FUN HOME im Young Vic: Endlich auch in London angekommen

Wer mich kennt, weiß, dass Fun Home mein Lieblingsmusical ist. Seit ich es vor drei Jahren am Broadway gesehen habe, erwähne ich bei jeder Gelegenheit, wie sehr ich es liebe und was für einen besonderen Platz es in meinem Herzen hat. In den USA hat es seither die Spielpläne der regionalen Community-Theater erobert und wird dauerhaft irgendwo gespielt, aber abgesehen von einer Produktion in Stockholm im Frühjahr 2017 (Schweden ist uns mal wieder einen Schritt voraus) schaffte das Stück bisher nicht den Sprung nach Europa.

© Marc Brenner

Entsprechend groß war meine Freude, als letztes Jahr die London-Premiere von Fun Home für den Sommer 2018 angekündigt wurde. Meine Tickets für zwei Vorstellungen buchte ich bereits vor zwölf Monaten – so früh im Voraus wie bei keinem anderen Musical. Wenn ein Ereignis noch so weit in der Zukunft liegt, verschwindet es bei allem, was zwischendurch im Alltagsstress so passiert, immer wieder aus dem aktiven Bewusstsein, aber gerade in den letzten Wochen wurde meine Vorfreude immer größer und damit auch die Frage, ob die Londoner Inszenierung meinen wertvollen Erinnerungen aus New York gerecht werden kann.

Ich könnte mir kein besseres Zuhause für Fun Home vorstellen als das Young Vic. Die Spielstätte liegt in einer lebhaften Gegend in Südlondon und macht den Besuchern bereits, wenn sie die Straße entlang auf die Fassade zuschlendern, deutlich, wie wichtig es dem Team ist, Position zu beziehen: Hier hängt eine Europaflagge neben einem „Black Lives Matter“-Banner und dem Pride-Regenbogen. In Londons mutigen jungen Fringe-Venues sind Kunst und politischer Aktivismus eng miteinander verknüpft. Auch das offenherzige Team, die genderneutralen Toiletten in der Theaterbar The Cut und die Bemühungen für Barrierefreiheit, die weit über stufenfreien Zugang hinausgehen, zeigen, mit welcher Leidenschaft das Young Vic sich dafür einsetzt, dass sich jeder Zuschauer und jede Zuschauerin willkommen fühlt. Das ist gelebte Diversität, wie man sie sich von viel mehr Theatern wünschen würde.

© Marc Brenner

Als junger Zuschauer unter 25 konnte ich Fun Home zweimal für jeweils £10 sehen, beide Male auf perfekten Plätzen. Das ist ein tolles Gegengewicht zu den elitären Tendenzen, die immer noch viele Theaterbetriebe dominieren. Wo ich schon von perfekten Plätzen spreche: Gepolsterte Holzbänke sind die neuen Stühle! Ich habe selten so bequem gesessen, mit so großer Beinfreiheit in so einem intimen Raum. Auch ein Blick durch das Auditorium ließ mein Herz höher schlagen: so ein junges, bunt gemischtes, diverses Publikum. Das Young Vic vereint alles, was ich mir von einem zeitgenössischen Theater wünsche. Nach beiden Besuchen verließ ich das Gebäude ermutigt und inspiriert. Hier passiert genau die Art von Kunst, die ich selbst in meinem Leben machen möchte. Am liebsten hätte ich das Theater genauso genommen, wie es ist, mit allem drum und dran, und es irgendwo in Deutschland aufgestellt. Wir brauchen auch ein Young Vic bei uns, ehrlich. Es ist echt an der Zeit.

Die besten Musicals entstehen aus den ungewöhnlichsten Quellmaterialien. Fun Home basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Graphic Novel von Alison Bechdel (geboren 1960) aus dem Jahr 2006, in dem sie ihre Kindheit im ländlichen Pennsylvania, das komplizierte Verhältnis zu ihrem Vater Bruce und ihre sexuelle Selbstfindung im College-Alter beschreibt. Der Titel ist eine Abkürzung für „funeral home“, da Bruce das örtliche Bestattungsinstitut leitet und die Kinder inmitten von Särgen und Chemikalien aufwachsen, wo „Formaldehyd“ und „Aneurysmahaken“ genauso selbstverständlich zu ihrem frühen Wortschatz gehören wie „Mommy“ und „Daddy“.

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Der Comic – von der New York Times damals als Buch des Jahres ausgezeichnet – trägt den Untertitel „A Family Tragicomic“. In der deutschen Fassung wurde hieraus das doppeldeutige „Eine Familie von Gezeichneten“, was ich mindestens genauso treffend finde. Neben seiner Tätigkeit als Bestatter ist Bruce High-School-Lehrer für Englisch und sammelt Antiquitäten, aus denen er das Familienhaus zu einem ebenso faszinierenden wie gefühlskalten Museum werden lässt. Während er in seinem Sinn für Ästhetik aufgeht, kann er seinen Kindern nur selten Wärme entgegenbringen und ist oft unnahbar. Mit 19 Jahren sammelt Alison im College erste sexuelle Erfahrungen mit einem Mädchen, outet sich ihren Eltern – und vier Monate später tritt ihr Vater vor einen Truck und wird überfahren. Er war selbst schwul, hatte während seiner Ehe zahlreiche Affären mit anderen Männern (einige von ihnen minderjährig) und ging an dieser Last zugrunde.

All das erfahren wir in den ersten zehn Minuten des Musicals. Alison steht in drei Stationen ihres Lebens auf der Bühne: als kleines Mädchen, als Studentin und als erwachsene Frau, die noch immer nicht mit dem Suizid ihres Vaters abgeschlossen hat und versucht, ihre Gefühle durch das Schreiben des Comics zu verarbeiten. Genau wie der Comic ist auch das Musical nicht chronologisch erzählt und die Erinnerungen aus Alisons Vergangenheit schwirren wie einzelne Bilder und Sprechblasen um sie herum. Das Projekt startete mit einer „sehr beängstigenden leeren Seite“, erinnert sich der Regisseur Sam Gold im Programmheft. „Das Buch ist nicht linear, es gibt keinen Protagonisten, keine Handlung und so gut wie keine Szenen.“

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Dass hieraus ein stringentes, ineinander schlüssiges und packendes Musical entstehen konnte, ist der Verdienst von Lisa Kron und Jeanine Tesori. 2015 schrieben sie Geschichte – Fun Home ist das erste mit Tony Awards für das Buch und den Score ausgezeichnete Musical, das ausschließlich von Frauen geschrieben wurde. Kaum zu glauben, dass Fun Home die erste Musicalarbeit der Dramatikerin Lisa Kron ist, aber vielleicht erklärt gerade das, warum ihr Buch und ihre Gesangstexte so erfrischend anders und überhaupt nicht verhaftet in festgefahrenen Genrekonventionen sind. Es ist beeindruckend, mit was für einem scharfen Blick sie auf kleine Details im Comic schaut und um sie herum eine Szene und ein Lied aufbaut.

Jeanine Tesori komponiert schon seit zwei Jahrzehnten innovative und bahnbrechende Scores und ist meine absolute Heldin. Ich könnte ihr in Interviews stundenlang beim Reden zuhören. (Schaut euch unbedingt mal dieses Video der Dramatists Guild Foundation an, in dem sie mit Stephen Schwartz in seiner New Yorker Wohnung ein extrem interessantes Gespräch führt.) In der Londoner Musicalszene wird ihr dieses Jahr endlich mal die gebührende Wertschätzung zuteil. Im Frühjahr lief im wunderschönen Hampstead Theatre eine überragende Inszenierung ihres anspruchsvollen Werks Caroline, or Change, die mich vollkommen beeindruckte und nach euphorischen Kritiken im Winter ins West End transferieren wird.

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Die Musicalbranche ist noch viel zu sehr von Männern dominiert, vor allem im deutschsprachigen Raum. Ich denke, es spricht für sich, dass Shrek bisher Tesoris einziges Musical ist, das schon im deutschsprachigen Raum aufgeführt wurde. Alle ihre anderen Werke – Violet, Thoroughly Modern Millie, Caroline, or Change und Fun Home – haben weibliche Protagonistinnen, und sie alle glänzen auf unseren Bühnen mit schmerzlicher Abwesenheit. Immerhin feiert Millie diesen Herbst seine deutschsprachige Erstaufführung, trotzdem gibt das einem zu denken. Aber hey, immerhin können wir uns über den fünfmillionsten Aufguss von My Fair Lady und Jesus Christ Superstar freuen. Wir haben noch so einen weiten Weg vor uns.

Am Broadway wurde Fun Home damals im Circle in the Square Theatre in the round gezeigt. Die Spielfläche befand sich in der Mitte und das Publikum saß in 360 Grad um die Bühne herum. Das war eine sehr intime Theatersituation und gewährte einen intensiven, fast schon voyeuristischen Einblick in etwas, das sich so privat und persönlich anfühlte. Hier bestand keine schützende Distanz zwischen dem Ensemble und den Zuschauern, die Darsteller waren dem beobachtenden Blick mit all ihrer Verletzlichkeit ausgesetzt.

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Im Young Vic kehrt Fun Home zu seinen Wurzeln zurück. Wie schon am New Yorker Public Theater, wo das Musical 2013 vor seinem Broadway-Transfer uraufgeführt wurde, zeigt Sam Gold in London wieder seine ursprüngliche Proszenium-Inszenierung. Die Broadway-Version war selbstverständlich intim auf eine Weise, wie sie mit einer traditionellen Guckkastenbühne gar nicht möglich wäre – und doch funktionierte das Stück für mich überraschenderweise in der Proszenium-Inszenierung noch besser. Das wurde mir vor allem bei der zweiten von mir besuchten Vorstellung im Young Vic bewusst. Nachdem ich mich am Abend zuvor aus der zweiten Reihe von der emotionalen Wucht hatte überrollen lassen, überblickte ich in der nächsten Matinée vom hinteren Ende des Zuschauerraums das Bühnengeschehen.

Hier griffen alle Zahnräder perfekt ineinander, von Sam Golds Regie über Danny Meffords Choreografie und Ben Stantons Lichtdesign bis zu David Zinns Ausstattung, die den atemberaubendsten Szenenwechsel bereithält, den ich seit Jahren (oder jemals?) auf einer Bühne gesehen habe. Die Band unter der musikalischen Leitung von Nigel Lilley ist auf zwei Podien im linken und rechten Hintergrund platziert – ständig im Halbdunkel sichtbar, ohne in irgendeiner Weise vom Geschehen abzulenken.

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Ab dem Moment, als Fun Home für London angekündigt wurde, hatte ich nur einen Besetzungswunsch: Jenna Russell als Alisons Mutter Helen. Ich konnte mir keine geeignetere Darstellerin vorstellen und meine Freude war groß, als sie vor einigen Monaten tatsächlich für diese Rolle bestätigt wurde. Auf der Bühne des Young Vic erweist sie sich als Idealbesetzung und liefert im letzten Drittel des Abends eine berührende Darbietung von „Days and Days“.

Besonders intensiv sind ihre konfrontativen Schauspielszenen mit Zubin Varla als Bruce. Es ist eine komplizierte Rolle, die viel von ihrem Darsteller abverlangt. Varla scheut sich nicht davor, die unsympathischen Seiten von Bruce ungeschönt auszuspielen. Gleichzeitig macht er die innere Zerrissenheit des Familienvaters deutlich spürbar. Seine Stimmfarbe unterscheidet sich stark von Michael Cerveris, der die Rolle am Broadway spielte, wodurch gesanglich eine sehr spannende neue Charakterzeichnung entsteht.

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Ashley Samuels spielt vom Babysitter Roy über einen High-School-Schüler von Bruce bis hin zum Frontmann einer fiktiven Band in der Partridge-Family-Traumsequenz „Raincoat of Love“ alle männlichen Nebenfiguren, die in Alisons Erinnerungen an ihre Kindheit auftauchen. Er überzeugt mit charismatischem Schauspiel und wunderschönem Gesang, von dem man gerne mehr hören möchte.

Als erwachsene Alison steht Kaisa Hammarlund auf der Bühne. Die in Schweden geborene Darstellerin hat in den vergangenen Jahren in der britischen Musicalszene Fuß gefasst und kann in dieser Rolle eine vollkommen neue Seite von sich zeigen. Obwohl sie sich in vielen Szenen nur als stille Beobachterin im Hintergrund aufhält, ist ihre Präsenz immer spürbar und wenn sie am Ende des Abends schließlich im berührenden Lied „Telephone Wire“ mit ihrer ganzen Seele in ihre Erinnerung an die letzte gemeinsame Autofahrt mit ihrem Vater eintaucht, ist das einer der emotionalsten Momente des Stücks.

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Die Nachwuchsschauspielerin Eleanor Kane erweckt die Unbeholfenheit der mittleren Alison so liebenswert zum Leben, dass man sie einfach nur in den Arm nehmen möchte. Das Lied „Changing My Major“, in dem sich all ihre chaotischen und ungefilterten Gefühle am Morgen nach ihrem ersten Mal entladen, ist einer der vielen Höhepunkte des Stückes und erntet vom Publikum tosenden Beifall. Es ist ein Moment, der deutlich macht, wie unterschiedlich Alison und ihr Vater mit ihrer Homosexualität umgehen (können) und dass Alison Teil einer neuen Generation ist, für die das Coming-out (bei allen Schwierigkeiten, die es in einer heteronormativen Gesellschaft bereithält) ein Befreiungsschlag ist, der ihr die Tür zu einem neuen Leben öffnet.

Als ich Fun Home 2015 in New York sah, hatte ich gerade mein Abi gemacht und mein eigenes Coming-out lag weniger als ein Jahr zurück. (Natürlich in Zeiten ganz anderer queerer Sichtbarkeit und Toleranz, als das für Alison 1980 der Fall war.) Damals war ich im selben Alter wie die mittlere Alison im Stück, und doch konnte ich mich diesmal bei meiner erneuten Begegnung mit dem Material in London noch viel stärker mit ihr identifizieren. Mittlerweile bin ich selbst Student und habe die Erfahrung gemacht, wie sehr das Leben auf dem Campus und das akademische Umfeld in den Geisteswissenschaften (die 1980 selbstverständlich noch viel elitärer waren) mit einem Erwachen von politischem Bewusstsein und Aktivismus einhergehen.

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Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich die Figur von Joan – Alisons erster Freundin, die sie im College kennenlernt – so sehr liebe. Was für eine coole Socke sie einfach ist. Your swagger and your bearing and the just right clothes you’re wearing, Cherrelle Skeete! Ohne Witz, Joan verdient doch ihre eigene Netflix-Serie. Ich würde sie sowas von bingewatchen.

Die drei jungen Bechdel-Geschwister Alison, Christian und John wurden in beiden besuchten Vorstellungen von Harriet Turnbull, Archie Smith und Eddie Martin gespielt. Vor allem in „Come to the Fun Home“, einem Fantasie-Werbespot für das Bestattungsinstitut, den die Kinder beim Spielen performen, bringen sie mit ihrer Hommage an die Jackson Five das Young Vic zum Beben. Dass Jeanine Tesori ein Händchen dafür hat, Musik für dreidimensionale Kinderrollen zu schreiben, habe ich vor einigen Monaten bereits in meiner Review zu Caroline, or Change geschrieben. Die junge Alison in Fun Home ist emotional die vielschichtigste Kinderrolle in einem Musical, die ich kenne.

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Am Broadway wurde die kleine Alison von der elfjährigen Sydney Lucas gespielt, die für ihre Darbietung eine Tony-Nominierung erhielt. Damals war ich tief beeindruckt von ihrer Leistung und bin schon wieder kurz davor, zu sagen, dass sie „ihrem Alter weit voraus“ war. Aber vielleicht könnten wir auch einfach mal alle anfangen, Kindern mehr emotionale Intelligenz zuzutrauen, als wir das in unserer Gesellschaft kollektiv tun. Während Sydney Lucas die Rolle ernster und selbstreflexiver spielte, wirkte Harriet Turnbulls kleine Alison in London unschuldiger und naiver. Beide Interpretationen waren auf ihre Weise effektiv und vor allem, als ich sie zum zweiten Mal sah, traf auch Harriet Turnbulls Alison bei mir mitten ins Herz.

Der kleinen Alison gehört in Fun Home die berührendste Szene: Als sie mit ihrem Vater in einem Diner sitzt, sieht sie plötzlich eine Paketlieferantin hereinkommen, die anders aussieht als alle Frauen, die sie je gesehen hat. Sie hat ein maskulines Auftreten, trägt kurze Haare, Kampfstiefel und eine Latzhose. An ihrem Gürtel hängt ein Schlüsselbund. Im Comic ist dies ein winziges Detail, nach dem Lisa Kron das Lied benannt hat: „Ring of Keys“. Die Butch-Lesbe ist sonst immer nur die Pointe in dummen Witzen und in der Vorstellung vieler Menschen mit negativen Stereotypen verbunden. Für Lisa Kron und Jeanine Tesori bestand beim Schreiben des Liedes die große Herausforderung darin, dass die Beschreibung dieser Frau beim Publikum nicht das vorprogrammierte Lachen hervorruft.

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In „Ring of Keys“ geht es nicht um Liebe, sondern um Identifikation. Vor allem in den letzten zehn Jahren hat sich sehr viel geändert, was queere Sichtbarkeit in Filmen, Serien und insgesamt in unserer Gesellschaft betrifft, aber auch ich bin in meiner Kindheit mit null Repräsentationsfiguren aufgewachsen und kann genau nachvollziehen, was mit Alison in diesem Lied passiert. Das Publikum sieht die fremde Frau durch die Augen eines kleinen Mädchens, dem sich zum ersten Mal in seinem Leben eine Option eröffnet, für die es erst Jahre später ein Vokabular finden kann.

Eigentlich ist „Ring of Keys“ ein harmloses Lied. Es ist überhaupt nicht sexualisiert, sondern es geht darum, sich in jemandem zu erkennen. Warum ist es dann trotzdem so revolutionär? Weil es eine riesige Bedrohung für Erwachsene darstellt, die in ihrer heteronormativen Welt eine idiotische Angst davor haben, dass nicht alle Kinder heterosexuell sind. Als würde Homosexualität erst mit 16 Jahren passieren und davor sind alle Kinder straight by default. Als würde es queere Menschen nicht schon im Kindesalter grundlegend in ihrer Identität prägen, nicht einem vollkommen eingeschränkten kulturellen Bild von Maskulinität oder Femininität zu entsprechen.

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Warum ist das so wichtig? Diesen Herbst kommt mit Boy Erased ein Film basierend auf Garrard Conleys Memoiren ins Kino, in dem es um „Reparativtherapie“ geht. Als schwuler Teenager wurde Conley in ein Camp geschickt, damit ihm seine Homosexualität ausgetrieben wird. Dieser Mist passiert noch immer in Texas. Gerade erst wurde in Ungarn eine Produktion von Billy Elliot abgesagt, weil Eltern Angst davor hatten, dass das Musical ihre Kinder „schwul machen“ würde. Es ist 2018. (Und es ist genau derselbe Fall: Vor erwachsenen männlichen Balletttänzern hat man in Ungarn keine Angst, aber wehe, kleine Jungen tun etwas „für Jungen Untypisches“. Bäm, Sodom und Gomorra.)

Im Coming-of-Age Film Love, Simon, der dieses Jahr ins Kino kam, gibt es eine humorvolle Rückblende, in der Simon sich an sein sexuelles Erwachen erinnert. Als Junge hatte er einen Monat lang immer wieder denselben Traum von Daniel Radcliffe, was ihn schließlich dazu führte, sein Harry Potter-Poster von der Schlafzimmerwand zu reißen. In diesem Flashback ist Simon zehn Jahre alt. Der Moment wirkte beiläufig und war in lockerem Ton erzählt, aber für mich war es die bahnbrechendste Szene des Films. Genau wie „Ring of Keys“ war sie unschuldig und in keinster Weise sexualisiert.

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Wenn ich zurückdenke, war es für mich in meiner Jugend selten, überhaupt schon erwachsene schwule Männer in Mainstream-Filmen zu sehen, und wenn, waren sie meistens sehr klischeehaft aus heterosexueller Perspektive dargestellt. Queere Jugendliche waren in meiner Kindheit komplett unsichtbar. Glee war für mich überhaupt das erste Mal, dass ich zwei schwule Teenager in einer Serie oder einem Film küssen sah. So etwas passierte damals sonst nur in Indie-Streifen weit ab vom Mainstream. Das war 2011. Das ist nicht einmal zehn Jahre her. Kinder, die sich anders fühlen, sehen sich nirgendwo repräsentiert. Deswegen ist eine Szene wie die in Love, Simon wichtig. Deswegen ist „Ring of Keys“ wichtig. Newsflash: Es macht kleine Mädchen nicht lesbisch, „Ring of Keys“ zu hören. Aber lesbischen Mädchen kann es die Welt bedeuten, sich repräsentiert zu sehen.

Es ist sehr passend, dass das Lied „Ring of Keys“ heißt. In den 1960ern und 1970ern galt der Schlüsselbund in queeren Communities in den Vereinigten Staaten (ähnlich wie Ohrringe und andere codierte Accessoires) als Erkennungssymbol. Was natürlich noch viel offensichtlicher ist: Schlüssel öffnen neue Türen. Mit Fun Home hat das Young Vic diesen Sommer  eine neue Tür in der Londoner Musicalszene geöffnet. Wie schön es wäre, wenn diese Tür im deutschsprachigen Raum auch nicht mehr allzu lange verschlossen bleibt.


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FUN HOME – Young Vic Theatre, London; Musik: Jeanine Tesori; Buch und Gesangstexte: Lisa Kron; Regie: Sam Gold; erste Preview: 18. Juni 2018; Premiere: 27. Juni 2018; rezensierte Vorstellungen: 31. Juli 2018 (Abend) & 1. August 2018 (Matinée)

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