SUNSET BOULEVARD (Bad Vilbel): Starke Kammerspiel-Version bei den Burgfestspielen

Ich bin wirklich kein Fan von Andrew Lloyd Webber, aber mit Sunset Boulevard hat er einen meiner absoluten Lieblings-Scores geschrieben. Es ist eines dieser Stücke, das ich mir immer wieder in einer neuen Inszenierung anschauen kann und da es nun in Bad Vilbel für mich als Neu-Frankfurter quasi vor der Haustür spielt, ließ ich mir die Gelegenheit nicht nehmen, am Abend nach der Premiere einen kleinen Ausflug zu den Burgfestspielen zu machen.

Basierend auf Billy Wilders Filmklassiker Boulevard der Dämmerung aus dem Jahr 1950 erzählt Sunset Boulevard – uraufgeführt 1993 in London – die Geschichte des erfolglosen Hollywood-Drehbuchautors Joe Gillis, der durch Zufall auf dem heruntergekommenen Anwesen des einstigen Stummfilmstars Norma Desmond landet. Gemeinsam mit ihrem Butler Max von Mayerling lebt die alternde Diva vollkommen isoliert in der Villa auf dem berüchtigten Sunset Boulevard und plant ihr großes Leinwand-Comeback …

© Eugen Sommer

2014 sah ich Sunset Boulevard in der fantastischen Tour-Version von Gil Mehmert und letztes Jahr schließlich in der gewaltigen Londoner Inszenierung an der English National Opera mit einem 50-köpfigen Symphonieorchester und Glenn Close in der Hauptrolle. Diese Revival-Produktion ist aktuell noch für kurze Zeit am Broadway zu sehen und brachte das Musical wieder in das öffentliche Bewusstsein des internationalen Musical-Publikums.

Bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel war ich dieses Jahr zum ersten Mal und werde, wenn in den nächsten Sommern ähnlich spannende Stücke auf dem Spielplan stehen, mit Sicherheit zurückkehren. Die Atmosphäre der Freilichtspielstätte ist zugleich eindrucksvoll und intim und bietet dem Publikum auf allen Plätzen eine unmittelbare Nähe zum Bühnengeschehen. Meine unfassbare Open-Air-Glückssträhne wurde in Bad Vilbel mal wieder fortgesetzt, als sich das vorhergesagte 90-prozenzige Gewitterrisiko auf einen kleinen Intensivschauer 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn verlagerte und der Abend bei milder (und trockener!) Sommerabendstimmung über die Bühne gehen konnte.

© Eugen Sommer

Abgesehen von drei roten Kinosesseln am Rand der Spielfläche ist das Bühnenbild von Pia Oertel vollkommen in Schwarzweiß gehalten. Dominiert wird es von einer überlebensgroßen Filmrolle, deren Zelluloidstreifen – übersät mit dem Paramount-Logo – sich über die komplette Bühne ziehen. Das mittlere Bühnenelement lässt sich drehen und wird so unter anderem als Treppe bespielt.

Als starkes Gegengewicht zur Originalinszenierung wird Sunset Boulevard in Bad Vilbel als intimes Kammerspiel präsentiert. Im ersten Moment war ich etwas enttäuscht, als ich erfuhr, dass man die Orchestrierung hier auf neun Musiker reduziert hat, da ich ein großer Fan der opulenten Symphonieversion bin. Allerdings gewöhnte ich mich schnell an das neue Arrangement, da es sehr gut in den Rahmen des Kammerspiel-Konzepts passte und das Orchester unter der musikalischen Leitung von Markus Höller für einen guten Klang sorgte. (Hier fühlte ich mich an Thom Southerlands reduzierte Titanic-Version erinnert, die so geschickt für fünf Musiker arrangiert wurde, dass ich das große Orchester letzten Sommer in London überhaupt nicht vermisste.)

© Eugen Sommer

Der Regisseur Benedikt Borrmann scheute sich in Bad Vilbel nicht davor, zum Rotstift zu greifen und das Stück hier und da ein wenig zu straffen. Insgesamt hat er bei den Streichungen ein gutes Händchen bewiesen, wodurch der Abend dicht und ohne Längen wirkt. An manchen Stellen bedauerte ich die Kürzungen jedoch ein wenig. Besonders schmerzlich vermisste ich die instrumentale Autoverfolgungsjagd-Sequenz und Joes Ankunft auf Normas Anwesen – es ist eine dieser Melodien, die nie daran scheitert, mir eine sofortige Ganzkörper-Gänsehaut zu verpassen. Etwas irritiert war ich auch darüber, dass die finale Konfrontation von Joe und Norma ein wenig umgeschrieben wurde. Anstelle des ursprünglichen Dialogs („Fünfzig sein ist keine Schande. Nur so tun, als sei man zwanzig.“) verlief das Gespräch ein wenig anders und hatte für mich dadurch nicht dieselbe Intensität.

Von diesen Punkten abgesehen ist Benedikt Borrmann aber eine äußert stringente Inszenierung gelungen. (Glücklicherweise verzichtet diese auch auf meinen persönlichen Regie-Alptraum: Der Geist der jungen Norma Desmond tanzt in den dramatischen Szenen stumm über die Bühne. Stellt euch hier bitte bildlich den Emoji vor, der die Augen verdreht.) Besonders schön wirkten, vor allem nach Einbruch der Dunkelheit im zweiten Akt, die Momente, in denen das flimmernde Licht des Filmprojektors auf die Schauspieler reflektiert wurde.

© Eugen Sommer

Sunset Boulevard ist in Bad Vilbel durchweg hervorragend besetzt. April Hailer ist eine der absolut besten Norma Desmonds, die ich je gesehen habe – und das kommt von jemandem, der Glenn Close live in der Rolle erlebt hat. Mit starkem Gesang und präzisem Schauspiel ist sie der große Star dieser Inszenierung. Als Joe Gillis überzeugt Robert D. Marx auf ganzer Linie, ebenso wie Janne Marie Peters als aufstrebende Drehbuchautorin Betty Schaefer. Andrea Matthias Pagani ist ein großartiger Max von Mayerling, der für die gesanglichen Höhepunkte des Abends sorgt.

Auch der Rest der 15-köpfigen Besetzung agiert auf höchst professionellem Niveau. Dass neben den intimen Szenen in Normas Villa auch die Ensembleszenen Eindruck verleihen, ist sicherlich nicht zuletzt der Verdienst von Myriam Lifkas stimmiger Choreografie. Lobend zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch die ausgewogene Akustik, die dafür sorgt, dass selbst in den Ensemblenummern jedes Wort klar zu verstehen ist.

© Eugen Sommer

Anja Müllers Kostüme fügen sich wunderbar in das Gesamtbild der Inszenierung ein. Während die Außenwelt – auf dem Paramount-Filmgelände oder in Schwab’s Drugstore – in einer kräftigen Technicolor-Palette erstrahlt, scheint Normas Villa in einer farblosen Film-noir-Welt stehengeblieben zu sein. Intelligente Farbsymbolik: Während alle „Gäste“, die das Anwesen nur vorübergehend besuchen (wie die Helferlein des Herrenausstatters oder die Schönheitspflegerinnen), farbige Kostüme tragen, sind Norma und Max den ganzen Abend über in fifty shades of grey gekleidet.

Selbst Joe, der die Villa anfangs in olivgrünem Tweed-Sakko mit roter Krawatte und brauner Hose betritt, wird nach seinem Umstyling ein Teil des schwarzweißen Inventars von Normas Villa. Betty erscheint auf dem Anwesen im Finale in dunkelblauem Kleid (sie ist ein Eindringling, Fremdkörper in diesem Mikrokosmos) und als Joe, bereit zu gehen, wieder seinen farbigen Anzug aus dem Prolog trägt, ist es bereits zu spät – er ist längst ein Gefangener des Hauses geworden und wird die Villa nicht mehr lebendig verlassen.

© Eugen Sommer

Der Abend in Bad Vilbel erinnerte mich mal wieder daran, was für ein großartiges Musical Sunset Boulevard ist. Zudem ist es meiner Meinung nach (neben Wolfgang Adenbergs deutscher Titanic-Fassung) eine der wenigen Musical-Übersetzungen, welche die Originaltexte noch übertrifft. Hier hat Michael Kunze eine der besten Textarbeiten seiner Karriere geliefert, eine geistreiche Liedzeile jagt die nächste. Wenn ich die Wahl habe, mag ich Sunset Boulevard am liebsten so „groß“ wie möglich. Ich liebe die opulente Symphonieorchestrierung und was hätte ich nicht dafür gegeben, das Stück damals in den Neunzigern in der Originalinszenierung mit der gewaltigen Treppenkulisse zu sehen.

Die Burgfestspiele beweisen aber nun, dass das Material stark genug ist, um auch ohne große Ausstattungsschlacht zu funktionieren. Wer Sunset Boulevard in Bad Vilbel zum ersten Mal sieht, wird die Opulenz der Originalfassung gar nicht vermissen und wer das Stück, so wie ich, eigentlich am liebsten so „groß“ wie möglich mag, bekommt hier die Gelegenheit, es durch eine andere Herangehensweise vollkommen neu für sich zu entdecken. Noch bis zum 4. September wird das Musical bei den Burgfestspielen gezeigt und ist nicht nur wegen der packenden Darbietung von April Hailer auf jeden Fall eine Reise wert!


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★★★★☆

SUNSET BOULEVARD – Burgfestspiele Bad Vilbel; Musik: Andrew Lloyd Webber; Buch und Liedtexte: Don Black & Christopher Hampton; Übersetzung: Michael Kunze; Regie: Benedikt Borrmann; Premiere: 14. Juni 2017; rezensierte Vorstellung: 15. Juni 2017

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