ATTENTÄTER in Linz: Jeder hat das Recht auf seine Art Glück

Attentäter, so kündigt das Landestheater Linz auf seiner Webseite an, ist eines der kontroversesten Musicals, die je geschrieben wurden. Nach dem Premierenabend im Linzer Schauspielhaus am 7. April 2018 muss der Begriff „kontrovers“ im Hinblick auf Musicaltheater im deutschsprachigen Raum wohl vollkommen neu definiert werden.

Assassins von Stephen Sondheim (Musik und Gesangstexte) und John Weidman (Buch) ist hierzulande ein viel zu selten gespieltes Stück. Obwohl es inhaltlich alles andere als leichte Kost bietet, halte ich es musikalisch tatsächlich für Sondheims am leichtesten zugängliches Werk, das den düsteren Stoff mit beschwingten Melodien versorgt. In dem 90-minütigen Einakter geht es um neun Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie alle versuchten an einem bestimmten Punkt in der US-amerikanischen Geschichte, den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu töten – die einen mehr, die anderen weniger erfolgreich. Dabei reflektieren die zum Einsatz kommenden Musikstile die jeweilige Zeit, zu der die Attentäter lebten. Somit lädt der Score, durch den sich Einflüsse von Folk, Barbershop, Cakewalk, Sousa-Märschen, traditionellem Showtunes und Seventies-Popballaden ziehen, auf eine Reise durch die amerikanische Musikgeschichte der letzten 150 Jahre ein.

© Reinhard Winkler

Bei Assassins handelt es sich nicht um ein klassisches Buchmusical, das einem linearen Plot folgt. Vielmehr lässt es sich als Konzeptmusical beschreiben: Auf einem düsteren Jahrmarkt treffen die titelgebenden Attentäter – sieben Männer und zwei Frauen – aufeinander. Obwohl sie eigentlich zu vollkommen verschiedenen Zeiten lebten, interagieren sie in diesem Limbus miteinander und geben einander die unterschiedlichen Motive preis, die sie zu den Anschlägen bewegten. Ein Schießbudenbesitzer versorgt sie mit ihren Waffen, während der diabolische Balladensänger wie ein Conférencier durch den Abend führt und die Attentäter dabei in ein anderes Licht rückt, als sie es sich erhofft hatten. Das sind eben die Regeln der Geschichtsschreibung …

1990 wurde Assassins am Off-Broadway mit unter anderem Victor Garber uraufgeführt und feierte zwei Jahre später seine London-Premiere. Ein für 2001 angesetztes Broadway-Revival wurde im Schatten der 9/11-Anschläge verschoben, kam jedoch 2004 zur Aufführung. Diese Produktion, in der Neil Patrick Harris und Michael Cerveris auf der Bühne standen, gewann fünf Tony Awards und erhielt, ähnlich wie die Uraufführung 14 Jahre zuvor, hervorragende Kritiken.

Meine erste Berührung mit Assassins hatte ich 2015 in London, als ich das Musical in der Menier Chocolate Factory sah. Grund für meinen Besuch war damals vor allem die Besetzung – unter anderem Aaron Tveit (Next to Normal, Graceland) und Catherine Tate (Doctor Who) – aber ich verließ das Theater darüber hinaus tief beeindruckt von dem Stück und der grandiosen Inszenierung. Da ich mich vorher nicht intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt hatte und mit US-Geschichte eher so mittelmäßig vertraut war, fiel es mir schwer, die auf der Bühne stehenden Figuren einzuordnen, weswegen sich meine Begeisterung damals mit großer Überforderung mischte. Hinterher setzte ich mich dafür umso stärker mit dem historischen Kontext auseinander und entwickelte eine große Wertschätzung für das Stück, das ich mir immer noch regelmäßig anhöre.

© Reinhard Winkler

Auf meiner Fahrt nach Linz fragte ich mich, warum das Stück hierzulande wohl so selten gespielt wird. Natürlich ist es ein sehr amerikanischer Stoff und die Namen der vorkommenden Attentäter, die in den Vereinigten Staaten zur Allgemeinbildung gehören, sind bei uns nicht jedem ein Begriff. Vielleicht schrecken deswegen einige Theater vor der Show zurück und dazu kommt, dass Sondheim sich erst sehr langsam in den letzten Jahren auf den Spielplänen deutschsprachiger Theater durchsetzt. Andererseits würde die größere Distanz, die wir zur US-Geschichte haben, es ermöglichen, inszenatorisch noch viel weiter zu gehen als in Amerika, wo das Stück nach wie vor ein Risiko ist.

Die Sache ist: In Zeiten relativer politischer Ruhe möchten die amerikanischen Zuschauer die friedliche Stimmung genießen und nicht mit diesen unangenehmen Inhalten konfrontiert werden. In Zeiten größerer Unzufriedenheit, wie derzeit mit Trump im Weißen Haus, bewegt man sich mit einem so zynischen Blick auf Präsidentenattentate auf dünnem Eis. Deswegen, so las ich letztens in einem Broadway-Forum, scheint es für Assassins in Amerika nie „den perfekten Zeitpunkt“ zu geben. In Kontinentaleuropa, von wo wir einen distanzierten und oft verwunderten Blick auf die amerikanische Kultur werfen, scheint das Stück bei weitem nicht so heikel und gewagt. Dachte ich zumindest. Bis ich am Premierenabend im Schauspielhaus saß. Was der Regisseur Evgeny Titov dort auf die Bühne gebracht hat, dürfte – das behaupte ich einfach mal – die kontroverseste Assassins-Inszenierung sein, die es jemals gab, denn sehr viel weiter kann man mit diesem Werk inszenatorisch und politisch gar nicht gehen.

Aus dem Jahrmarkt ist im Linzer Bühnenbild von Eva Musil ein eleganter Salon geworden, der nur für exklusive Clubmitglieder der High Society gedacht scheint. In einer Vitrine hinter der Bar sind statt Alkoholflaschen Schusswaffen zu sehen. Als das Stück losgeht, werden die Bandmitglieder von der Bühne verscheucht, um Platz für die Ehrengäste des Abends zu machen: neun Donald Trumps. Acht von ihnen tragen groteske Masken, der Letzte im Bunde (Walter Witzany) sieht dem Original auch ohne Gummi-Maskierung beunruhigend ähnlich und hat als Plus One seine First Lady Melania dabei. Auf der Bühne ist es vollkommen still und im Zuschauerraum hört man vereinzelte irritierte Lacher, während der Trump-Clan an den runden Tischen Platz nimmt und seinen Blick auf eine kleinere Cabaret-Bühne richtet.

© Reinhard Winkler

Das erste Lied, „Jeder hat das Recht“, beginnt und die Geschichte wird als Spiel im Spiel aufgeführt. Die Attentäter treten als bleich geschminkte und überzogen kostümierte Künstlertruppe mit pantomimisch anmutendem Spiel und exaltierten Gesten auf (Kostüme: Nicole von Graevenitz). Unterstützt werden die revueartigen Shownummern von bunten Videoanimationen im Cartoonstil (Meisterschule für Kommunikationsdesign 2018). Diese liefern zunächst noch spannende Bilder (etwa die symbolische Abspaltung der Nordstaaten vom konföderierten Süden), driften aber im Laufe des Abends bewusst immer mehr ins Trashige und Geschmacklose ab.

Die Anwesenheit der Trumps bringt eine beunruhigende Vorahnung, die sich anfangs noch nicht ganz greifen lässt, in den Raum. Spätestens in der Szene, als Giuseppe Zangara nach erfolglosem Attentat auf Franklin D. Roosevelt auf dem elektrischen Stuhl landet und Melania höchstpersönlich den tödlichen Schalter betätigt, wird deutlich, dass es an diesem Abend keine Grenzen gibt und alles passieren kann.

Assassins endet für gewöhnlich damit, dass die Attentäter ihre Waffen direkt auf die Zuschauer richten und es dunkel wird, bevor die letzten Schüsse des Abends ertönen. Mein Gedanke: Neun Attentäter, neun Trumps – vielleicht ist das Schlussbild, dass die Waffen stattdessen warnend in Richtung der Trumps gerichtet werden und es dann dunkel wird. Ohne Schussgeräusch wahrscheinlich, das wäre schließlich schon eine sehr provokante Geste. Dem tatsächlichen Schlussbild gelang es, mich – obwohl ich mich auf eine Form der Grenzüberschreitung einstellte – trotzdem ganz schön ordentlich zu schockieren …

© Reinhard Winkler

Zunächst gibt eine Anzeigetafel oberhalb der Bühne in den Musiknummern die jeweilige Jahreszahl an und liefert Informationen darüber, um welches Attentat es sich handelt. Dies hilft sehr gut dabei, die Szenen und die vorkommenden Figuren historisch zu verordnen. (Zwischendurch blitzt auf der Tafel immer wieder der Slogan „MAKE AMERICA GREAT AGAIN“ auf.) Allerdings wird das Bemühen, die Geschichte jedes einzelnen Attentäters dem nicht-amerikanischen Publikum so gut es geht zu erklären, irgendwann dem radikalen Konzept dieser Inszenierung geopfert. Diese wirkt vollständig auf den großen Schockmoment am Ende ausgerichtet, wodurch irgendwann viele Handlungsstränge auf der Strecke bleiben.

Dass die individuellen Geschichten ab einem gewissen Punkt dem Ziel untergeordnet wurden, die Attentäter zum Kollektiv zusammenzuführen, um das provokante Ende herbeizuführen, wird vor allem im Lied „Ich bin nicht wert, dass du mich liebst“ deutlich. Ohne den Kontext zu kennen, könnte man beim Anhören von „Unworthy of Your Love“ auf dem Cast-Album denken, dass die beiden Duettpartner in dieser 70er-Jahre-Popballade zueinander singen.

Dabei widmet John Hinckley den Song der jungen Jodie Foster, von der er krankhaft besessen ist, seit er sie in der Rolle einer minderjährigen Prostituierten im Film Taxi Driver gesehen hat – und Lynette „Squeaky“ Fromme richtet ihren Part an ihren Angebeteten Charles Manson, Anführer der mordenden Manson Family. Hinckley verübte ein erfolgloses Attentat auf Ronald Reagan, um so Jodie Fosters Aufmerksamkeit und Liebe zu gewinnen und Fromme wollte mit einem Attentat auf Gerald Ford (ebenso erfolglos) öffentliche Aufmerksamkeit gewinnen, um Manson aus der Haft freizubekommen. Das Lied und die Szene, die ihm vorausgeht, ist eine meiner liebsten Stellen in dem Stück, da ich sowohl Hinckley als auch Fromme (und vor allem ihre seltsamen Motive für die Attentate) extrem faszinierend finde. Ein sehr schönes Beispiel, wie die Szene gewöhnlich in „traditionellen“ Assassins-Inszenierungen umgesetzt wird, kann man sich hier anschauen.

© Reinhard Winkler

Zurück zu Linz: Nach etwa einer Stunde drehte sich vollkommen unerwartet die Bühne und gab die Rückseite – eine Mischung aus dem Backstage-Bereich der Schauspieltruppe und einem pechschwarzen Höllental – preis. Ab diesem Punkt verschwimmen die Grenzen zwischen den Attentäter-Rollen und den Performern, die sie spielen (ähnlich wie bei Pippin) vollkommen. „Ich bin nicht wert, dass du mich liebst“ ist in dieser Sphäre als tatsächliches Liebesduett inszeniert, bei dem die beiden Partner (die ihre Kostümierung abgelegt haben und sich keiner Figur mehr zuordnen lassen) direkt zueinander singen und in einen erotisch aufgeladenen Paartanz übergehen. Hinckley und seine Besessenheit von Jodie Foster finden hier überhaupt keine Erwähnung – tatsächlich suggeriert das Programmheft, dass es sich bei Frommes Duettpartner auch um Charles Manson höchstpersönlich handeln könnte. Ein spannender Ansatz sicherlich, aber ich fand es ein wenig schade um eine der interessantesten Szenen des Stücks.

Die Besetzung in Linz ist durchweg großartig. Angeführt wird das Ensemble von Gernot Romic als Balladensänger und Christian Manuel Oliveira als Schießbudenbesitzer, die nach der Eröffnungsnummer dem Lincoln-Attentäter John Wilkes Booth (gespielt von Christian Fröhlich) und seinem Partner David Herold (Wenzel Brücher) die Bühne bereiten. In weiteren Rollen überzeugen Ruth Fuchs (Squeaky Fromme), Riccardo Greco (Giuseppe Zangara), Thomas Bammer (Samuel Byck), Rob Pelzer (Charles Guiteau), Ariana Schirasi-Fard (Sara Jane Moore), Hanna Kastner und Lynsey Thurgar (Ensemble) sowohl darstellerisch als auch gesanglich auf ganzer Linie. Es fällt schwer, hier jemanden besonders hervorzuheben, allerdings berührte mich vor allem Peter Lewys Preston, der als Leon Czolgosz in seinem Monolog kurz vor dem „Gun Song“ den emotionalen Höhepunkt des ansonsten sehr zynischen Abends lieferte.

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Neben der Darstellerriege sind auch die Akustik im Schauspielhaus und die Band Black Beauty and Friends unter der musikalischen Leitung von Borys Sitarski hervorragend. Michael Kunzes deutsche Texte liegen so natürlich auf der Musik, dass ich die Übersetzung – mit der ich an dem Abend erstmals richtig in Berührung kam – die meiste Zeit über gar nicht aktiv wahrnahm. Das ist ein sehr gutes Zeichen und spricht definitiv für Kunze, der fantastisch mit Sondheims vielschichtigen Libretti umgehen kann.

Lee Harvey Oswald, der Attentäter von Kennedy, wird in dieser Inszenierung von einem kleinen Jungen gespielt (am Premierenabend Elias Poschner). Dies verleiht den finalen Szenen eine zusätzlich verstörende Note, aber da es sich in Linz bei dem letzten Opfer des Abends nicht um JFK handelt, wird jeder Bezug zum 22. November 1963 gekappt. Vielen Zuschauern, die mit dem Namen Lee auf Anhieb nichts anfangen können, dürfte die Identität des Kindes ein Rätsel bleiben. Entsprechend wurde in dieser Produktion auch das Lied „Etwas zerbrach“, in dem es um die Reaktion der amerikanischen Bevölkerung auf Kennedys Tod geht, gestrichen. Die Zuschauer bekommen so nie die andere Seite  – die Perspektiver der Nicht-Attentäter, der Alltagsmenschen – geboten und müssen sich noch viel mehr als in anderen Assassins-Inszenierungen ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Nach dem kontroversen Ende war die Stimmung beim Schlussapplaus entsprechend verhalten und niemand traute sich, aufzustehen. Im Schauspiel und der Performancekunst im deutschsprachigen Raum können solche Konzepte sicher niemanden mehr schockieren, aber im deutschsprachigen Musical-Bereich habe ich noch nie eine so gewagte Inszenierung gesehen. In dieser riskanten Form könnte man Assassins in den Vereinigten Staaten oder wahrscheinlich selbst in Großbritannien nicht aufführen. Ganz unabhängig davon, was man von Titovs Inszenierung hält, ist es schön zu wissen, dass wir in Österreich, der Schweiz und Deutschland diese Sicherheit haben und auf der Bühne keine Grenzen gesetzt sind.

© Reinhard Winkler

Wenn am Ende auch nicht alles zu hundert Prozent aufgeht und ich das Konzept nicht vollkommen stimmig finde, so enthält es doch sehr spannende Ansätze und bietet neue Denkanstöße. In jedem Fall ist dem Landestheater Linz für den Mut zu gratulieren, dieses selten gespielte Stück endlich wieder zurück in den deutschsprachigen Raum zu holen, was längst überfällig war.

Vielleicht bringt diese Produktion Assassins ja nun wieder in das Bewusstsein der hiesigen Theaterschaffenden und zieht weitere Inszenierungen nach sich. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn die ein oder andere das Stück wieder ein bisschen „traditioneller“ auf die Bühne bringt, halte die Fahrt nach Linz aber dennoch für empfehlenswert. Schließlich weiß man nicht, wann man diese Musical-Perle das nächste Mal bei uns zu sehen bekommt und es lohnt sich definitiv für die hervorragende Besetzung, Sondheims stärksten Score und die Tatsache, dass das Regiekonzept viel Gesprächsstoff bietet. Wer weiß, womöglich schauen wir ja in zehn Jahren einmal zurück und sagen uns: „Vielleicht war das damals in Linz nicht die Assassins-Inszenierung, die wir uns am meisten wünschten, aber die, die wir zu dieser Zeit am meisten brauchten?“


Falls ihr in Zukunft mitbekommen wollt, wenn ich neue Beitrage veröffentliche und allgemein, wo ich mich theatermäßig so herumtreibe, schaut auch gerne mal auf meiner Facebook-Seite vorbei.


Besetzung: ★★★★★ | Inszenierung: ★★★☆☆

ATTENTÄTER (ASSASSINS) – Schauspielhaus Linz; Musik und Gesangstexte: Stephen Sondheim; Buch: John Weidman; Übersetzung: Michael Kunze; Regie: Evgeny Titov; rezensierte Vorstellung: 7. April 2018 (Premiere)

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