CAROLINE, OR CHANGE in London: Ein modernes Meisterwerk

Caroline, or Change stand auf meiner Liste von Musicals, die ich unbedingt einmal live sehen wollte, schon seit Jahren ganz weit oben. Es ist kein Stück, das den Mainstream anspricht und wird leider nur selten in Europa gespielt. Bei meinem letzten London-Besuch im März bot sich mir endlich die Möglichkeit, diesen Theatertraum zu erfüllen und das lange Warten hat sich definitiv gelohnt.  

Caroline, or Change ist das, was entsteht, wenn zwei absolute Masterminds des amerikanischen Theaters zusammenarbeiten: Jeanine Tesori – meine Lieblingskomponistin, die mit Fun Home die unangefochtene Nummer eins auf meiner Favoritenliste schrieb und außerdem die Scores von Violet, Shrek und zusätzliche Songs für Thoroughly Modern Millie komponierte – und Tony Kushner, der mit dem Pulitzer-prämierten Angels in America eines der kulturell bedeutendsten Dramen der letzten Jahrzehnte verfasste. Obwohl Kushner vor allem mit Angels in America (dessen aktuelle Broadway-Produktion als großer Tony-Favorit in den Revival-Kategorien gilt) in Verbindung gebracht wird, betont er immer wieder, dass Caroline, or Change die erfüllendste kreative Arbeit seiner bisherigen Karriere darstellt.

© Alastair Muir

Nach seiner Uraufführung am renommierten New Yorker Public Theatre war Caroline, or Change 2004 für wenige Monate am Broadway zu sehen. Bei den Tony Awards kam es nicht gegen die kommerziell erfolgreicheren Unterhaltungs-Shows Wicked und Avenue Q an und schien zu kompliziert und anspruchsvoll, um ein Mainstream-Publikum zu erreichen. Von den Kritikern wurde das Musical jedoch gefeiert, genießt noch heute eine große Wertschätzung in der Szene und ist immer wieder bei Experten-Rankings vorne, wenn es um die besten Musicals und Cast-Alben des 21. Jahrhunderts geht.

Seine London-Premiere erlebte das Stück 2006 am National Theatre – eine Ehre, die bisher nur wenigen Musicals zuteilwurde. Die Produktion mit Tonya Pinkins, die bereits am Broadway als Caroline zu sehen war, gewann den Olivier Award als bestes Musical und erhielt ähnlich wie auf der anderen Seite des Atlantiks überragende Kritiken. Danach verschwand das Stück von den britischen Bühnen, bis im vergangenen Jahr eine Neuinszenierung auf dem Programm des Chichester Festival stand. Diese Produktion ist derzeit im Londoner Hampstead Theatre zu sehen. Dank der Vorschusslorbeeren aus Chichester, starkem Word-of-Mouth während der Previews und zahlreichen 5-Sterne-Kritiken war die komplette Spielzeit unmittelbar nach der Premiere ausverkauft und für November 2018 wurde ein West End-Transfer ins Playhouse Theatre angekündigt.

An dieser Stelle muss ich unbedingt erwähnen, wie wunderschön das 2003 gebaute Hampstead Theatre ist. Ich habe mich sofort in die Spielstätte verliebt und sie war für mich die Entdeckung meiner letzten London-Reise. Der intime Theatersaal ermöglicht auf jedem Sitzplatz eine perfekte Sicht und durch die runde Formung des Auditoriums ist man selbst in der letzten Reihe des Rangs noch extrem nah an der Bühne. Schon beim Betreten des Theatersaales fühlt man sich an den Südstaaten-Schauplatz versetzt, da im Hintergrund Froschquaken zu hören ist und auf der Bühne eine Konföderierten-Statue steht. Zum Showbeginn wird der Saal komplett dunkel, lautes Wasserrauschen erklingt und als das Bühnenlicht angeht, ist das Denkmal verschwunden.

© Alastair Muir

Dieser Überraschungsmoment bietet den perfekten Einstieg in die Geschichte. Überhaupt ist es sehr beeindruckend, was das Hampstead Theatre technisch auffährt und wie effektiv alle Möglichkeiten des Hauses von einer Drehbühne bis zu Flugszenen genutzt werden (Ausstattung: Fly Davis). Auch das Licht- und Sounddesign (Jack Knowles und Paul Arditti) sind auf dem allerhöchsten Niveau und was für eine Wohltat es ist, Tesoris Score von einer elfköpfigen Band unter der musikalischen Leitung von Nigel Lilley gespielt zu hören. Die Produktionsstandards übertreffen alles, was ich von ähnlichen Fringe-Spielstätten wie der Menier Chocolate Factory, dem Donmar Warehouse und dem Southwark Playhouse gewohnt bin und ich werde das Hampstead Theatre definitiv weiter im Auge behalten.

Caroline, or Change spielt im Jahr 1963 in Lake Charles, Louisiana. Caroline Thibodeaux ist 39, geschieden und arbeitet als afroamerikanisches Dienstmädchen in einem jüdischen Haushalt. „Nothing ever happen underground in Louisiana ’cause there ain’t no underground in Louisiana“ sind die ersten Worte, die sie singt. „There is only underwater …“ Kein anderes Haus in Louisiana hat einen Keller, nur das der Familie Gellman, in dem sie angestellt ist und täglich die Wäsche erledigt. Dafür bekommt sie 30 Dollar pro Woche, was trotz eines Lebens in Verzicht nicht genügt, um sich selbst und ihre  vier Kinder über Wasser zu halten. Caroline fühlt sich „gefangen zwischen dem Teufel und dem schmutzigen braunen Meer“, ist verbittert und verschließt sich ihren Mitmenschen gegenüber.

Noah, der achtjährige Sohn der Gellmans, besucht Caroline jeden Tag in ihrem Keller und freut sich, wenn er ihre Zigarette anzünden darf – dieses Ritual ist ihr kleines Geheimnis, das die beiden verbindet. Nachdem Noahs Mutter gestorben ist, ist Caroline der einzige Mensch, dem er sich öffnet. Seine neue Stiefmutter Rose will er stattdessen nicht in sein Leben lassen. Diese beschließt, dass Caroline das ganze Kleingeld, das sie bei ihrer täglichen Wäsche in Noahs Hosentasche findet, behalten darf. Statt sorgsamer auf sein Taschengeld zu achten, hinterlässt Noah, der sich nach Zuneigung und Aufmerksamkeit von Caroline sehnt, nun absichtlich Münzen in seiner Wäsche. Er erhofft sich, dass Carolines Familie nun beim Abendessen über ihn redet und er dadurch selbst Teil der Familie werden kann. Dies treibt Caroline in einen inneren Konflikt, da sie einerseits nicht Noahs Geld einstecken will, andererseits finanziell keine andere Wahl hat, als das Geld mit nach Hause zu nehmen.

© Alastair Muir

Die Besonderheit an Caroline, or Change ist, dass viele Gegenstände aus Carolines Umgebung personifiziert sind und zu ihr singen: Die Waschmaschine, der Trockner, das Radio, der Bus und der Mond. Dies verleiht der simplen Geschichte, die aus dem amerikanischen Alltag der frühen 1960er Jahre gegriffen scheint, ein märchenhaftes Element. Auch die musikalische Umsetzung von Kushners Libretto ist ungewöhnlich und anders als alles, was man im modernen Musiktheater gehört hat. Jeanine Tesori beschreibt das durchkomponierte Werk selbst als Oper. In dem Score hat sie viele verschiedene Musikstile von Blues über Motown, Gospel, Klezmer und Soul bis zu Folk miteinander verwebt und dabei jedem Charakter seine individuelle Stimme gegeben. Neben Hamilton hat Caroline, or Change vielleicht die kreativste und einzigartigste Musical-Partitur des 21. Jahrhunderts zu bieten.

Der Begriff „Change“ im Titel des Stückes ist mehrdeutig zu verstehen: Einerseits ist damit Veränderung gemeint, andererseits Wechselgeld. Veränderung geschieht in Caroline, or Change sowohl auf persönlicher als auch auf politischer Ebene. Die Handlung spielt zur Zeit des Kennedy-Attentats, das die komplette Nation erschüttert. Obwohl Caroline nicht aktiv an der Bürgerrechtsbewegung teilhaben will, lassen sich die Protestmärsche auf den Straßen nicht ignorieren. Das wird spätestens dann deutlich, als das Konföderierten-Denkmal vorm Gerichtshaus eines Nachts von einer anonymen Gruppe niedergerissen wird.

Wenn Caroline Präsidentin wäre, singt sie, würde sie ein Gesetz verabschieden, das es einer Frau ihres Alters verbietet, nicht auf einer Weltkarte ablesen zu können, wo Vietnam liegt. Dort ist ihr Sohn Larry stationiert. Caroline fürchtet „Change“ – sie hat Angst vor Veränderung und sie hat Angst vor dem Kleingeld im Wäschekeller, das sie zu unmoralischen Taten verleitet. Am Ende des Abends müssen die Zuschauer aus der Geschichte ihre eigenen Schlüsse ziehen, aber eines steht fest: Veränderung kommt mal langsam und mal schnell, aber sie ist unaufhaltsam.

© Alastair Muir

Die Titelrolle wird von der großartigen Sharon D. Clarke gespielt, die dem Londoner Publikum bereits aus Ghost, Rent und We Will Rock You vertraut ist. Sie erweist sich als absolute Idealbesetzung und da sie auch den Transfer ins West End anführt, gilt sie schon jetzt als große Olivier-Favoritin in der kommenden Saison. Ihre Darbietung ist herzzerreißend, Carolines innere Zerrissenheit wird bis in die letzte Reihe intensiv spürbar und für ihre Eleven O’Clock Number „Lot’s Wife“ erntet sie großen Beifall. Es ist das erste Mal an dem Abend, dass die gebannten Zuschauer das durchkomponierte Stück, welches keine Pausen zwischen den Szenen bietet, mit Applaus unterbrechen. Dass diese Produktion so sensationelle Kritiken erntete, ist sicherlich zu großen Teilen Clarkes Verdienst.

Aaron Gelkoff hat als Noah neben Caroline die größte Rolle zu spielen und stellt erneut unter Beweis, auf was für einem hohen Niveau Kinderdarsteller in London agieren. Einen besseren Noah als ihn kann man sich nicht vorstellen – er singt die Rolle perfekt und spielt mit großer emotionaler Intelligenz. Ebenso überzeugend sind die beiden Jungs, die Carolines junge Söhne und spielen. Kenyah Sandy und Mickell Stewart-Grimes (Jackie) sowie Josiah Choto und David Dube (Joe) teilen sich diese Rollen. Welche Besetzung in der besuchten Vorstellung auf der Bühne stand, weiß ich nicht genau, großartig war sie allemal.

In den Szenen mit Noah und Carolines Söhnen wurde mir bewusst, was für ein großes Talent Jeanine Tesori dafür hat, Musik für Kinderrollen zu schreiben. Dazu trägt sicher auch bei, dass sie immer mit hervorragenden Autorinnen und Autoren zusammenarbeitet und sich mit ihnen wunderbar ergänzt. Neben Caroline, or Change haben auch Fun Home, Shrek und Violet Kinderrollen, die alle vom Kreativteam ernst genommen und authentisch geschrieben wurden. Dies ist im Musicalbereich keine Selbstverständlichkeit und verdient Anerkennung!

© Alastair Muir

Carolines jugendliche Tochter Emmie wird von Abiona Omonua gespielt. Mit „I Hate the Bus“ singt sie das Lied der Partitur, das auch am ehesten für sich alleine stehen kann und mittlerweile häufig außerhalb der Show auf Konzerten und bei Auditions gesungen wird. Während ihre Mutter sich im Angesicht der Bürgerrechtsbewegung resigniert verhält, steht Emmie für jugendliche Rebellion und den Drang nach Gerechtigkeit und politischer Veränderung. Die Hoffnung in zukünftige Generationen, die sie verkörpert, bietet für die Zuschauer eine große Identifikationsfläche und in der Finalnummer fragt man sich, ob die heimliche Protagonistin nicht eigentlich Emmie ist. Omonua singt und spielt die Rolle perfekt und ich hoffe, dass sie der Produktion auch im Playhouse Theatre erhalten bleibt.

Auch die Nebenrollen sind im Hampstead Theatre äußerst namhaft besetzt. Alastair Brookshaw überzeugt als Noahs Vater Stuart mit schönem Gesang und Klarinettenspiel und Lauren Ward (Matilda) spielt dessen neue Frau Rose Stopnick Gellman mit der richtigen Mischung aus Sorge und Aufdringlichkeit. (Ward ist übrigens Tesori-Veteranin, sie ist auf der Original Off-Broadway Cast Recording von Violet in der Titelrolle zu hören.) Sue Kelvin, Vincent Pirillo und Teddy Kempner sorgen als Noahs Großeltern vor allem in der überzogenen Chanukka-Szene für Lacher.

Ebenso hervorragend besetzt sind Me’sha Bryan als Waschmaschine, Ako Mitchell als Trockner und Bus, T’Shan Williams, Sharon Rose und Carole Stennett als Radio-Trio und Naana Agyei-Ampadu als Carolines Freundin Dotty, die stolz erzählt, neben ihrer Tätigkeit als Hausangestellte zur Abendschule zu gehen. Mit wunderschönem Gesang und warmer, mütterlicher Ausstrahlung gewinnt Angela Caesar als Mond die Herzen der Zuschauer.

© Alastair Muir

2004, als Caroline, or Change seine Broadway-Premiere feierte, galt die Segregation zumindest aus der Sicht der weißen US-Bevölkerung größtenteils als beseitigt – ein unangenehmes Kapitel in der eigenen Geschichte, das vollständig der Vergangenheit angehörte. Vielleicht war dies einer der Gründe, warum Caroline, or Change bei dem damaligen Publikum nicht richtig klickte. In den letzten Jahren gibt es wieder ein viel stärkeres öffentliches Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit und Rassismus in der Gegenwart. Hierfür wurde der Begriff „Wokeness“ geprägt. Zu der Black Lives Matter-Bewegung tragen neben viralen Hashtags wie #oscarssowhite auch viele zeitgenössische Werke wie das Jugendbuch The Hate U Give von Angie Thomas (das derzeit verfilmt wird), der Film Dear White People (und die gleichnamige Netflix-Serie) oder die oscarprämierte Horror-Satire Get Out bei.

Caroline, or Change war bei seiner Uraufführung seiner Zeit voraus und scheint heute eine viel stärkere Relevanz aufzuweisen als vor 15 Jahren. Das Niederreißen des Konföderierten-Denkmals in dem Musical war vor allem ein Gedankenspiel Kushners, der eine erste Fassung des Buches bereits in den Neunzigern verfasste. Aus dieser Metapher ist ein Jahrzehnt nach der Uraufführung Realität geworden – überall in den Südstaaten gibt es Versuche, diese Symbole der weißen Vorherrschaft niederzureißen. Immer wieder, wie in Charlottesville vergangenen Sommer, führen diese Protestbewegungen zu Zusammenstößen mit rechtsradikalen Gruppen. Das Verschwinden der Statue, in dem Musical ursprünglich von vielen als zweitrangige Nebenhandlung wahrgenommen, tritt in dieser packenden Inszenierung von Michael Longhurst in den Vordergrund.

Für Caroline, or Change hatte ich schon immer eine große Wertschätzung, fühlte mich aber früher beim Anhören des Cast-Albums von der Komplexität des Werkes eingeschüchtert. Da die Titelfigur über weite Strecken des Stückes sehr verschlossen und passiv wehmütig ist, ordnete ich das Musical oft als „eher intelligent als wirklich emotional“ ein. Mein Besuch im Hampstead Theatre belehrte mich eines Besseren und ich war überrascht, wie tief mich die letzten fünfzehn Minuten berührten. Vielleicht ist es ein Stück, das man live gesehen haben muss, um es vollständig durchdringen zu können.

© Alastair Muir

Auf meinem Weg aus dem Theater fragte ich mich, wo im deutschsprachigen Raum Platz für so ein gewagtes und anspruchsvolles Werk sein könnte. Es sagt viel über unsere Musicalszene aus, dass Shrek bisher Tesoris einziges Werk ist, das hierzulande zu sehen war und wir auf Violet und Fun Home noch immer warten. Am ehesten kann ich mir Caroline, or Change derzeit an einem Haus wie dem Landestheater Linz vorstellen, das ständig durch seine innovative Stückwahl und gelungene deutschsprachige Erstaufführungen beeindruckt. Vielleicht ist es in Ordnung, wenn wir noch ein paar Jahre auf die deutschsprachige Erstaufführung warten müssen, denn dann wäre Ana Milva Gomes im perfekten Alter, um die Titelrolle zu spielen. Eines Tages wird der deutschsprachige Raum bereit sein für dieses Stück, denn wie der Mond so schön singt: „Change come fast and change come slow, but change come, Caroline Thibodeaux.“

Caroline, or Change von Jeanine Tesori und Tony Kushner ist ein absolutes Meisterwerk, das in der großartigen Inszenierung von Michael Longhurst mit der sensationellen Sharon D. Clarke sein Potenzial voll entfaltet. Ob es sich im Winter auch am West End behaupten kann, wird sich zeigen, aber mit seinen ausverkauften Vorstellungen beim Chichester Festival und im Hampstead Theatre hat es die britische Musical-Saison schon ordentlich aufgemischt und verdient die ganze Anerkennung, die es gerade bekommt. Ein Triumph für alle Beteiligten!


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CAROLINE, OR CHANGE – Hampstead Theatre, London; Musik: Jeanine Tesori; Buch und Liedtexte: Tony Kushner; Regie: Michael Longhurst; erste Preview: 12 März 2018; Premiere: 19. März 2018; rezensierte Vorstellung: 24. März 2018 (Matinée)

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