BARE in Darmstadt: Eine emotionale Rückkehr zum Soundtrack meiner Jugendzeit

Viele Musicals haben für mich aus unterschiedlichen Gründen eine besondere Bedeutung. Manche, weil sie meine Leidenschaft für das Genre entfacht haben, andere, weil ich sie mit einer bestimmten Reise verbinde, wieder andere, weil sie mir durch eine schwere Zeit geholfen haben. Bare: A Pop Opera war für mich einer dieser Weggefährten. In den letzten Jahren habe ich mir das Cast-Album nur noch selten angehört, aber ich werde nie vergessen, wie intensiv das Stück mich in einer schwierigen Phase meines Erwachsenwerdens begleitet hat.

Als ich noch zur Schule ging, hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal die Gelegenheit bekommen würde, Bare live in Deutschland zu sehen. Hierzulande kam die Show mir manchmal noch für einen Geheimtipp zu geheim vor, da sie selbst den leidenschaftlichsten Musicalfans oft kein Begriff war. Umso mehr freute ich mich, als die musische gruppe auerbach ankündigte, Bare im November 2018 – zwei Monate nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Bamberg – in Darmstadt zu spielen. Die acht Vorstellungen waren komplett ausverkauft, bevor ich meine Karte buchen konnte, aber das Universum wollte wohl nicht zwischen mir und meinem Coming-of-Age-Flashback stehen und so schaffte ich es mit riesigem Glück doch noch in letzter Sekunde in eine der Vorstellungen.

In vielerlei Hinsicht läutete Bare mit seiner Uraufführung 2000 in Los Angeles das Zeitalter der kontemporären Teenager-Musical-Dramen mit energiegeladenen Rock-Pop-Scores ein. Auch, wenn das Stück es im Gegensatz zu kommerziell erfolgreicheren Shows wie Spring Awakening und Dear Evan Hansen nie an den Broadway schaffte, ist der Einfluss des Stückes auf dieses Subgenre und eine Generation an Musicalfans nicht zu unterschätzen.

© Tim Hartl

In der selbsternannten Pop-Oper aus der Feder von John Hartmere und Damon Intrabartolo geht es um eine Gruppe von Highschool-Schülern auf einem katholischen Internat, die sich alle im Konflikt mit ihrem Umfeld und der eigenen Identität befinden. Im Zentrum stehen Peter und Jason, die heimlich eine Beziehung führen. Während Peter sich bereit fühlt, öffentlich zu seiner Liebe zu stehen, fürchtet Jason sich vor der Reaktion seiner homophoben Eltern und der intoleranten Gesellschaft, die ihn immer weiter einengt.

Bare ist keine unbeschwerte Romanze, sondern ein tragisches und bedrückendes Lehrstück, in dem das Coming-out mit großem Schmerz und panischen Ängsten verbunden ist – was sicherlich die Erfahrung vieler Teenager um die Jahrtausendwende (insbesondere in konservativen, streng religiösen Kreisen) authentisch widerspiegelt.

In den 18 Jahren seit der Uraufführung hat sich unheimlich viel getan, was queere Sichtbarkeit und Akzeptanz in der Öffentlichkeit angeht. Es tut weh, daran zu denken, was für eine Resonanz die Worte „There’s no such thing as heroes who are queer“ gehabt haben müssen, als sie zum ersten Mal gesungen wurden. Wie viele einsame Jugendliche sie damals gehört und in schmerzhafter Zustimmung genickt haben müssen, weil es für sie in der Öffentlichkeit tatsächlich keine Helden gab, an denen sie sich orientieren konnten. Und wenn, dann höchstens in kleinen Indie-Produktionen, zu denen sie oft überhaupt keinen Zugang hatten.

Glücklicherweise haben uns in den letzten Jahren viele queere badass Helden den Weg geebnet. Ich habe Seite an Seite mit Kurt Hummel und Santana Lopez meine Schulzeit bestritten. Dieses Jahr kam die Romanverfilmung Love, Simon ins Kino und das kürzlich erschienene Jugendbuch What If It’s Us von Becky Albertalli und Adam Silvera führt gerade die YA-Bestsellerlisten an. Es bedeutet viel, heute so positive, leichtherzige und lebensbejahende LGBTQ-Geschichten im Unterhaltungs-Mainstream zu sehen. Aber verdammt, wie viel muss es Leuten vor 18 Jahren bedeutet haben, als Bare plötzlich da war? Wie viele Jugendliche in den frühen 2000ern haben diese Show entdeckt und sich – vielleicht zum allerersten Mal in ihrem Leben – gesehen und gehört gefühlt?

Nun saß ich also 18 Jahre nach der Uraufführung in Darmstadt, in der intimsten Spielstätte, in der ich jemals ein Musical besucht habe – in einem Saal, der weniger als hundert Zuschauer fasst. Das Saallicht ging aus, die ersten Töne von „Epiphanias“ erklangen und plötzlich passierte etwas mit mir, das ich noch nie auf diese Weise in einem Theater erlebt habe. Schon gleich bei der ersten Szene hatte ich einen Kloß im Hals und dieses Gefühl, jeden Moment in Tränen ausbrechen zu müssen, verließ ich mich bis zum Finale nicht.

© Tim Hartl

Die Liste meiner gesehenen Shows verrät mir, dass ich in den letzten zwölf Jahren auf 122 Musicalbesuche komme. Ich kann mit fester Überzeugung sagen, dass ich noch nie, noch nie, noch nie in meinem Leben so eine emotionale Reaktion auf einen Theaterabend hatte wie bei Bare in Darmstadt. Bis zu diesem Moment existierten die Lieder für mich nur als MP3-Dateien oder pixelige Youtube-Videos. Von der Wucht, sie zum ersten Mal in meinem Leben live aufgeführt zu sehen, wurde ich förmlich erschlagen.

Ich werde nie vergessen, was es für ein Gefühl war, während meiner Schulzeit Bare zu entdecken und zum ersten Mal „Role of a Lifetime“ zu hören. Und „Best Kept Secret“. Und „Ever After“. Und „Pilgrim’s Hands“. Und „Absolution“. Wie diese Liedtexte so poetisch und gleichzeitig so ehrlich all die verwirrenden Gedanken in Worte fassten, die mir damals durch den Kopf gingen. Wie dieses Album mir plötzlich eine ganz neue Welt eröffnete.

Irgendwann wurde das zu meinem Ritual. Von der Schule heimkommen, die Zimmertür schließen, den Ranzen in die Ecke schmeißen, mich ins Bett legen, die Kopfhörer anziehen und Bare so laut aufdrehen, dass die Welt um mich herum ausgeblendet wurde. Wie gut, dass ich meine Musikbibliothek auf meinem Smartphone hören konnte und die Dauerschleife keine Abnutzungsspuren hinterließ. Anders wäre meine Bare-Doppel-CD wahrscheinlich nach einer Weile so verkratzt gewesen, dass ich sie gar nicht mehr hätte abspielen können.

Wenn man als ungeouteter Jugendlicher zum ersten Mal unglücklich verliebt ist, aber bei allen Herzschmerz-Songs aus dem Radio die Pronomen nicht stimmen, klammert man sich umso fester an die wenigen Lieder, von denen man sich verstanden fühlt. Vor allem Peter sang meinem Teenager-Ich aus der Seele, aber ich weiß auch nicht, wie oft ich „Quiet Night at Home“ hörte, wenn ich einen weiteren Freitagabend allein in meinem Zimmer verbrachte. Ich konnte immer auf Bare zählen, wenn ich wieder einen kryptischen, super dramatischen WhatsApp-Status wie „So we drive ourselves insane, spinning circles in our souls as we dance around and play pretend“ brauchte.

Viele Musicals, die ich damals hörte, begleiteten mich immer weiter, vom Abitur über mein Gap Year und den Studienbeginn bis in die Gegenwart. Aber Bare machte diesen Weg nicht mit. Ich hatte die Show damals zum richtigen Zeitpunkt in meinem Leben entdeckt und der Schwermut des Stoffes war genau das, was ich zu dieser Zeit brauchte. Aber meine Bare-Reise war ebenso intensiv wie zeitbegrenzt.

© Tim Hartl

Viele von uns haben doch diese eine Playlist, die man so sehr mit einem Menschen verbindet, mit dem man am liebsten einen auf Eternal Sunshine of the Spotless Mind machen möchte, dass man erst mal tausend Kilometer Abstand von ihr nimmt. Vielleicht stand mir nach so viel Zeit, die ich mit diesem schwermütigen Stoff verbracht hatte, auch einfach der Sinn nach positiveren Geschichten, in denen schwule Jungs ein Happy End haben können. Also hörte ich Bare irgendwann nicht mehr so oft. Umso intensiver war das Erlebnis, nun mit ein paar Jahren Abstand zu dem Stück zurückzukehren und es erstmals live zu sehen.

Dem Gesamt- und Chorleiter John Weise und dem Regisseur Mathias Linder ist in Darmstadt eine packende Inszenierung gelungen, der man in jeder Sekunde anmerkt, mit wie viel Liebe und Leidenschaft das ganze Team auf und hinter der Bühne agiert.

Die Choreografien (Jana Weiner, Swantje Dittman, Rebecca Göbel) entwickeln in den Gruppenszenen eine starke, geradezu entfesselte Dynamik. Die Kostüme (Petra Reddig, Yvonne Fischer, Xenia Vaas) kleiden alle Figuren authentisch ein. Besonders hervorzuheben sind die Letterman-Jacken, die alle mit dem Schullogo des St. Cecilia-Internats versehen sind und so ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln, sowie die liebevollen Kostüme, die von den Schülern während der Romeo & Julia-Aufführung getragen werden.

Das Bühnenbild von Kirsten Haupt und Mathias Linder ist angenehm reduziert. Bare ist eine Show, die auch mit wenigen Mitteln auskommt und bei der die Lieder und Figuren im Mittelpunkt stehen. Dieser Fokus auf die Darsteller gelingt hier wunderbar. Das Lichtdesign von Maximilian Kannapinn ist stimmungsvoll und sorgt für eindrucksvolle Bilder – vor allem, wenn Peter und Jason vor der Bühne stehen und das emotionale Duett „Unser Schweigen“ singen, während im Hintergrund die Rave-Szene in Zeitlupe weiterläuft.

Die deutsche Fassung der Gesangstexte wurde von dem Übersetzungsteam der Darmstädter Produktion (Marius Tritschler, Johannes Balzer, Patrik Keufen) überarbeitet und gehört ohne Witz zu den besten Übersetzungsarbeiten für die Theaterbühne, die ich je in meinem Leben gehört habe. Vor allem bei kontemporären Musicals mit moderner Musik und Ausdrucksweise ist die Übersetzung eine riesige Herausforderung und hier entsteht im deutschsprachigen Raum oftmals eine große Diskrepanz, wenn deutsche Fassungen von Autoren angefertigt werden, die kaum Bezug zu der entsprechenden Jugendsprache haben.

Die Darmstädter Bare-Übersetzung ist das perfekte Beispiel dafür, was passiert, wenn man diese Aufgabe endlich mal jungen Leuten überlässt, die für das Projekt brennen und perfekt mit dem modernen Vokabular umgehen können. Die originalen Liedtexte von Bare liegen mir so sehr am Herzen und haben für mich eine enorme emotionale Bedeutung und ich kann vor dieser Leistung, sie so verlustfrei und authentisch ins Deutsche zu übertragen, einfach nur in die Knie gehen. Die Lyrics klingen immer noch genauso poetisch, ehrlich und intelligent, die gewählten Formulierungen und sprachlichen Bilder sind idiomatisch und die Texte liegen so organisch auf der Musik. In dem liebevoll gestalteten kostenlosen Programmheft findet sich ein spannender Text über die Entstehung der deutschen Fassung. Übersetzende Ingenieure, Designer und Mathematiker an die Macht! Danke, dass ihr den Helden meiner Jugend so toll Deutsch beigebracht habt.

© Tim Hartl

Die Maske und Frisuren (Xenia Vaas, Gina Boesebeck) und die Lichttechnik (Gülcan Weise) runden den positiven Gesamteindruck ab. Ein besonderes Lob gebührt auch der Tontechnik (Stephan Zink), da die großartige und druckvoll spielende Band The Wolfwalk Experience (Achim Stein, Alex Mrozek, Bobby Seither, Martyn Dhan-Weller, Wolfgang Schneider) stets im Gleichgewicht mit den Darstellern ist, die alle wohlgemerkt ohne Mikrofone singen!

Peter ist der große Sympathieträger der Geschichte und wird in Darmstadt von Daniel Schulte verkörpert. Er belegte Anfang des Jahres den 2. Platz beim Landeswettbewerb von „Jugend musiziert“ in Wuppertal und beeindruckt auch hier mit großem darstellerischem und gesanglichem Talent. Seine Rolle erfordert starke Immersion in emotionale Ausnahmesituationen und seine Darbietung war so glaubwürdig, dass mir in einigen Szenen wie „Vergebung“ vor Betroffenheit wirklich schlecht wurde.

Am meisten tat aber wahrscheinlich das Telefongespräch mit seiner Mutter im zweiten Akt weh. Ich weiß nicht, ob ich jemals zuvor eine Theaterszene gesehen und dabei selbst so einen großen körperlichen Schmerz gespürt habe. Was diese Szene auch so intensiv macht, ist die packende Darbietung von Ines Maier als Peters Mutter Claire.

Ihr Lied „Warnung“ ist so frustrierend – Peter wünscht sich so sehr, wahrgenommen zu werden und seine Mutter weigert sich, die Wahrheit zu sehen – und es zeigt auf bedrückende Weise, dass Eltern nicht immer wissen, was das Beste für ihre Kinder ist. Gleichzeitig übermittelt Ines Maier den Schmerz und die Sorge von Claire so überzeugend. Der Moment, in dem sie mit Tränen in den Augen vor der Bühne steht, ohne einen schützenden Abstand zu den Zuschauern, und ihre Emotionen so intim offenlegt, wird mich noch lange verfolgen.

Dass die Geschichte von Jason und Peter für das Publikum so eine starke Wirkkraft entfalten kann, liegt auch daran, dass Daniel Schulte und sein Bühnenpartner Patrik Keufen so eine große Chemie haben. Patrik Keufen liefert eine wahnsinnig professionelle Leistung ab und ich finde es einfach nur unfassbar, dass er hier zum ersten Mal vor Zuschauern spielt und singt. Vor allem machte seine Darbietung mir bewusst, was für eine komplexe Rolle Jason eigentlich ist. Während Peter es dem Publikum von Anfang an sehr leicht macht, sich mit ihm zu identifizieren und mit ihm zu fühlen, wirkt Jason in der ersten Hälfte häufig unnahbar.

Der stärkste Moment des Abends war deswegen für mich, als Jason sich in „Kreuz“ im zweiten Akt endlich öffnet. „Bare“ bedeutet so etwas wie bloß, entblößt, blank, nackt, kahl, freiliegend, ungeschützt. „Kreuz“ ist Jasons Moment der bareness, nachdem er sich den Zuschauern gegenüber so lange verschlossen hat. Ähnlich wie in Peters Telefonat mit seiner Mutter tut es so unendlich weh, zu sehen, wie Jason hier von dem Priester (eindringliches Schauspiel: Johannes Balzer) abgewiesen wird und Patrik Keufens tiefer Blick sagt in diesem Moment mehr als tausend Worte.

© Tim Hartl

Neben Jason und Peter ist auch Ivy eine extrem spannende Figur, und die Rolle ist bei Marina Hardt-Mitidieri in den besten Händen! Bereits „Mädchen im Portrait“ im ersten Akt ist einer der Höhepunkte des Abends, doch vor allem mit „Ich bin jetzt groß“ gelingt es ihr, ein großes gesangliches und darstellerisches Ausrufezeichen zu setzen. Man merkt, wie intensiv sie sich mit ihrer Rolle auseinandergesetzt hat. In den Schauspielszenen übermittelt sie unheimlich viel mit sorgsamer Intonation, kleinen Gesten, verunsicherten Blicken und kurzen Sprechpausen. Von so einer nuancierten Schauspielleistung können sich noch viele Profis eine Scheibe abschneiden!

Gina Boesebeck stand in der besuchten Vorstellung als Jasons Schwester Nadia auf der Bühne und lieferte die gesangliche Leistung, die mich am nachhaltigsten beeindruckte. Was für eine Wahnsinnsstimme! Dazu hat sie ein großes komödiantisches Talent und sorgt beim Publikum für viele Lacher, aber lässt gleichzeitig spüren, dass Nadias fieser Humor nur ein Schutzpanzer ist, unter dem sie einen großen Schmerz mit sich herumträgt. Es ist ein zutiefst bewegender Moment, wenn sie diese Gefühle in dem wunderschönen Solo „Ein Abend nur für mich“ im Stillen mit sich verhandelt.

In der Rolle der mütterlichen Schwester Chantelle erweist Yvonne Fischer sich als wahrer Glücksgriff. Der Comic Relief, für den sie zwischen den vielen bedrückenden Momenten sorgt, ist einfach nur Gold wert! Viele emotionale Szenen nahmen mich ganz schön mit, aber umso breiter war mein Grinsen während „112! Ein Notfall hier!“ und „Gott baut keinen Scheiß“. Der frenetische Beifall des Publikums sprach für sich.

Als Matt singt Tobias Conrad im Duett mit Peter eines der schönsten Lieder, das die Partitur bereithält – „Bist du da?“. In dem Song entlädt sich so viel aufgestaute Wut und er stellt viele Fragen, auf die es für die Jugendlichen in Bare keine Antworten gibt. Sinh Duc Dao füllte die Rolle des Lucas in der besuchten Vorstellung mit viel Charisma aus und begeisterte vor allem mit seinem Rap-Part in „Wunderland“.

Insgesamt entfaltet das Ensemble eine wahnsinnige Energie. Ich liebte es, wie viele Leute in den Massenszenen die kleine Bühnenfläche mit Leben füllten. Außerdem wurde so auf sinnbildliche Weise das einengende Gefühl, das viele der Schüler in ihrer Adoleszenz empfinden, verdeutlicht. Jedes einzelne Ensemblemitglied war immer vollkommen in dem Moment. Eine solche Spielfreude und Leidenschaft ist unbezahlbar!

Neben den genannten Darstellern sind in der Bare-Produktion in Darmstadt noch Sabina Mujcinovic, Nathan Friedlander, Maike Wallner, Janika Heinrich, Marius Tritschler, Xenia Vaas, Sophia Wittig, Sadie Schmidt, Sina Martin, Doro Maier, Maximilian Kannapinn, Victor Steinmann, Jana Weiner, Alina Dallmann, Alisa Eifler, Andrea Jung, Kirsten Haupt, Lukas Haussmann, Mara Pitz, Robert Bruns, Sonia Salman, Sonja Karl, Sophie Wittig, Steffi Stuckenholz, Swantje Dittmann, Victor Steinmann und Yvonne Weigand zu sehen.

© Tim Hartl

Während des Stückes wurde ich die Frage nicht los, wo die Ursache für die Probleme und den vielen Schmerz liegt. Wer ist der Antagonist in Bare? Die Kirche? Die Generation der Eltern? Plötzlich kam mir ein Zitat aus Glee in den Sinn. Es ist keiner dieser ikonischen Glee-Sprüche, der immer wieder zitiert wird und den sich jeder Fan aufs Handgelenk tätowiert, aber er hat mich sehr stark geprägt – stärker vielleicht als jeder andere Spruch, der mir im Leben begegnet ist. Es ist die eine Weisheit, die ich am liebsten jedem Menschen mitgeben würde und die ich mir selbst immer wieder ins Gedächtnis rufen muss, wenn ich mir denke: „Scheiße, aber was werden die Leute von mir denken? Was, wenn mich alle seltsam anschauen?“

Shame is a wasted emotion.

So oft tobt in uns ein Chaos an Gefühlen. Auch unsere schlechten Tage haben eine Daseinsberechtigung. Traurigkeit? Sie gehört zu unserem Leben und wenn sie in uns aufkommt, müssen wir sie zulassen, anstatt sie zu unterdrücken. Wut? Wut kann so eine produktive Emotion sein. Viele weltbewegende Veränderungen wären nie zustande gekommen, wenn Leute nicht mit jeder Faser ihres Körpers wütend über den Status quo gewesen wären.

Aber Scham? Scham ist der wahre Antagonist von Bare. Ich hasse Scham. Sie ist überhaupt nicht natürlich. Wir werden nicht mit Scham geboren, wir kommen alle nackt – bare – auf die Welt und werden in eine Gesellschaft sozialisiert, die uns dazu erzieht, dass wir uns dauerhaft für unsere Identität schämen. Schäm dich dafür, dass du als Junge davon träumst, einen anderen Jungen zu küssen. Schäm dich dafür, dass dein Körper nicht in das unrealistische Idealbild der Gesellschaft passt. Schäm dich dafür, dass du als Mädchen sexuell aktiv bist.

Besonders deutlich wird dies in dem Verhältnis zwischen Nadia und Ivy, die sich auf St. Cecilia ein Zimmer teilen. Auf Nadias Slutshaming reagiert Ivy mit Bodyshaming. Dieser Abwehrmechanismus wird zum Teufelskreis. Schon als Kinder werden Mädchen dazu erzogen, sich gegenseitig runterzuziehen, anstatt sich zu unterstützen. Es ist schön zu sehen, wie Nadia und Ivy im Laufe des Stückes eine tiefe Freundschaft entwickeln und am Ende in der schlimmsten Zeit füreinander da sind. In einer Welt ohne Scham hätte diese tiefe Freundschaft vielleicht schon vom ersten Schultag an bestehen können. Im Finale „Ohne Stimme“ fragt sich Peter, wie eine einfache Liebe so kompliziert werden konnte. Eigentlich könnte es doch so einfach sein, wenn die Menschen als Spezies nicht so selbstzerstörerisch handeln und sich selbst so viele Steine in den Weg legen würden.

© Tim Hartl

Bare hat das Potenzial, etwas Großes in Bewegung zu setzen, und das ist 2018 immer noch genauso wahr wie 2000. Lange Zeit dachte ich, dass es für eine Show wie Bare in der deutschen Musicallandschaft gar keinen Platz gäbe. Für große Ensuite-Produktionen ist sie nicht geeignet und auch an vielen subventionierten Häusern kann man sie sich nur schwer vorstellen. Die musische gruppe auerbach liefert nun die Antwort. Bare ist bei einer Gruppe wie dieser – mit leidenschaftlichen, talentierten jungen Leuten – in den besten Händen.

Ihr macht die Arbeit von Helden, jeder und jede Einzelne von euch! Vielleicht sitzt eine junge Person im Publikum, der die Show dabei hilft, sich selbst zu akzeptieren. Vielleicht gibt es auch Zuschauer, denen ihr die Augen öffnet. In denen ihr Verständnis weckt. Die das Theater zwei Stunden später ein bisschen toleranter und empathischer verlassen, als sie es vorher waren. Mir habt ihr auf jeden Fall eine emotionale Rückkehr zu einer Show beschert, die früher mein Ein und Alles war, und dafür bin ich euch unendlich dankbar!


BARE – musische gruppe auerbach, Darmstadt; Buch: Jason Hartmere & Damon Intrabartolo; Liedtexte: John Hartmere; Musik: Damon Intrabartolo; Regie: Mathias Linder; Premiere: 10. November 2018; rezensierte Vorstellung: 17. November 2018


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