RAGTIME (Kassel): Eine explodierende Ära in zerrissenem Takt

Rag·time, der Substantiv [maskulin] ˈræɡtaɪ̯m/ afroamerikanischer, besonders in der Klaviermusik herausgebildeter Stil, der durch den Gegensatz von synkopierter Melodik und einem streng eingehaltenen, hämmernden Beat in der Bassstimme gekennzeichnet ist; englisch-amerikanisch ragtime, eigentlich = zerrissener Takt. (x)

Ragtime ist sicherlich eines der formvollendetsten Musicals, die ich kenne. Wie perfekt hier Musik (Stephen Flaherty), Buch (Terrence McNally) und Gesangstexte (Lynn Ahrens) zusammenspielen, ist große Theaterkunst. Bei meinem Kulturpoebel-Ranking der schönsten Musical-Scores landete Ragtime letzten Sommer auf dem vierten Platz und hat bei mir persönlich, seit ich das Broadway-Cast-Album zum ersten Mal gehört habe, einen sehr hohen Stellenwert.

© Nils Klinger

Ahrens und Flaherty sind hierzulande vor allem durch Anastasia und Rocky bekannt, mit Ragtime haben sie aber wahrscheinlich ihr eines ganz großes Meisterwerk für die Ewigkeit geschrieben – die amerikanische Antwort auf Les Misérables, könnte man sagen. In dem Score treffen verschiedene Stile aufeinander, so unter anderem (hier muss ich mit meinen mangelnden musiktheoretischen Kenntnissen das Programmheft zitieren) Cakewalk, Charleston, Barber Sop, Marching Band, Klezmer und natürlich der synkopierte Ragtime.

Das 1996 in Toronto uraufgeführte Musical (Broadway-Premiere: 1998) basiert auf dem gleichnamigen Roman von E. L. Doctorow, der ein reiches Kaleidoskop Amerikas im frühen 20. Jahrhundert bietet. Hier treffen drei anfangs klar voneinander getrennte Menschengruppen aufeinander: Die in New Rochelle, New York lebende weiße Familie aus der oberen Mittelschicht (Vater, Mutter, Sohn, Großvater und Mutters jüngerer Bruder), die schwarzen Ragtime-Musiker aus Harlem (darunter der Jazzpianist Coalhouse Walker Jr. und seine große Liebe Sarah) und die jüdischen Immigranten aus Osteuropa (angeführt von Tateh und seiner kleinen Tochter). Die Wege der fiktiven Charaktere kreuzen sich mit denen historischer Persönlichkeiten wie Harry Houdini, Evelyn Nesbit und Booker T. Washington.

© Nils Klinger

Die deutsche Erstaufführung von Ragtime fand im September 2015 in Braunschweig statt. Diese Inszenierung war nun bis Ende Juni im Staatstheater Kassel zu sehen und wird im Winter an die Oper Graz transferieren. Die originale Broadway-Produktion im Ford Center (heute: Lyric Theatre) war damals ein Mammutprojekt mit gewaltigem Ensemble – das Stück in derselben Größenordnung zu inszenieren, ist ein unheimlich aufwendiges Unterfangen.

Deswegen tendieren einige Theater dazu, das Stück in einer reduzierten Kammerversion zu spielen (etwa das Londoner Charing Cross Theatre im letzten Jahr). Erfreulicherweise hat man bei dieser deutschen Erstaufführung unter der Regie von Philipp Kochheim weder Kosten noch Mühen gescheut, um Ragtime so groß auf die Bühne zu bringen, wie das Musical es verdient. Ein unheimlich ambitioniertes Projekt, das für diesen Versuch die größte Bewunderung verdient!

© Nils Klinger

Wahrscheinlich war es ein Zusammenspiel aus zu hohen Erwartungen (wie das oft so ist, wenn man eines seiner Lieblingsmusicals zum ersten Mal live sieht), verschiedenen Regieentscheidungen und der Tatsache, dass die Technik des Hauses an ihre Grenzen stieß, dass ich das Staatstheater an dem Abend leider etwas enttäuscht verließ.

Mein Genuss wurde vor allem von der Akustik getrübt. Es ist einfach unheimlich schade, da hat man so viele verschiedene Instrumente und sorgsam erlesene Gesangsstimmen und was davon im Zuschauerraum ankommt, ist ein unkenntlicher Klangbrei. Meine drei Begleiter, die das Stück alle vorher nicht kannten, sagten, dass sie manchmal szenenweise kein Wort verstehen konnten. Da die Produktion schon seit Januar im Staatstheater lief, nehme ich an, dass es sich nicht um ein Problem handelt, das sich im Laufe einer Spielzeit noch einpendeln würde, sondern einfach an den Gegebenheiten des Hauses lag. Insgesamt bekam ich das Gefühl, dass das Staatstheater bei dem aktuellen soundtechnischen Stand leider eher ungeeignet für Musiktheaterprojekte dieser Größenordnung scheint.

© Nils Klinger

Wie schon kürzlich bei Gypsy im Stadttheater Klagenfurt fragte ich mich auch hier wieder, aus welchem Grund man die Liedtexte im Original belassen hat. Selbstverständlich sind die Originaltexte von Lynn Ahrens großartig und ich bin überhaupt extrem anglophil – über die Chance, auch hierzulande Produktionen in der Originalsprache zu sehen wie etwa am English Theatre in Frankfurt, freue ich mich immer sehr. Aber die Entscheidung, ein Stück mit englischen Songs zu zeigen, sollte immer ein wenig vom Kontext und der Zielgruppe abhängen.

Was ist die Motivation dahinter, die Lieder von Ragtime im Staatstheater auf Englisch zu spielen? Das Musical ist fast durchkomponiert und in den Gesangstexten wird sehr viel Handlung transportiert. Durch die schlechte Aussteuerung war die Textverständlichkeit ohnehin schon erschwert. Ich gehe mal davon aus, dass ich als jemand, der mit den Texten schon vorher gut vertraut war, in der besuchten Vorstellung wahrscheinlich in der deutlichen Minderheit war. Der Rest des Publikums war dadurch die meiste Zeit vollkommen auf die Übertitel auf dem Bildschirm über der Bühne angewiesen, um der sehr komplexen Handlung folgen zu können.

© Nils Klinger

Wenn ich das richtig sehe, liegt beim Verlag Musik und Bühne tatsächlich schon eine komplette deutsche Fassung von Roman Hinze (dessen Dialogübersetzung in Kassel verwendet wurde) vor? Es wäre wirklich schön, diese in einer zukünftigen Inszenierung zu hören zu bekommen, da ich Hinzes Arbeit immer sehr solide finde und bei Ragtime extrem neugierig auf eine deutsche Fassung bin.

Die eigentlich sehr lobenswerte Opulenz diese Inszenierung sorgt oft für eindrucksvolle Bilder (etwa in der sich großartig steigernden Eröffnungsnummer), steht sich stellenweise jedoch selbst im Weg. Der Trick bei Ragtime liegt darin, in den richtigen Szenen als Gegengewicht zur Gewaltigkeit auch auf intime Momente zu setzen – diese fehlen hier leider völlig.

© Nils Klinger

„Wheels of a Dream“  etwa ist im Original eine romantische Szene auf einer Picknickwiese, nachdem Coalhouse und Sarah mit dem Auto aufs Land gefahren sind. In Kassel sitzen die beiden bei dem Lied in dem Ford Model T, während um sie herum auf der Bühne viele Statisten unterwegs sind. Auf der großen Leinwand im Hintergrund sieht man Schwarzweißvideos einer geschäftigen Straße, bei der ständig Pferdekutschen ins Bild laufen und den Weg blockieren.

Irgendwann steigen Coalhouse und Sarah aus und stellen sich vor den Wagen, aber das Video läuft immer weiter und lenkt zusammen mit dem hektischen Treiben der anderen Darsteller vollkommen von dem Paar ab, das in diesem Duett im Fokus stehen sollte. (Etwas verwirrend auch, wenn Coalhouse in „New Music“ singt: „Sarah, come down to me“, während sie schon im Wohnzimmer vor ihm steht – dabei ist der ganze Sinn davon, dass sie sich immer noch auf dem Dachboden zurückzieht.)

© Nils Klinger

In dem Stück weiß Mutters jüngerer Bruder nicht so recht, wo sein Platz in der Welt ist. Scheinbar ist sich auch die Regie nicht ganz sicher, was sie mit der Figur anfangen soll. „Daddy’s Son“ beispielsweise ist das dramatische Solo von Sarah, in dem sie davon singt, wie sie ihr eigenes Baby lebendig in der Erde vergraben hat, weil es die Hände seines Vaters hat. In der Broadwayfassung singt Sarah (Audra McDonald) das Lied auf dem dunklen Dachboden, wo sie einfach vier Minuten lang mit ihrem Kind im Arm sitzt – ein vollkommen eindringliches Staging. In Kassel singt sie das Lied bei der Hausarbeit im Erdgeschoss, während der jüngere Bruder ständig um sie herum huscht. Eigentlich findet hier gar keine Interaktion zwischen den beiden Figuren statt und das raubt der Szene alle Intensität.

Auch bei Mutters großartigem Solo „Back to Before“ am Ende des zweiten Aktes steht der Bruder (gemeinsam mit anderen Figuren) auf der Bühne, wodurch die Emanzipation vom Ehemann ein wenig ihre Eindeutigkeit verliert. „Make Them Hear You“ fesselt mich beim Hören der CD jedes Mal, hier steht plötzlich wieder der Bruder im Vordergrund und nimmt dabei Coalhouse seinen letzten Moment, in welchem das Rampenlicht eigentlich ihm gehören sollte, damit die leidenschaftlichen Worte und der Appell zur friedlichen Einigung seine volle Wirkkraft entfalten kann.

© Nils Klinger

Stattdessen schmiert der Bruder sich schwarze Farbe ins Gesicht. Da die Problematik von Minstrel-Shows im Stück selbst kurz thematisiert wird, gehe ich davon aus, die Kreativen sind sich bewusst, wie vorbelastet die Blackfacing-Tradition ist. Falls hinter dieser Geste eine tiefere Gesellschaftskritik stecken sollte, hat sie sich mir nicht ganz erschlossen. Das war für mich bestenfalls eine sehr missglückte Weise, die Solidaritätsbekundung des Bruders zu verdeutlichen und schlimmstenfalls ganz schön geschmacklos.

Daneben gab es viele Regieeinfälle, die mir ausgesprochen gut gefielen – etwa die Schattenfiguren, die während „Gliding“ bei Stroboskoplicht am vorderen Bühnenrand Schlittschuh laufen. Auch die Ausstattung von Thomas Gruber (Bühne) und Mathilde Grebot (Kostüme) ist insgesamt sehr eindrucksvoll. Einige Kleinigkeiten wie die Wohnzimmerkulisse fügten sich meiner Meinung nach nicht optimal in das Gesamtbild ein, davon abgesehen bietet diese Ragtime-Inszenierung aber sehr viel fürs Auge.

© Nils Klinger

Ein weiteres großes Plus dieser Inszenierung ist die Besetzung – mit den Gastsolisten, dem Opernchor und der Statisterie stehen hier insgesamt etwa fünfzig Leute auf der Bühne (die leider ständig gegen die schlechte Aussteuerung ankämpfen mussten). Ein ganz besonderes Lob verdient das eigens für Ragtime zusammengestellte Harlem Ensemble – das mit Szenen wie dem „Gettin’ Ready Rag“ bei der stimmigen Choreografie von Kati Farkas einen bleibenden Eindruck hinterlässt und dem Musical alle Ehre macht.

Die historischen Persönlichkeiten in den Nebenrollen sind durchgehend hervorragend besetzt. Hier lassen Sonja Tièschky als Emma Goldman, Janina Moser als Evelyn Nesbit und Philipp Georgopoulos als Harry Houdini keine Wünsche offen. Vollkommen großartig ist zudem Markus Schneider als jüngerer Bruder – perfekt gespielt und gesungen und für mich die absolute Idealbesetzung für diese Rolle (wäre da nicht diese konfuse Personenführung).

© Nils Klinger

Auch Randy Diamond erweist sich als perfekte Wahl für Tateh, den er punktgenau verkörpert. Mike Garling singt Vater mit starker Stimme und auch Monika Staszak überzeugt mit kraftvollem Belt in der Rolle der Mutter. Alvin Le-Bass ist ein äußerst talentierter Künstler, aber während der Chor mir stellenweise schon fast zu klassisch-opernhaft klang, war mir seine Darbietung des Coalhouse ein wenig zu modern und poppig gesungen, was für mich vor allem bei „Make Them Hear You“ ins Gewicht fiel. Der große Star der Inszenierung ist Dionne Wudu als Sarah mit warmer Soulstimme – sehr viel eindringlicher gesungen kann man sich „Daddy’s Son“ oder „President“ gar nicht vorstellen.

Wer am Ende der Geschichte als Hauptfigur aus Ragtime hervorgeht, bleibt interpretierbar – gute Argumente gibt es für verschiedene Charaktere. Natürlich braucht nicht jede Erzählung einen klar definierten Protagonisten, aber wenn ich mich an dem klassischen Musicalschema orientiere, erfüllt Mutter wahrscheinlich am besten diese Kriterien.

© Nils Klinger

Nach dem Prolog kommt in „Goodbye My Love“ ihr „I Want“-Moment: „But what of the people who stay where they’re put, planted like flowers with roots underfoot? I know some of those people have hearts that would rather go journeying on the sea.“ Im Laufe des Stückes macht sie eine große Entwicklung durch, trifft in der Abwesenheit ihres Mannes selbstständige Entscheidung und emanzipiert sich schließlich. Ihr gehört die große „Eleven O’Clock“-Nummer, wenn sie singt: „We can never go back to before!“

Trotz einigen Schwächen – manche davon im Inszenierungskonzept verankert, manche an das Haus in Kassel gebunden – ist diese Ragtime-Produktion wirklich sehenswert. Wer also die Gelegenheit hat, das Stück im Winter in Graz zu sehen, sollte das tun (in der Hoffnung, dass im dortigen Theater die Akustik der Show etwas besser gerecht wird). Trotz gewaltiger Ausstattung und unheimlich großem personellem Aufgebot ist dies für mich nicht die ultimative Ragtime-Version, aber einen Besuch wert ist sie allemal!


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★★★☆☆

RAGTIME – Staatstheater Kassel; Musik: Stephen Flaherty; Liedtexte: Lynn Ahrens; Buch: Terrence McNally; Übersetzung (Dialoge): Roman Hinze; Regie: Philipp Kochheim; Premiere: 28. Januar 2017; rezensierte Vorstellung: 11. Juni 2017

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