EVITA bei den Schlossfestspielen Regensburg: Eine gelungene Inszenierung

Am 15. Juli 2018 fand bei den Thurn und Taxis Schlossfestspielen Regensburg ein einmaliges Open-Air-Gastspiel von Gil Mehmerts Evita-Inszenierung aus dem Opernhaus Bonn statt, das mit präziser Personenführung und stark aufspielendem Ensemble rundum überzeugen konnte.

Das Musical aus der Feder von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Libretto), das den Personenkult um die argentinische Präsidentengattin Eva Perón (1919–1952) dekonstruiert, wurde 1978 in London uraufgeführt. Zeitlich positioniert zwischen den Uraufführungen von Jesus Christ Superstar (1971) und Cats (1981) leitete es mit seiner Broadway-Premiere 1979 die Importwelle europäischer Mega-Musicals in New York ein und wird noch heute sowohl im englischen als auch im deutschen Sprachraum häufig gespielt. Ich bin zwar kein großer Fan von Andrew Lloyd Webber, halte Evita aber definitiv nach Sunset Boulevard für sein bestes und interessantestes Werk.

© Thilo Beu

Der London-Premiere 1978 im Prince Edward Theatre ging zwei Jahre zuvor ein Konzeptalbum voraus, das mit der erfolgreichen Singleauskopplung „Don’t Cry for Me Argentina“ bereits vor der ersten Aufführung des Bühnenstücks popkulturelle Aufmerksamkeit generierte. Mein Besuch bei den Schlossfestspielen war meine erste vollständige Begegnung mit Evita und ich sehe das Stück – obwohl es in chronologischen Stationen Eva Peróns Biografie abhandelt – in vielen Aspekten nicht nur als Buch-, sondern mindestens genauso sehr als Konzeptmusical.

Das Stück beginnt mit Eva Peróns Trauerfeier, bei der der junge revolutionäre Student Che aus der Menge tritt und einen Blick zurück auf das Leben der argentinischen Primera Dama wirft. Mit fünfzehn Jahren folgt die in Armut lebende Eva Duarte dem Tangosänger Magaldi nach Buenos Aires. Getrieben von ihrer Ambition geht sie Affären mit verschiedenen Männern ein und wird als Radiosprecherin und Schauspielerin bekannt. Bei einem Wohltätigkeitsevent lernt sie Juan Perón kennen und schafft es gemeinsam mit ihm an die Spitze der Nation. In der zweiten Hälfte geht es um ihren Weg über eine Europatournee, die Gründung ihrer eigenen Stiftung und ihre Pläne, als Vizepräsidentin zu kandidieren, bis zur schwächenden Krebserkrankung und dem frühen Tod.

© Thilo Beu

Sicherlich lag der Reiz von Evita in den späten 1970ern vor allem darin, eine heiliggesprochene, vergötterte Ikone zu entmystifizieren und einen kritischen Blick hinter die glamouröse Fassade zu werfen. Eva Perón wird in dem Musical als machthungrige, opportunistische Frau sehr einseitig unsympathisch dargestellt. Zur Entmystifizierung einer heiligen Figur ist das effektiv, aber das Stück geht ihr nicht wirklich als Mensch auf den Grund. Ebenso wie seine Frau bleibt auch Juan Perón auf der Bühne eine undurchsichtige Figur und der Erzähler Che – vage von Che Guevara inspiriert und je nach Inszenierung mal mehr, mal weniger expliziert als dieser interpretiert – steht ohnehin als abstrakte Figur außerhalb der Diegese.

Biografien historischer Persönlichkeiten sind selbstverständlich immer ebenso selektiv wie subjektiv. Ein ‚vollständiges Bild‘ kann – egal, wie hoch der Wahrheits- und Objektivitätsanspruch sein mag – nie gezeichnet werden. Während Eva Perón den einen zu negativ dargestellt wird (da das Stück ihr soziales Engagement als ausschließlich scheinheilig darstellt und ihre Errungenschaften für Feminismus in Argentinien unterschlägt), wird der faschistische Peronismus anderen noch zu sehr verharmlost und entschärft.

Meiner Meinung nach sollte man Evita nicht mit dem Anspruch besuchen, die ‚wahre Geschichte der Eva Perón‘ zu erfahren. Dazu ist es ohnehin zu fragmentarisch angelegt. Ich sehe das Musical vielmehr als beispielhafte Studie dafür, wie unsere Gesellschaft Personen des öffentlichen Lebens – seien es Künstler oder Politiker – auf ein Podest stellt, ohne das konstruierte und öffentlichkeitswirksam kalkulierte Star-Image zu reflektieren. Als Symbole in dieser Dekonstruktion funktionieren die Bühnenfiguren Eva, Che und Perón noch heute gut.

© Thilo Beu

Gil Mehmert ist eine überzeugende Inszenierung gelungen, die in den Massenszenen aufgrund des großen Ensembles und der Statisterie eine fast schon filmische Opulenz entfaltet (was auch der dynamischen Choreografie von Kati Farkas zu verdanken ist), sich aber insgesamt durch Präzision und Fokus auszeichnet. Das Set von Beatrice von Bomhard ist angenehm schnörkelfrei und reduziert, was einerseits die Darsteller in den Mittelpunkt rückt, andererseits bietet das Schloss Emmeram ohnehin schon eine mehr als ausreichend beeindruckende Kulisse. Ausgezeichnet ist auch von Bomhards authentisches Kostümdesign. Eindrucksvolle Bilder entstehen vor allem in den Massenszenen zu Beginn, am Ende des ersten Aktes mit „Wach auf, Argentinien“ und zum Finale. Dass die letzten zwanzig Minuten nach dem vorangegangenen Tempo etwas antiklimaktisch wirken, liegt an der Vorlage und Mehmert gelingt es, den dramaturgischen Tücken von Rices Buch gut entgegenzuwirken.

Die Besetzung ist ausnahmslos großartig. Bettina Mönch hat die Rolle der Eva Péron vor Bonn bereits in Graz und Wien gespielt und liefert auch in Regensburg eine hervorragende Darbietung. Sie hat eine einnehmende Bühnenpräsenz, kann sowohl die Verbissenheit der Figur als auch ihre sukzessive Schwächung am Ende glaubwürdig verkörpern und singt mit einer Gewalt, die das gesamte Schloss zum Beben bringt. Merlin Fargel stattet seinen Che mit viel Charisma aus und kann ebenso wie Bettina Mönch sowohl darstellerisch als auch gesanglich auf ganzer Linie überzeugen. Mark Weigel gibt einen ausgezeichneten Perón und hinterlässt vor allem mit „Wie ein Diamant“ einen bleibenden Eindruck. Als Tangosänger Magaldi liefert Johannes Mertes eine schöne Darbietung von „Diese Nacht ist so sternenklar“.

© Thilo Beu

Mit „Du nimmst die Koffer wieder in die Hand“ sorgt Eva Löser als Peróns namenlose Liebhaberin, die von Eva aus seinem Schlafzimmer verstoßen wird, für den rührseligsten Moment des Abends. Es ist eine kuriose Szene, schließlich wissen wir überhaupt nichts über die Figur, die weder vor noch nach diesem Lied eine Rolle spielt – und doch war es das einzige Mal an dem Abend, dass ich überhaupt Empathie und Wärme für einen Charakter empfand. (Dazu ist Eva einfach zu einseitig negativ dargestellt, über Peróns Gefühlswelt bleibt das meiste unausgesprochen und Che ist sowieso ein einziges Enigma.) Wenn man mal darüber nachdenkt, manipuliert das Lied die Zuschauer eigentlich genauso sehr emotional, wie Eva es in „Wein nicht um mich, Argentinien“ tut.

Durch die bereits erwähnte Singleauskopplung in den 1970ern und zahlreiche weitere Cover, die aus dem Kontext heraus gesungen wurden, hat „Don’t Cry for Me Argentina“ ein Eigenleben entwickelt, weshalb vielen überhaupt nicht bewusst ist, wie scheinheilig Evas Rede an ihr Volk im Zusammenhang des Stücks eigentlich ist. Mehmert kehrt die Künstlichkeit dieses Augenblicks nach außen, indem er Bettina Mönch den Anfang und das Ende des Liedes mit dem Rücken zum Publikum singen lässt und das Podest, auf dem sie steht, erst im Mittelteil so dreht, dass die Zuschauer bei den Schlossfestspielen dieselbe Perspektive von Eva am Balkon bekommen, die ihre angeredeten Descamisados in diesem Moment haben.

Dadurch, dass Mehmert auch Perón zeigt, der hinter der Bühne zustimmend und triumphierend nickt, wirkt er dem Risiko entgegen, das Lied zur Heldinnenarie werden zu lassen. (Was die Zuschauer vor mir aber dennoch nicht davon abhielt, in Scharen ihre Smartphones zu zücken und Filmchen zu drehen, sobald die ersten Klänge der vertrauten Melodie einsetzten.) „Don’t Cry for Me Argentina“ ist das beste Beispiel dafür, dass man als Autoren keine Kontrolle darüber haben kann, wie ein Lied außerhalb seines ursprünglichen Kontexts rezipiert wird. Liest man sich die Youtube-Kommentare der letzten Wochen unter Madonnas Version aus dem Film von 1996 durch, zeigt sich, dass argentinische Fußballfans sich das Lied schon lange als Hymne für ihre Nationalmannschaft angeeignet und mit eigenen Emotionen nationaler Identität aufgeladen haben.

© Thilo Beu

Die Band unter der musikalischen Leitung von Jürgen Grimm und Mike Millard wurde in der Bonner Inszenierung, die nun in Regensburg zu sehen war, auf neun Musiker reduziert. Wenn man eine opulentere Orchestrierung gewöhnt ist, mag dies ein kleiner Wermutstropfen sein. Davon abgesehen muss ich eine Lanze für die neuen Arrangements brechen, die rockig und druckvoll klingen und beweisen, wie gut der Score – von seinen ruhigen Tönen über die lateinamerikanischen Rhythmen in Songs wie „Buenos Aires“ bis zu den kraftvollen Passagen wie in „Als strahlender heller Stern“ – in den letzten vier Jahrzehnten gealtert ist.

Allen Beteiligten ist ein großes Kompliment dafür auszusprechen, wie harmonisch sich die Bonner Inszenierung in die Schlosskulisse einfügte. Es ist kein zu unterschätzender Aufwand, ein solches Gastspiel, bei dem die Inszenierung aus einem Opernhaus in ein Open-Air-Setting implementiert werden muss, für nur eine Vorstellung zu veranstalten, doch aus künstlerischer Sicht hat sich dieses Projekt definitiv gelohnt. Technisch gab es absolut nichts an dem Lichtdesign und der Tonabmischung zu bemängeln.

Es wäre sehr schön, wenn es in den nächsten Sommern zu weiteren Musical-Gastspielen dieser Art bei den Thurn und Taxis Schlossfestspielen kommt. Evita hat die Messlatte definitiv hoch gelegt!

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★★★★☆

EVITA – Thurn und Taxis Schlossfestspiele, Regensburg; Musik: Andrew Lloyd Webber; Buch Gesangstexte: Tim Rice; Übersetzung: Michael Kunze; Regie: Gil Mehmert; Gastspiel: 15. Juli 2018

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