GRAND HOTEL: Grandioser Musicalsommer in Baden

„Grand Hotel Berlin – immer dasselbe: Die Leute kommen, die Leute gehen. Sie genießen, wie man so schön sagt, das Leben. Aber die Zeit läuft ab …“ Diesen Sommer ist in Baden bei Wien ein selten gespieltes Musical-Juwel zu sehen: Grand Hotel, basierend auf dem Roman Menschen im Hotel von Vicki Baum aus dem Jahr 1929.

Das Musical ist genau mein Ding und ich wollte mich sowieso schon ewig mal genauer damit auseinandersetzen, weshalb mir diese Inszenierung nun mehr als gelegen kam. Zwanzigerjahre-Setting? Weimarer Republik? Ein Luxushotel, in dem zwielichtige Gäste logieren? Art déco, Flapper, Jazz und Charleston? Say no more! Und mit Bettina Mönch kriegt man mich sowieso immer, also musste ich mit meiner Entscheidung, einen kleinen Abstecher nach Niederösterreich zu machen, nicht lange zögern.

© Christian Husar

Noch im Jahr der Romanveröffentlichung folgte eine Sprechtheateradaption von Menschen im Hotel, die 1932 von MGM mit Greta Garbo verfilmt wurde. Bereits in den 1950er-Jahren entstand unter dem Titel At the Grand eine frühe Erstfassung des Musicals von Luther Davis (Buch), Robert Wright und George Forrest (Musik und Songtexte). Diese Version schaffte es nach ausbleibendem Erfolg bei den Tryouts nicht an den Broadway und das Stück verschwand dreißig Jahre in der Mottenkiste, bevor es 1989 von Tommy Tune (Regie und Choreografie) erneut aufgegriffen wurde.

In dieser Endfassung orientierte das Stück sich wieder näher an Baums Roman und der MGM-Verfilmung. Maury Yeston, der mit Titanic einen meiner absoluten Lieblings-Scores geschrieben hat, steuerte einige zusätzliche Lieder bei. Grand Hotel kam am Broadway auf über 1000 Vorstellungen und wird nächstes Jahr als Teil der City Center’s Encores nach New York zurückkehren. Vielleicht der erste Schritt für ein längst überfälliges Broadway-Revival?

© Christian Husar

Grand Hotel ist etwas für Liebhaber von Kander & Ebb oder Andrew Lippas Wild Party. Im Stadttheater Baden inszeniert Werner Sobotka den 110-minütigen Einakter mit viel Präzision und Feingefühl. Er sagt im Programmheft, dass als Aufhänger seiner Inszenierung der von Vicki Baum selbst gewählte Untertitel „Kolportageroman mit Hintergründen“ galt, der in vielen nachfolgenden Auflagen und Adaptionen vollkommen ignoriert wurde. In Baden steht Grand Hotel nun wieder ganz im Sinne der Romanautorin.

Die Geschichte spielt an einem einzigen Wochenende 1928 in einem Berliner Luxushotel. Es gibt keine Hauptfigur – Grand Hotel ist ein Ensemblestück und präsentiert ein Kaleidoskop der damaligen Gesellschaft, in dem das Zeitgefühl mit seiner Eleganz, Vergnügungssucht und Oberflächlichkeit eingefangen wird. Die exzentrischen Gäste gehen ein und aus, zwischendurch wird die Hotellobby immer wieder zur Parkettfläche für Charleston und Foxtrott – ein Tanz auf dem Vulkan. Die äußerst gelungene Übersetzung stammt aus der Feder von Roman Hinze, der im Programmheft (sicher versehentlich) leider nicht erwähnt wurde.

© Christian Husar

Mein Theaterbesuch in Baden war für mich der erste richtige Kontakt mit dem Stück. Seltsamerweise fühlte ich mich von dem Stoff und seiner Personenkonstellation an Agatha Christies Mausefalle erinnert, was ich nicht so recht verbalisieren konnte, bis ich auf meiner Rückfahrt im Zug die Podcast-Episode von Jim & Tomic’s Musical Theatre Happy Hour hörte, die sich Grand Hotel widmet: Hier vergleicht Jimi das Musical mit einem Cluedo-Videospiel aus seiner Kindheit und Tommy bringt es so treffend auf den Punkt: „The show is like a murder mystery without the murder to start it all off in a lot of ways.“ Das Eintreffen der Hotelgäste, jeder mit seinen kleinen oder großen Geheimnissen, hat ein gewisses Whodunit-Flair, ohne dass es überhaupt ein solches „It“ gibt, das die Handlung ins Rollen bringt.

Dass der Abend ohne Längen über die Bühne geht, ist neben Sobotkas stringenter Regiearbeit auch der Verdienst des hochkarätigen Ensembles, das bis in die kleinste Rolle hervorragend besetzt ist und Vicki Baum sicher mit Stolz erfüllen würde. In der Rolle Oberst Dr. Ottenschlag, der eigentlich ständig abreisen möchte, aber dann doch immer wieder einen Tag länger bleibt, führt Wolfgang Pampel als Erzähler durch die Geschichte. Er strahlt Weisheit und Lebenserfahrung aus und kommentiert das Geschehen stets zynisch und mit einem Augenzwinkern.

© Christian Husar

Als alternde Ballettdiva Elisaweta Gruschinskaja, die sich auf ihrer Abschiedstournee befindet – der achten – steht mit Sona MacDonald eine Künstlerin mit großer Persönlichkeit auf der Bühne, die ihre Rolle mit Würde ausfüllt. Eine der interessantesten Figuren auf der Bühne war für mich Raffaela Ottanio, Elisawetas ergebene Gefährtin („hmm, sehr ergeben“), gespielt von der großartigen Katja Berg. Auch der Empfangschef Rohna (Florian Fetterle) hat ein Auge auf seine männlichen Kollegen geworfen und setzt diese mit eindeutigen Angeboten unter Druck. Es geht doch nichts über ein bisschen queere Repräsentation in den Roaring Twenties.

Der Sympathieträger des Abends ist Hannes Muik als schwerkranker Buchalter Otto Kringelein, der vor seinem Tod noch einmal so richtig leben will. Er spielt die Rolle so liebenswert und warmherzig, dass man ihn am liebsten in den Arm nehmen möchte. Gleiches gilt für Nicolas Huart als Rezeptionist Erik, der angespannt auf einen Anruf aus dem Krankenhaus wartet, in dem seine Frau ein Kind auf die Welt bringt.

© Christian Husar

Weniger Sympathiepunkte kann dagegen der vorm Bankrott stehende Generaldirektor Preysing ernten, der von Martin Berger wunderbar gespielt wird. Als stehlender Baron Felix von Gaigern steht Julian Looman mit viel Charme und Charisma auf der Bühne und überzeugt sowohl gesanglich als auch darstellerisch auf ganzer Linie.

Ist es noch zu früh, um Bettina Mönch als „National Treasure“ zu bezeichnen? Ich denke nicht. Als Stenotypistin Frieda „Flämmchen“ Flamme mit Hollywood-Ambitionen macht sie „Das Mädchen im Spiegel“ zu einem der Höhepunkte des Abends. Sie ist der Inbegriff einer Triple Threat und singt, spielt und tanzt wie keine Zweite im deutschsprachigen Raum. In meiner Cabaret-Review vor zwei Jahren bezeichnete ich sie als unsere deutsche Antwort auf Sutton Foster und auch Flämmchen scheint ihr nun wieder wie auf den Leib geschrieben zu sein.

© Christian Husar

Durch das Stück zieht sich nicht nur ein filmischer Underscore, der für eine dichte Atmosphäre sorgt, sondern auch eine Art „Underdance“ – unter der fabelhaften Choreografie von Natalie Holtom tanzt das Ensemble in den meisten Szenen in perfekter Synchronität im Hintergrund. Ihren Höhepunkt erreicht diese regelrechte Charleston-Explosion in „Wir trinken auf das Leben“ in der zweiten Hälfte des Stückes, das sich zum begeisternden Showstopper entwickelt und für wilde Beifallsstürme sorgt.

Die größtenteils in schwarz, weiß, gold und rot gehaltene Ausstattung von Silvia Fritz & Friederike Friedrich (Kostüme) und Karl Fehringer & Judith Leikauf (Bühnenbild) ist unbeschreiblich stilvoll und elegant. Der eiserne Vorhang im Art-déco-Stil erinnert an den Abspann von Baz Luhrmans Great Gatsby und hätte eine Auszeichnung für den Schutzvorhang des Jahres verdient. Die Bühne wird auf zwei Ebenen bespielt: Unten versprüht die Lobby den Glanz der Goldenen Zwanziger und oben ist hinter Elisaweta Gruschinskajas Bett das Orchester unter der musikalischen Leitung von Michael Zehetner zu sehen, das lediglich vom warmen Licht der Tonpultleuchten angestrahlt wird. Das restliche Bühnengeschehen taucht Michael Grundner in ein stimmungsvolles Licht.  Die gesamte Ästhetik der Inszenierung ließ mein Herz höher schlagen. Sehr viel schöner kann man das Stück wahrscheinlich gar nicht präsentieren.

© Christian Husar

Grand Hotel ist ein Stück, das von einer durchdachten und stilvollen Inszenierung mit brillantem Ensemble lebt. Wenn das, wie nun in Baden, gegeben ist, wird das Material auf die höchsten Höhen gehoben und kann seine geballte Wirkkraft erst richtig entfalten. Ich muss hierbei an die Liedzeile „Whatever happened to class?“ aus Chicago denken. Fahrt mal nach Baden, da werdet ihr fündig!

Grand Hotel im Stadttheater Baden ist eine der besten Produktionen, die ich in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum gesehen habe. Was hier unter der Regie von Werner Sobotka gezeigt wird, ist beste Unterhaltung auf Broadway-Niveau! Noch an fünf weiteren Terminen bis zum 9. September wird das Stück in Baden gespielt und wer die Gelegenheit hat, es sich anzuschauen, sollte sie sich keinesfalls entgehen lassen. Selbst, wenn das Stück in den nächsten Jahren mal wieder im deutschsprachigen Raum aufgeführt wird, dürfte es sehr schwer sein, diese Inszenierung zu toppen!


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★★★★★

GRAND HOTEL – Stadttheater Baden; Musik und Gesangstexte: Robert Wright, George Forrest und Maury Yeston ; Buch: Luther Davis; Übersetzung: Roman Hinze; Regie: Werner Sobotka; Premiere: 28. Juli 2017; rezensierte Vorstellung: 10. August 2017

3 Gedanken zu “GRAND HOTEL: Grandioser Musicalsommer in Baden

  1. Danke für die tolle Review! Habe Karten für nächste Woche und freue mich jetzt noch mehr! Auch ein generelles Kompliment für die ganze Seite. Ich schaue regelmässig rein, lese fast alles und bin von den fachkundigen mit viel Liebe verfassten Reviews immer begeistert. Inszenierungen, die ich auch sah, hab ich natürlich begeistert gelesen und auf manche Stücke, die ich gar nicht kannte, habe ich Lust bekommen, bitte weiter so :-)! PS: Bin auch ein grosser Kulturpöbel-Fan 🙂

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    1. Vielen lieben Dank für den Kommentar! Es freut mich sehr, das zu lesen und schön, dass du auch ein Fan von Kulturpoebel bist. 🙂 Auf Grand Hotel kannst du dich wirklich sehr freuen, es ist eine wunderbare Inszenierung. Viel Spaß nächste Woche!

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