DIE BRÜCKEN AM FLUSS in Chemnitz: Von der transformativen Kraft der Musik

Victor Hugo, das wisst ihr alle sicher spätestens seit der Erfindung von Nachdenkliche-Sprüche-Sammelseiten, soll einmal gesagt haben: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Dieser Satz wird so häufig zitiert, dass ich mittlerweile die Augen verdrehe, wenn er mir mal wieder irgendwo als Profilbildunterschrift begegnet. Aber manchmal, das muss ich zugeben, sind Hugos Worte einfach so verdammt zutreffend. 

© Jörg Singer

In The Bridges of Madison County entfaltet eine ansonsten eher unspektakuläre, prototypisch melodramatische Geschichte durch Jason Robert Browns unbeschreibliche Musik eine transformative Wirkung, die das Material auf ein vollkommen neues Level anhebt – in diesen Momenten, wenn gesprochene Worte nicht mehr ausreichen, aber den eigenen Gefühlen dennoch Ausdruck verliehen werden muss. Wenige Wochen nach der deutschen Erstaufführung in Trier hatte das Stück unter dem Titel Die Brücken am Fluss nun auch in der Stadthalle Chemnitz Premiere.

Das 2013 uraufgeführte Musical basiert auf einem Roman von Robert James Walker, welcher 1995 mit Meryl Streep und Clint Eastwood verfilmt wurde. Die Geschichte spielt Mitte der 1960er-Jahre in Winterset, Iowa: Francesca, die zwanzig Jahre zuvor als junge Frau aus ihrer Heimat Neapel nach Amerika ausgewandert ist, geht während einer dreitägigen Abwesenheit ihrer Familie eine Affäre mit dem Landschaftsfotografen Robert ein. Je näher die Rückkehr ihres Mannes Bud und ihrer beiden jugendlichen Kinder rückt, desto stärker fühlt sie sich zwischen dem gewohnten Farmleben und einer leidenschaftlichen Zukunft mit dem Fremden hin- und hergerissen.

© Jörg Singer

Jason Robert Brown, aus dessen Feder die Musik und Gesangstexte zu Die Brücken am Fluss stammen, hat sich in den letzten Jahren zu meinem Lieblingskomponisten entwickelt. Wenn ihr mich fragt, hat er mit Parade einen der absolut besten Musical-Scores der letzten fünfzig Jahre geschrieben. (Falls ihr Parade noch nicht kennt, unterbrecht sofort das Lesen dieses Artikels, öffnet Spotify und hört euch das Broadway-Album von vorne bis hinten an. Wir sehen uns dann hier in 80 Minuten wieder.) Hierzulande ist wahrscheinlich The Last Five Years sein bekanntestes Stück – für mich Liebe auf den zweiten Blick und ein Kammermusical, das ich mittlerweile sehr ins Herz geschlossen habe.

Musikalisch gesehen spielt The Bridges of Madison County in einer eigenen Liga. Als reines Sprechtheaterstück wäre der Stoff für mich wahrscheinlich eher uninteressant – was diese Show zu so einem besonderen Juwel macht, ist der Score. Bei meinem Ranking der zehn schönsten Musical-Scores auf Kulturpoebel (wo übrigens auch Parade vertreten ist, nur mal so am Rande) hat Bridges es auf den dritten Platz geschafft. Dort schrieb ich: „Wie hier die verschiedenen Instrumente und Melodien und Stimmen zusammenwirken, dieser ungewöhnliche Mix aus Country und klassisch geprägter europäischer Musik – ohne spirituell klingen zu wollen, aber dabei entsteht etwas, das irgendwie größer ist als wir alle.“ Das sehe ich immer noch genauso.

© Jörg Singer

Das Buch von Marsha Norman (The Secret Garden) umgeht elegant die vielen Kitschfallen, in die eine Bühnenadaption dieser Geschichte viel zu leicht hätte tappen können. Francesca empfindet ihr Leben in Winterset als isolierend und unerfüllt, was ihre Motive, sich überstürzt auf die Affäre einzulassen, nachvollziehbar macht. Dabei nimmt das Stück selbst keine eindeutige moralische Haltung ein. Francescas Ehemann kann ihr vielleicht nicht geben, wonach sie sich sehnt, aber trotzdem ist er ein netter Kerl.

Bei all der Melodramatik könnte diese Geschichte doch tatsächlich genauso aus dem Leben gegriffen sein. Und wie Francesca schließlich im Finale erkennt: Es ist keine leichte Entscheidung, die eine Liebe über die andere zu stellen, aber ist es nicht gleichzeitig auch ein Geschenk, überhaupt zu solchen Gefühlen fähig zu sein?

© Jörg Singer

Kennt ihr das noch, wenn man früher bei Gruppenarbeiten in der Schule die ganze Arbeit selbst machen musste und dann noch alles als Einziger präsentiert hat? Christian Alexander Müller, Mitbegründer von Heartmade Productions, ist bei Die Brücken am Fluss in seiner Heimatstadt Chemnitz nicht nur als Co-Produzent tätig, sondern zeichnet sich auch für die Regie, das Lichtdesign und das Bühnenbild verantwortlich und übernimmt die männliche Hauptrolle. Dass er bei all der Arbeit auch selbst Hand anlegte und am Bühnenbild rumhämmerte, -bohrte und -sägte, beweist, was für ein Leidenschaftsprojekt diese Inszenierung für ihn sein muss und er hat zusammen mit seinem Team in allen Bereichen starke Arbeit geleistet!

Die Regiearbeit ist solide, das Lichtdesign stimmig und das Bühnenbild das beste Beispiel dafür, dass Kulissen auch mit wenigen Mitteln geschmackvoll und ästhetisch ansprechend aussehen können. Auch darstellerisch kann Christian Alexander Müller in der Rolle des rastlosen Fotojournalisten überzeugen. Gesanglich hat für mich Steven Pasquale auf dem Broadway-Album die Messlatte so hoch gelegt, dass es bei mir jeder andere Darsteller in dieser Rolle erst einmal sehr schwer hat. Im deutschsprachigen Raum fällt mir aber kaum ein Künstler ein, der dieser Partitur so gut gewachsen wäre wie Christian Alexander Müller. Seine Stimme wird Browns Score auf jeden Fall gerecht.

© Jörg Singer

Der große Star dieser Inszenierung ist Maike Switzer als Francesca. Wenn ihr mich fragt, ist sie hierzulande eine der unterbewertetsten Darstellerinnen. Im vorangegangenen Jahrzehnt spielte sie von Elisabeth über Christine Daaé bis zu Sarah Chagal viele bedeutende Frauenrollen und hat dafür nie die große Wertschätzung erhalten, die sie für ihr unglaubliches Talent verdient. Ich werde nie vergessen, mit was für einer Intensität sie damals der vergleichsweise kleinen Nebenrolle der Nessa bei Wicked in Stuttgart  Dreidimensionalität und Nachdrücklichkeit verlieh. In Die Brücken am Fluss lieferte sie nun eine der atemberaubendsten Gesangsleistungen, die ich je im deutschsprachigen Raum gehört habe.

Mit ihrem glasklaren Sopran bewegt sie sich auch in den hohen Tönen voller Leichtigkeit, ihre Harmonies während „Nur uns und das, was aus uns werden kann“ sind zum Niederknien und ihre Interpretation von „Fast real“, meinem Lieblingslied der Partitur, steht der Version von Kelli O’Hara in nichts nach. Vor allem wegen Maike Switzers stimmgewaltiger Darbietung würde ich mir wünschen, dass die deutsche Fassung des Musicals in genau dieser Version auf einem Cast-Album festgehalten wird. (Na, HitSquad, wie wär’s?)  An dieser Stelle muss ich auch mal lobend erwähnen, wie hochwertig Francescas Perücke aussieht – eine solche Qualität erlebt man auch in professionellen Großproduktionen nur selten.

© Jörg Singer

Die Brücken am Fluss mag sich die meiste Zeit wie ein intimes Kammerspiel anfühlen, aber auch die Ensemble-Szenen verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Rolle von Francescas Mann Bud ist mit Udo Eickelmann ideal besetzt und als die beiden launischen Teenager Michael und Carolyn überzeugen Andreas Bongard und Angelina Biermann. Für die lustigen Momente des Nachmittags sorgen Cornelia Drese und Steffen Friedrich als gemütliches Nachbarspaar Marge und Charly. Aus dem restlichen Ensemble sticht vor allem Malgorzata Steinbach hervor, die als Countrysängerin mit „State Road 21“, der Eröffnungsnummer des zweiten Aktes, einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Als Robert sich in der Mitte des ersten Aktes an seine Ex-Freundin Marian erinnert, betritt diese den linken Bühnenrand, singt ganz bescheiden ihr ruhiges Liedchen „Ne and’re Welt“ und verschwindet wieder für den Rest des Stückes. Das bedeutet zwei Sachen: Zum einen ist Die Brücken am Fluss die Art Show, die es erlaubt, dass eine Figur nur für ein Lied die Bühne betritt und dann erst wieder zum Schlussapplaus erscheint, ohne dass ihr einer Auftritt sich wie ein Fremdkörper anfühlt oder offene Fragen hinterlässt. Zum anderen ist dies die Art Inszenierung, die es möglich macht, dass eine renommierte Künstlerin wie Roberta Valentini nur für fünf Minuten auf die Bühne kommt und danach wieder in der Garderobe verschwindet. Ihr Auftritt ist ein wunderschön dargebotenes Understatement und einer der vielen Höhepunkte der Inszenierung.

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Leider erweist sich die Stadthalle Chemnitz nicht als ideale Spielstätte für diese Inszenierung. In der besuchten Vorstellung spielte die Technik nicht ganz mit, es gab eine kleine Bühnenbild-Panne und immer wieder waren die Mikrofone der Darsteller nicht im richtigen Moment ein- oder ausgeschaltet. Da aber insgesamt nur fünf Vorstellungen in Chemnitz gespielt werden, lassen sich solche Aussetzer verzeihen.

Der größte Wermutstropfen war für mich in der besuchten Vorstellung die unausgeglichene Abmischung. Links von der Bühne platziert spielt das 10-köpfige Orchester unter der Leitung von Andreas Pabst hervorragend aufeinander abgestimmt und macht dem Score von Jason Robert Brown eigentlich alle Ehre. Leider war es aber im Verhältnis zu den Stimmen viel zu leise abgemischt. Das Cello zieht sich wie ein roter Faden durch die Partitur und erzielt dabei vor allem in den letzten Klängen des Finales eine starke Wirkung, aber hier konnte es gar nicht richtig zur Geltung kommen. Auch „Fast real“ steigert sich eigentlich so wunderbar, konnte hier aber leider aufgrund des leisen Orchesters seine Intensität nicht voll entfalten.

© Jörg Singer

Können wir bitte auch mal darüber reden, was für ein Geschenk Wolfgang Adenberg für die deutschsprachige Musicallandschaft ist? Auf seine Übersetzungsarbeit ist immer Verlass und auch für Die Brücken am Fluss hat er eine poetische deutsche Fassung geschaffen, die Browns Originaltexten in nichts nachsteht und die Melodien ungemein adelt.

Die Brücken am Fluss ist ein musikalisches Kleinod, das man wahrscheinlich nur selten wieder so wunderschön gesungen hören wird wie zurzeit in Chemnitz. Heartmade Productions haben hier eine feinfühlige Inszenierung auf die Beine gestellt, die mit einem starken Ensemble – angeführt von einer phänomenalen Maike Switzer – punktet. Am kommenden Wochenende ist das Stück zum letzten Mal für zwei Termine in Chemnitz zu sehen. Wer also die Chance hat, diese Inszenierung am Dernièren-Wochenende zu sehen, sollte sie sich auf keinen Fall nehmen lassen. Ein großer Triumph für Christian Alexander Müller und sein Team!


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★★★★☆

DIE BRÜCKEN AM FLUSS – Stadthalle Chemnitz; Musik und Liedtexte: Jason Robert Brown; Buch: Marsha Norman; Übersetzung: Wolfgang Adenberg; Regie: Christian Alexander Müller; Premiere: 28. April 2017; rezensierte Vorstellung: 14. Mai 2017

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