man eine Show wie Singin’ in the Rain im deutschsprachigen Raum mit englischen Liedern spielen, könnte ich das gut nachvollziehen, da die Musik hier bekannt ist und beim Publikum einen Wiedererkennungswert hervorruft. Gypsy kennt hier aber kein Mensch, weswegen es mir ein Rätsel ist, warum man die Lieder im Original belassen hat.

© Karlheinz Fessl

Rechts und links von der Bühne sind Bildschirme mit deutschen Untertiteln platziert. An sich eine gute Sache, da ich mit deutlichem Abstand der Jüngste im Publikum zu sein schien und ein großer Teil der Zuschauer auf eine Übersetzung angewiesen war. Allerdings hatte das einen unschönen Nebeneffekt: Ich bemerkte von meinem Platz in der zweiten Reihe, wie sich die  Köpfe während der meisten Lieder komplett nach rechts oder links drehten. Da liefert Susan Rigvava-Dumas auf der Mitte der Bühne mit „Rose’s Turn“ eine unglaublich packende Performance und keiner in den vorderen Reihe schaut ihr richtig zu, weil alle mit den Untertiteln beschäftigt sind.

Besonders gut gefiel mir das Bühnenbild von Jürgen Kirner, dessen zunächst scheinbar nicht zusammenhängenden Bestandteile sich am Ende des Abends plötzlich in überraschender Ordnung zusammensetzen. Die Kostüme von Katja Wetzel sind alles, was man sich von einer traditionellen Gypsy-Inszenierung wünscht und auch die Choreografie von Matthew Couvillon fügt sich bestens in das Gesamtbild ein. Dank der Regiearbeit von Igor Pison kommen trotz einer Spieldauer von über drei Stunden keine Längen auf und vor allem der zweite Akt wirkt stringent und packend.

© Karlheinz Fessl

In Gypsy jagt eine großartige Musiknummer die andere. An dem Abend wurde ich aber auch wieder daran erinnert, wie unheimlich stark das Buch von Arthur Laurents eigentlich ist. Viele Dialogszenen fesselten mich noch mehr als die Musik und vor allem die intensive Konfrontation von Annemieke van Dam und Susan Rigvava-Dumas in den letzten 20 Minuten hinterließ einen starken Eindruck.

Gypsy ist ein book musical in Vollkommenheit und weiß mit dem perfekten Zusammenspiel aus Musik, Liedtexten und Dialogszenen noch immer genauso zu unterhalten und zu begeistern wie vor einem halben Jahrhundert. Zwar hätte eine komplett deutsche Fassung den Abend für mich noch interessanter und kohärenter gemacht, aber auch so ist dem Stadttheater Klagenfurt eine hervorragend besetzte Vorzeige-Inszenierung dieses (im deutschsprachigen Raum leider viel zu selten gespielten) Klassikers gelungen!


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★★★★☆

GYPSY – Stadttheater Klagenfurt; Musik: Jule Styne; Liedtexte: Stephen Sondheim; Buch: Arthur Laurents; Übersetzung (Dialoge): Henry Mason; Regie: Igor Pison; Premiere: 23. März 2017; rezensierte Vorstellung: 5. Mai 2017

2 Gedanken zu “GYPSY in Klagenfurt: „Das ist Showbusiness!“

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