Jahresrückblick: Meine 20 Theater-Highlights 2019

Zum ersten Mal seit über einem Jahr habe ich es wieder geschafft, einen Artikel auf meinem Blog zu veröffentlichen. 2019 ist im Flug an mir vorbeigerast und hat mich mit vielen Beschäftigungen auf Trab gehalten, aber zumindest für meinen (mittlerweile) traditionellen Jahresrückblick wollte ich mir die nötige Zeit nehmen. Zwar konnte ich ihn nicht mehr wie ursprünglich geplant vor Silvester fertigstellen, aber trotzdem wollte ich meinen angefangenen Text nicht wieder im Entwurf-Ordner versinken lassen. [Hier Witz einfügen, dass mein Artikel ein ganzes Jahrzehnt zu spät kommt.]

Ich blicke auf ein Jahr mit vielen spannenden, inspirierenden und abwechslungsreichen Theaterbesuchen zurück, von denen die meisten mal wieder in London stattfanden. Da ich es unmöglich fand, mein Ranking auf nur zehn Theaterbesuche zu beschränken, erweiterte ich die Liste auf zunächst 15 und schließlich sogar 20 Plätze. Immer noch habe ich das Gefühl, viele tolle Stücke zu übergehen, die mich 2019 begeistert haben. Als „honorable mentions“ seien hier aus diesem Grund noch Once on This Island im Southwark Playhouse, Sweet Charity im Donmar Warehouse, All About Eve im Noël Coward Theatre, Equus in den Trafalgar Studios, On Your Feet im London Coliseum, The Lion, the Witch and the Wardrobe im Bridge Theatre, The Red Shoes im Sadler’s Wells (alle London), Ball im Savoy am Staatstheater Nürnberg und Jasper in Deadland am Theater für Niedersachsen in Hildesheim genannt.

Nicht berücksichtigt wurden Shows, die ich in der identischen Inszenierung und Produktion bereits zuvor gesehen habe – so etwa Come from Away und Company, die ich beide im März 2019 erneut besuchte und zu meinen schönsten Theaterstunden des Jahres zählen würde, allerdings schon in meinem Jahresrückblick 2018 platziert habe. Alle anderen Musicals und Theaterstücke, die ich 2019 in der entsprechenden Inszenierung zum ersten Mal sah, haben sich für meine Rangliste qualifiziert.


20. Little Miss Sunshine – Arcola Theatre, London

© Manuel Harlan

Um gleich mal mit einem Widerspruch in meine Bestenliste zu starten: Rein musikalisch gesehen ist Little Miss Sunshine eines der belanglosesten Werke, die ich je in meinem Leben gehört habe. William Finn gab sogar selbst zu, den gesamten Score innerhalb eines einzigen Nachmittags komponiert zu haben, und das hört man ihm auch an. Warum das Stück dann trotzdem einen Platz in meiner Top 20 verdient (und damit viele musikalisch stärkere Werke in meinem Ranking ausgestochen hat)? Ich hatte bei meinem Besuch im schnuckeligen Arcola Theatre einfach den Spaß meines Lebens.

Den Film von 2006 sah ich mir erst einige Monate nach dem Theaterbesuch an. Meiner Meinung nach kann das Musical die Melancholie und subtile Tiefgründigkeit der Vorlage nicht vollends einfangen, aber da das Libretto stark an das hervorragend geschriebene Drehbuch des Films angelehnt ist, bleibt die Geschichte an sich mit ihren liebenswerten Figuren auch auf der Bühne clever und erzählenswert. Dass der Abend so gut funktionierte, lag zu großen Teilen an der wunderbar aufeinander abgestimmten Besetzung, allen voran Laura Pitt-Pulford in der Rolle der Mutter. Ihr wunderschönes Lied „Something Better Better Happen“ und dessen beide Reprise-Versionen lassen durchschimmern, welches Potenzial dieses Musical hätte haben können, wenn William Finn noch ein paar weitere Nachmittage mit dem Projekt verbracht hätte.


19. Violet – Charing Cross Theatre, London

© Scott Rylander

Inmitten der vielen Eindrücke, die ich bei meinem London-Theatermarathon im März 2019 sammelte, ging Violet etwas unter, aber rückblickend betrachtet handelt es sich bei dem Stück um eines der Juwelen, an das man noch lange später mit einem wohligen Gefühl zurückdenkt. Jeanine Tesori ist meine Lieblings-Theaterkomponistin und London kann sich glücklich schätzen, innerhalb einer Saison in den Genuss von gleich drei ihrer besten Stücke – neben Violet noch Caroline, or Change und Fun Home – gekommen zu sein. (Die Londoner Produktionen von Caroline, or Change und Fun Home landeten beide im Ranking meiner Musical-Highlights 2018 unter den Top 5.)

Violet verfügt über einen wunderschönen Folk-Score und die Geschichte konnte sich auf der Rundbühne des (leider wie immer viel zu schlecht ausgelasteten) Charing Cross Theatre wunderbar entfalten. In der Titelrolle glänzte Kaisa Hammarlund, die bereits mit Fun Home im Young Vic bewiesen hat, dass Tesoris Material bei ihr in besten Händen ist.


18. White Christmas – Dominion Theatre, London

© Johan Persson

Ich war 2017 vollkommen überwältigt von dem 42nd Street-Revival im Theatre Royal Drury Lane und bereue im Nachhinein manchmal, es mir kein zweites, drittes und viertes Mal angeschaut zu haben. Als ich meine London-Reise im Dezember plante, stempelte ich White Christmas zunächst als verzichtbare Feiertagsshow ab, stellte aber bald fest, dass das Musical perfekt die 42nd Street-förmige Lücke in meinem Herzen füllen könnte. Und in dieser Hinsicht kam ich voll auf meine Kosten.

Zwar hat White Christmas (basierend auf dem gleichnamigen Film mit Bing Crosby) nicht die komplexteste Handlung zu bieten, aber dafür passierte auf der Bühne des Dominion Theatre genau die dynamisch getanzte Technicolor-Explosion, die ich mir erhofft hatte. Wenn es darum geht, den Charme alter Hollywood-Musicals einzufangen, sind Dan Burton und Clare Halse sowieso immer eine sichere Bank, und neben ihnen trugen auch Danny Mac und Danielle Hope dazu bei, dass White Christmas im Dominion Theatre mir eine vorweihnachtliche Nostalgiereise in eine vergangene Ära bescherte.


17. Die fabelhafte Welt der Amélie – WERK7, München

© Franziska Hain

Bei meinem ersten von zwei Fack ju Göhte-Besuchen 2018 verliebte ich mich schlagartig in das WERK7 im Münchener Werksviertel. Es bricht mir das Herz, dass dieses Experiment der Stage Entertainment nach weniger als zwei Jahren gescheitert ist und in der Spielstätte schon wieder endgültig die Lichter ausgegangen sind. Zwar war Fack ju Göhte für mich das bessere Stück und das Buch von Amélie wies für mich vor allem in der zweiten Hälfte große Schwächen auf, die Inszenierung von Christoph Drewitz hatte ihr Herz aber am rechten Fleck und sprühte nur so vor Einfallsreichtum und Detailverliebtheit.

Die immersive Nutzung des Raums mit den Bistrotischen in der ersten Reihe, die sich wunderbar in das Bühnenbild von Andrew Edwards einfügten, entschädigte für die Schwächen des Stücks, das den Reiz seiner Leinwandvorlage nicht immer einfangen konnte. Dafür erwies sich Sandra Leitner mit ihrem verträumten Auftreten als Idealbesetzung der Titelheldin. Neben ihr brillierte auch die restliche Besetzung – für mich das am besten aufeinander abgestimmte Ensemble in einer deutschsprachigen Produktion 2019. Erfreulicherweise wurde die Produktion auf einem Cast-Album verewigt, das wesentlich ausdrucksstärker und weniger seicht daherkommt als die Broadway-Aufnahme. Das liegt nicht zuletzt an Heiko Wohlgemuths lyrischen Liedtexten, die an vielen Stellen origineller, poetischer und stimmiger klingen als das Original.


16. A German Life – Bridge Theatre, London

© Helen Maybanks

Als ich hörte, dass Dame Maggie Smith im Alter von 84 Jahren wieder auf die Theaterbühne zurückkehren würde, hatte ich mein Ticket für A German Life schneller gebucht, als Professor McGonagall „babbling bumbling band of baboons“ sagen kann. In der Uraufführung dieser neuen One-Woman-Show plauderte Maggie Smith in der Rolle der Brunhilde Pomsel, die im zweiten Weltkrieg als Goebbels Sekretärin tätig war, aus dem Nähkästchen.

Am Abend vor meiner Reise sah ich mir die Dokumentation Ein deutsches Leben mit Interviews der damals über 100-jährigen Brunhilde Pomsel an, auf der das Stück basiert. Im Vergleich empfand ich die Dokumentation tatsächlich als das intensivere und nachhaltiger beeindruckende Werk. Auf der Bühne hinterließ mich Brunhilde Pomsel mit einem weitaus weniger ambivalenten Gefühl, was auch daran gelegen haben mag, dass ich mit Maggie Smith als Person schöne Kindheitserinnerungen verbinde und sie dadurch leichter als liebenswerte alte Dame wahrnehmen konnte.

In jedem Fall war es ein unvergessliches Erlebnis, diese Schauspiellegende live zu erleben – damit, dass ich überhaupt noch einmal diese Chance bekommen würde, hätte ich nie gerechnet. Zu dem Zeitpunkt, als ich abends im Bridge Theatre saß, war ich fast 24 Stunden wach, lauschte dem Monolog aber dennoch vollkommen gefesselt und ohne einen Anflug von Müdigkeit. Auch das restliche Publikum war überaus aufmerksam, im Zuschauerraum hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Als faszinierend erwies sich außerdem das vermeintlich simple Einheitsbühnenbild von Anna Fleischle, das mit seiner schleichenden, beinahe unmerklichen Veränderung am Ende für einen umso größeren Wow-Effekt sorgte.


15. Fiddler on the Roof – Menier Chocolate Factory, London

© Johan Persson

Im ersten Moment mag es verrückt klingen: Ich habe dieses Jahr so viele moderne, neue Stücke gesehen und dann schafft es ausgerechnet eine Anatevka-Inszenierung auf meine Liste – noch dazu eine recht traditionelle, die das Stück in keiner Weise radikal umdenkt oder aktualisiert. Anfang Januar 2019 war Fiddler on the Roof in der Menier Chocolate Factory einer meiner ersten Theaterbesuche des Jahres und fast hätte ich ihn bei der Zusammenstellung dieser Liste überhaupt nicht mehr auf dem Schirm gehabt. Dazwischen lagen schließlich elf ereignisreiche Theatermonate, in denen Fiddler für mich schnell wieder untergegangen war. Ich verfolgte die Inszenierung im Laufe des Jahres gar nicht weiter und hatte nach dem West-End-Transfer ins Playhouse Theatre überhaupt nicht das Bedürfnis, sie mir ein zweites Mal anzuschauen. Aber trotzdem kann ich mich noch gut erinnern, wie beeindruckt ich die Schokoladenfabrik im Januar verließ.

Ich hatte Anatevka zuvor noch nie gesehen und da diese Produktion von Trevor Nunn inszeniert wurde und unter anderem Judy Kuhn auf der Bühne stand, beschloss ich, sie zu meinem ersten richtigen Kontakt mit dem Stück zu machen. Dabei stellte ich mich schon auf einen langatmigen Nachmittag ein und war überrascht, als die knapp drei Stunden letztendlich wie im Flug vergingen. Dass ich die ganze Vorstellung über emotional so involviert war, lag sicherlich zu großen Teilen an der Intimität der Menier Chocolate Factory, die eine immersive Raumerfahrung ermöglichte. Der ganze Saal hatte sich in das Dorf Anatevka verwandelt (Bühnenbild: Robert Jones), ich fühlte mich als Teil der Gemeinde und baute im Laufe der Geschichte eine Verbundenheit zu den Figuren auf. Die fantastische Besetzung rund um Andy Nyman als Tevje und das atmosphärische Lichtdesign von Tim Lutkin trugen dazu bei, dass Fiddler in the Roof in der Menier Chocolate Factory für mich zur Bilderbuchinszenierung des Stückes wurde.


14. & Juliet – Shaftesbury Theatre, London

© Johan Persson

& Juliet ist das perfekte Beispiel dafür, wie clever ein Jukebox-Musical umgesetzt sein kann. Ich saß die komplette Vorstellung über mit einem breiten Grinsen im Publikum und erfreute mich ununterbrochen daran, wie einfallsreich diese bekannten Pop-Songs in die Handlung eingebaut wurden, mit wie viel Spielfreunde das komplette Ensemble agierte und wie hochwertig die Show in allen Belangen – vom Licht- und Sounddesign über das Bühnenbild und die Choreografie bis zu den wahnsinnig kreativen Kostümen – umgesetzt war.

Häufig, wenn beim Publikum (oft schon nach der ersten Songzeile) der Groschen fiel, warum ausgerechnet dieses Lied an dieser Stelle vorkam, erfolgte um mich herum wissendes Lachen und Kopfnicken. Ich kann & Juliet allen London-Reisenden ans Herz legen, die Lust auf eine unterhaltsame, lebensbejahende Feelgood-Show haben und sich selbst davon überzeugen wollen, dass 90er-Pop und Shakespeare mindestens genauso gut zusammenpassen wie US-Gründerväter und Hip-Hop.


13. Follies – Staatsoperette Dresden

© Vincent Stefan

Im deutschsprachigen Raum hatte Sondheim schon immer einen schweren Stand. Vor der aktuellen Produktion in Dresden wurde sein Meisterwerk Follies in Deutschland nur einmal im gespielt, nämlich 1991 am Theater des Westens in Berlin. Es ist schön, dass kurz vor Sondheim 90. Geburtstag endlich auch hierzulande immer mehr seiner Werke eine neue Chance bekommen und dabei die Wertschätzung erfahren, die seit Jahrzehnten überfällig ist.

Bereits die Ouvertüre, die eine atemberaubende cinematische Videoprojektion untermalt, verheißt einen bedeutsamen Theaterabend. Überhaupt verdient der Videokünstler Vincent Stefan das allergrößte Lob für seine Arbeit an dieser Produktion, auch außerhalb der Bühne – mit unglaublich kunstvollen Produktionsfotos, Trailer- und Backstagematerial, das seinesgleichen sucht. An der Staatsoperette Dresden ist Martin G. Berger ein großartig durchdachtes und umgesetztes Konzept gelungen, das die Handlung erfolgreich von New York nach Dresden verlegt und mit jeder Menge lokalspezifischer Nostalgie auflädt. Die Premierenfeier, auf der sich gefüllt ganz Musical-Deutschland tummelte, verstärkte das Gefühl, einer besonderen Premiere beizuwohnen und gerade die Eröffnung eines historischen Revivals erlebt zu haben, an das man sich noch in vielen Jahren erinnern wird.


12. Krabat – Staatstheater Mainz

© Andreas Etter

In meiner Kindheit war Krabat von Otfried Preußler eines meiner Lieblingsbücher. Immer wieder kehrte ich im Laufe der Jahre zu der Geschichte zurück, deren düstere Welt mich vollkommen in ihren Bann zog. Der Inszenierung von Markolf Naujoks gelingt in Mainz die perfekte Balance zwischen gelegentlichem Humor, der das Stück für Schülergruppen gut zugänglich macht, und einer sehr ernsten und erwachsenen Herangehensweise an den Stoff.

Aus dem stimmig besetzten Ensemble stechen am Staatstheater Mainz vor allem Julian von Hansemann in der Titelrolle und Rüdiger Hauffe als Meister hervor. Insgesamt ist diese Inszenierung für mich das beste Beispiel dafür, wie gekonnt sich die Handlung eines Romans bei einer Adaption auf wenige Figuren und Ereignisse reduzieren lassen kann, ohne dabei die Essenz der Vorlage aus den Augen zu verlieren. Ein zweiter Besuch im April ist bereits geplant.


11. Dear Evan Hansen – Noël Coward Theatre, London

© Matthew Murphy

Ich habe mir das Cast-Album zu Dear Evan Hansen in der Vergangenheit immer wieder gerne angehört, für mich hatte das Stück aber nie denselben hohen Stellenwert wie Fun Home, Come from Away, Hamilton oder andere zeitgenössische Werke aus den letzten fünf Jahren. Mein Problem lag vor allem im Buch und der Auflösung der Geschichte, die mich als Zuschauer in einen moralischen Zwiespalt treibt. Was mir sauer aufstößt, ist unter anderem, wie sehr Evan häufig von den Fans idolisiert und auf ein Podest gestellt wird. Zudem symbolisiert „You Will Be Found“ für mich im Kontext der Handlung eine bitterböse Scheinheiligkeit, der Hashtag wird im Marketing aber vollkommen unironisch eingesetzt. Mein Problem hängt also mindestens so stark mit der Vermarktung und Zuschauerrezeption zuammen wie mit dem Material selbst.

Als ich Dear Evan Hansen nun im Dezember zum ersten Mal live sah, fiel es mir leichter, gegenüber Evan Empathie zu empfinden und mit ihm zu leiden. Zwar habe ich immer noch meine Probleme mit dem Buch und kann mich mit dem Finale nicht so ganz anfreunden, allerdings ist die Situation der Figuren ab einem gewissen Punkt dermaßen vertrackt, dass ich gar nicht wüsste, wie man die Geschichte befriedigend zum Abschluss bringen könnte.

In jedem Fall ist die Londoner Produktion absolut empfehlenswert. Mindestens einmal sollte man das Stück alleine für das unfassbar präzise Lichtdesign und die beeindruckend eingesetzten Videoprojektionen gesehen haben. Diese verdeutlichen auf gekonnte Weise, was für eine Omnipräsenz die sozialen Medien im Leben der Figuren haben. Bei all den Problemen, die ich mit dem Buch habe, möchte ich den differenzierten Umgang mit Social Media loben, da sowohl die positive Kraft der Vernetzung als auch die Schattenseiten beleuchtet werden. Es wird weder ausschließlich glorifiziert noch verteufelt. Unfassbar stark ist in London auch die Besetzung, angeführt von der Neuentdeckung Sam Tutty, der in der Titelrolle strahlt wie eine Supernova.


10. Fun Home – Internationaal Theater Amsterdam

© Neeltje Knaap

Ach, Fun Home. Seit ich 2015 eine Preview-Vorstellung am Broadway gesehen habe, ist es mein absolutes Lieblingsmusical. Um nichts in der Welt wollte ich daher die niederländische Erstaufführung in Amsterdam verpassen, schon gar nicht, weil die Aufführungen zeitlich perfekt in die Pride-Parade eingebettet waren, die in der Stadt jedes Jahr auf Neue ein Riesenereignis ist. Als ich – beschwingt von der Parade und von Kopf bis Fuß mit Regenbögen übersät – in der Dernièrenvorstellung von Fun Home im Internationaal Theater saß, wurde mir besonders deutlich bewusst, was für einen wichtigen Beitrag das Stück zur kollektiven LGBTIQ-Geschichte liefert.

Insgesamt gefiel mir Fun Home in Amsterdam wahnsinnig gut. Die Besetzung war fantastisch, allen voran Renée van Wegberg, die vollkommen verwandelt schien und der echten Alison Bechdel in ihrem Auftreten von allen Darstellerinnen, die ich bisher in der Rolle gesehen habe, am nächsten kam. Die einzige Sache, an der ich mich störte, war die Art und Weise, wie „Ring of Keys“ inszeniert wurde, da die Szene so vollkommen ihre eigentliche Wirkung verfehlte. Anders wäre der Theaterbesuch auf meiner Rangliste vielleicht noch weiter vorne gelandet. Schließlich hielt die Inszenierung sehr viele wunderschöne Einfälle bereit, vor allem das kathartische Finale, in dem alle drei Alisons miteinander agierten, sich gegenseitig wahrnahmen und berührten.


9. Six – Arts Theatre, London

© Idil Sukan

Als ich die Liste meiner Theaterbesuche 2019 erneut durchging, hätte Six für mein Ranking fast gar nicht in Erwägung gezogen. Im Nachhinein besteht die Gefahr, Six als „diese eine Bubblegum-Pop-Show mit Glitzerkonfetti“ abzutun und keinen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. Wenn ich mich aber in meinen Showbesuch im März zurückversetze, werde ich daran erinnert, wie perfekt das Stück für mich funktioniert hat, was für eine runde Sache es war.

Was Six so besonders macht, ist der innovative Einsatz zeitgenössischer Musik und popkultureller Referenzen, gepaart mit einigen der intelligentesten Liedtexte, die ich in den letzten Jahren im Theater gehört habe. Es bleibt abzuwarten, wie Six sich am Broadway schlagen wird. In ihrem jetzigen Format in London, als kompakter 70-minütiger Einakter in einer intimen Spielstätte, hat die Show für mich bestens funktioniert und ich hoffe, dass sie nicht mit Gewalt für die große Broadway-Bühne aufgebauscht wird. Dem Arts Theatre hat sie im letzten Jahr jedenfalls einen unvergleichlichen Kult beschert und ein Ende ist für Six in London bis auf Weiteres nicht in Sicht.


8. Touching the Void – Duke of York’s Theatre, London

© Michael Wharley

Während meiner London-Reise im Dezember fand ich mich vollkommen spontan bei Touching the Void im Duke of York’s Theatre wieder, nachdem leider meine geplante Matinée von Ghost Quartet abgesagt wurde und ich mich in letzter Minute nach einem Alternativprogramm umsehen musste. Dass mich das Theaterstück so schnell in seinen Bann zog, mag auch daran gelegen haben, dass ich aufgrund meines kurzfristigen Ticketkaufs überhaupt keine Erwartungen hatte und die Chancen auf eine positive Überraschung sehr gut standen. Ich wusste vor meinem Besuch nichts über die wahren Ereignisse, auf denen das Stück basiert, und habe weder das Buch Sturz ins Leere gelesen, noch den dazugehörigen Film gesehen.

Ich war emotional zu jeder Sekunde stark involviert und erlebte das Bühnengeschehen als sehr intensiv, was sicher auch mit meinem Platz in der ersten Reihe zusammenhing. So tauchte ich vollkommen in die Geschichte ein, fieberte mit Simpsons Überlebenskampf mit und vergaß alles um mich herum. Als ich zwei Stunden später wieder in den Alltag zurückkehrte, steckte ich voll neu gewonnener Inspiration. Touching the Void war die perfekte Erinnerung daran, wie effektiv sich eine abenteuerliche Geschichte auf der Bühne selbst mit den leichtesten Mitteln umsetzen lassen kann.


7. Sunday in the Park with George – Landesbühnen Sachsen, Radebeul

© Pawel Sosnowski

Was für ein Geschenk es doch war, im November mit Follies an der Staatsoperette Dresden und Sunday in the Park with George an den Landesbühnen Sachsen zwei so fantastische Sondheim-Revivals so dicht beieinander zu erleben. Für mich schrie das förmlich nach einem Sondheim Double-Feature, also verband ich meinen Besuch bei der Follies-Premiere mit einem kleinen Abstecher nach Radebeul am Folgetag. Sicherlich ist Sunday gemessen an den Maßstäben deutscher Musical-Spielpläne nicht das am leichtesten zugängliche Werk. Dass es aber nun schon 25 Jahre nicht mehr in Deutschland gespielt wurde (und auch davor erst zweimal zu sehen war), ist wirklich schade, schließlich gehört das Werk zu den wenigen Musicals, die mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurden.

Sebastian Ritschels Inszenierung ergibt ein stimmiges Gesamtbild, bei dem sein eigenes Lichtdesign perfekt mit Sven Stratmanns Videodesign zusammenspielt (sehr beeindruckend: die Chromolume-Sequenz im zweiten Akt!). Sondheims geistreiche Texte möglichst verlustfrei zu übertragen, scheint an Unmöglichkeit zu grenzen, doch Robin Kulisch ist hier eine phänomenale neue deutsche Textfassung gelungen, die sicherlich zu den besten Übersetzungsarbeiten der letzten zwanzig Jahre gezählt werden darf.


6. The Ocean at the End of the Lane – National Theatre, London

© Manuel Harlan

Was mich in erster Linie dazu bewegt hat, ein Ticket für The Ocean at the End of the Lane im National Theatre zu buchen, war das fantastische Poster von Nicolas Delort im Stranger Things-Look. Da ich eine der ersten Previews besuchte und zu diesem Zeitpunkt noch keine Produktionsfotos online kursierten, hatte ich überhaupt keine Vorstellung, was mich erwarten würde. Auch die Romanvorlage von Neil Gaiman hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen (das hole ich aktuell nach).

Bereits in der Pause war ich vollkommen begeistert und hatte den Drang, meine Euphorie sofort mit allen zu teilen. In aufgeregten Textnachrichten an meine Freunde beschrieb ich die Show spontan als Mischung aus Stranger Things, Dark, Coraline und Over the Garden Wall. Die Puppenkunst und die beeindruckenden Effekte erinnerten mich zudem an die fantasievolle Umsetzung von Cursed Child. Auch um mich herum vernahm ich viele enthusiastische Stimmen, die das Stück als neuen Curious Incident handelten und einen West-End-Transfer prophezeiten. Ob es tatsächlich zu einem Transfer kommen wird, steht noch nicht fest. Zumindest über eine Veröffentlichung des Underscores mit den 80er-Synthesizer-Klängen von Jherek Bischoff würde ich mich sehr freuen, damit ich meinen Theaterbesuch angemessen Revue passieren lassen kann.


5. Ragtime – Landestheater Linz

© Reinhard Winkler

Ragtime am Landestheater Linz war die beste deutschsprachige Produktion, die ich 2019 gesehen habe. Nachdem mich zwei Jahre zuvor die Inszenierung in Kassel (mit englischen Liedtexten) enttäuscht zurückgelassen hatte, wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die erste Produktion in Roman Hinzes kompletter deutscher Textfassung zu sehen. Die beschwerliche Reise nach Oberösterreich hat sich für mich mal wieder vollkommen gelohnt. Ich liebe das Landestheater Linz einfach. Was für ein fabelhaftes Theater, in dem die Kunstform Musical leben und atmen und sich von ihrer besten Seite zeigen kann.

Bei Ragtime in Linz stimmte für mich alles, von der starken Besetzung um Anaïs Lueken, Carsten Lepper, Gino Emnes, Riccardo Greco und Myrthes Monteiro über das großartige Bühnenbild und Lichtdesign bis zur hervorragenden Übersetzung. Es ist wirklich schade, dass von dieser Produktion kein Cast-Album veröffentlicht wurde. Sicherlich wäre das die ultimative deutsche Ragtime-Fassung geworden, an der sich alle zukünftigen Inkarnationen hätten messen müssen. Doch auch ohne Aufnahme wird mir diese Inszenierung noch lange positiv in Erinnerung bleiben.


4. Harry Potter and the Cursed Child – Palace Theatre, London

© Manuel Harlan

Klar, auf dem Papier klingt Cursed Child ein bisschen wie eine mittelmäßige Fanfiction. Aber dieses Stück wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern gesehen zu werden. Harry Potter ist meine Kindheit (stolzer Hufflepuff hier!) und bei meinem Besuch im Palace Theatre im März 2019 konnte ich für knapp sechs Stunden wieder vollkommen in die Welt eintauchen, die mich auf meinem Weg zum Erwachsenwerden so stark geprägt hat. Da ich um das veröffentlichte Skript zuvor immer einen großen Bogen gemacht hatte, erlebte ich die Handlung im Theater auch weitestgehend ungespoilt, was ein schönes Erlebnis war.

Die Schwächen des Buches wirken auf der Bühne sekundär und was die Produktion für mich so sehr auszeichnet, ist die beispiellose Umsetzung, die das Publikum immer wieder in Staunen versetzt und gleichzeitig einen wunderbar handgemachten Charakter hat. Wenn ich beispielsweise daran denke, wie der Patronus umgesetzt wurde – das war pure Bühnenkunst mit traditionellen Theatermitteln, fantasievoll, einfallsreich und vollkommen losgelöst von der Ästhetik der Filme. Als gesamtes Theatererlebnis habe ich selten etwas Aufregenderes gesehen und ich freue mich schon wahnsinnig darauf, das Stück 2020 in Hamburg mit der extrem vielversprechenden deutschen Besetzung erneut zu erleben.


3. Death of a Salesman – Piccadilly Theatre, London

© Brinkhoff/Mögenburg

Dass man emotional sehr tief von einem Theaterbesuch getroffen wird, kann sich auf viele verschiedene Weisen äußern. Manchmal passiert die Reaktion schon unmittelbar im Zuschauerraum und man kann die Tränen während der Vorstellung nicht zurückhalten. Und manchmal verlässt man das Theater nach der Vorstellung zusammen mit seiner Begleitung – mit der man sonst nach jedem gemeinsamen Theaterbesuch das weltgrößte Mitteilungsbedürfnis teilt – in absolutem Stillschweigen und redet auf dem gesamten Heimweg kein Wort miteinander. Dieses unausgesprochene Einverständnis, dass gerade jeder das Gesehene erst für sich selbst verarbeiten muss, bevor der gemeinsame Austausch stattfinden kann (der dafür umso intensiver war und uns mal wieder die halbe Nacht wachhielt), war eines meiner prägendsten Theatererlebnisse des Jahres.

Und wie verrückt, dass diese Reaktion ausgerechnet von einer Aufführung von Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden hervorgerufen wurde. Marianne Elliott ist meine Theaterheldin – was sie hier in Co-Regie mit Miranda Cromwell, und mit Wendell Pierce und Sharon D. Clarke in den Hauptrollen, aus dem Stoff gemacht hat, ist sensationell. Ein Klassiker, der unter anderen Umständen durchaus verstaubt anmuten könnte, sich hier aber plötzlich wie eine brandneue Show anfühlt. Dieser Eindruck wird von dem gigantischen Poster am Vordach des Piccadilly Theatre im Must-See-Kino-Blockbuster-Look unterstützt. Mein erster Berührungspunkt mit Death of a Salesman hat die Messlatte so hoch gelegt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dieses Stück jemals in meinem Leben wieder in einer besseren Inszenierung zu sehen.


2. Hadestown – National Theatre, London

© Helen Maybanks

Das Jahr 2019 stand ganz unter dem Zeichen von Hadestown. Es kommt mir heute surreal vor, dass ich Hadestown im selben Kalenderjahr in London gesehen habe, in dem die Show einige Monate später auf der anderen Seite des Atlantiks für so viel Furore sorgen und acht Tony Awards abräumen würde. Anfang Januar 2019 begann mein Theaterjahr im National Theatre mit dieser Produktion, die sich rückblickend als Tryout-Station für den Broadway-Transfer beschreiben lässt. Sicherlich hat sich Hadestown nach dem Londoner Run noch weiterentwickelt, aber ich habe mich gerade in diese Work-in-Progress-Fassung Hals über Kopf verliebt und in meinem Herzen wird Orpheus insgeheim immer ein kleiner Singer-Songwriter mit Hipster-Jeansjacke und Skinny Jeans bleiben.

Bereits während der Eröffnungsnummer „Road to Hell“ fiel mir die Kinnlade herunter und ich konnte meinen Mund für den Rest des ersten Aktes nicht mehr schließen, so gefesselt war ich von dem Bühnengeschehen. Aus Angst, bei diesem einzigen Besuchen nicht ansatzweise alle Eindrücke aufsaugen zu können, die das Stück bereithielt, warf ich kurzerhand alle meine Pläne für den nächsten Tag über den Haufen, um Hadestown ein zweites Mal zu sehen. Für mich stellt Hadestown eine fantastische Bereicherung zum modernen Musiktheater dar. Müsste ich einen Preis für die beste darstellerische Leistung des Jahres vergeben, so ginge die Trophäe ohne zu zögern an Amber Gray, die als Persephone auf der Bühne eine unglaubliche, vollkommen entfesselte Darbietung erbrachte.


1. The View UpStairs – Soho Theatre, London

© Darren Bell

Am Ende des Tages geht es manchmal gar nicht darum, welches Stück die intelligenteste Musik oder oder das schlüssigste Buch oder die Pulitzer-würdigsten Liedtexte hat. Wenn ich heute wieder an The View UpStairs im Soho Theatre zurückdenke, kommt in mir ein Strudel an Emotionen auf. Ich erinnere mich mit einem Lächeln auf den Lippen an die lustigen und empowernden Momente, bin aber gleichzeitig zutiefst betroffen, wenn die dramatischen Augenblicke wieder in mir aufleben. The View UpStairs mag vielleicht nicht das formvollendetste Stück sein, das je geschrieben wurde, aber dennoch hatte es für mich alles zu bieten, was einen erfüllenden und nachhaltig wirkenden Theaterbesuch ausmacht.

Dreimal war ich 2019 in London während einer Show von einem schluchzenden, vollkommen aufgelösten Publikum umgeben. Bei Dear Evan Hansen und Falsettos stellte ich kurzzeitig meine komplette Gefühlsfähigkeit infrage, weil keines der beiden Stücke mir auch nur eine Träne entlocken konnte. The View UpStairs hingegen überrollte mich wie ein LKW. Im dunklen Zuschauerraum des Soho Theatre muss mein Gesicht während der letzten Viertelstunde ausgesehen haben wie das „ugly crying“-Gif von Emma Stone, die sich heulend mit Eis vollschaufelt. Noch Monate später läuft das Cast-Album vom Off-Broadway bei mir in Dauerschleife und ich bin unendlich dankbar dafür, diese bewegende Produktion an ihrem Dernièrentag in London live miterlebt und diese Gefühlsachterbahn mit einem Saal voll mitfühlender Menschen geteilt zu haben.

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